Osnabrück Pracht und Katastrophe: Warum uns der Maler Gustav Klimt nicht loslässt
Pracht und Katastrophe: Gustav Klimt ist der Maler einer untergehenden Epoche. Der neue Klimt-Coup: „Fräulein Lieser“ wird versteigert. Ein Millionen-Ding. Aber warum fasziniert Klimt eigentlich so?
Schon wieder Gustav Klimt. Der Maler lässt uns nicht los. Sein Leben ging 1918 zu Ende, als auch jene Doppel-Monarchie im Ersten Weltkrieg unterging, deren morbiden Luxus Klimt in seinen Bildern einfing. Pracht und Katastrophe: Dieser Doppelklang verzaubert – und lässt erschauern. Jetzt erklingt er wieder.
Nicht Sotheby´s, nicht Christies, nein, das kleinere Wiener Auktionshaus im Kinsky bietet „Fräulein Lieser“ an. So zart der Blick der jungen Dame auch sein mag – ihr Auftritt auf dem Kunstmarkt löst Donnerhall aus. Ging nicht erst am 23. Juni 2023 Klimts „Dame mit dem Fächer“ bei Sotheby´s für 99,2 Millionen Euro weg?
Gustav Klimt, das ist „Der Kuss“ oder „Adele Bloch-Bauer“. Der Maler mit den vielen Frauen ist der Spezialist für eine schwüle Erotik, die so wenig jedermanns Sache ist wie der Goldregen, in den er seine Figuren stellt. Gold, nichts als Gold: Wenn Klimt malt, schimmert und glänzt die Welt. Die Fans nehmen längst ihr visuelles Vollbad. Klimt als immersive Erlebniswelt zum Eintauchen: Seit Jahren ist das Trend.
„Fräulein Lieser“: Das ist der nächste Klimt-Coup. Experten kannten das Bild nur als Fotografie in Schwarz und Weiß. Umso intensiver leuchten jetzt seine Farben. Die junge Dame tritt aus dem Dunkel der Geschichte auf uns zu. Ein genialer Regisseur hätte sich das nicht perfekter ausdenken können. Ein Kunsthändler auch nicht. Ein Klimt – taufrisch, marktfrisch. Was für ein Treffer.
Ob es bei den taxierten 30 bis 50 Millionen Euro bleibt, wenn das Gemälde am 24. April 2024 versteigert werden wird? Bei der Aussicht auf einen noch höheren Betrag kommen die einen ins Träumen, die anderen schütteln nur den Kopf. Der Kunstmarkt ist wirklich eine Welt für sich, mit ihren Dramen, ihren Glücksgefühlen.
Ich versenke mich lieber in das Bild. Klimt malt es 1917. Deutsche Streitkräfte setzen bei Ypern erstmals Senfgas ein. Die Tänzerin Mata Hari wird als Spionin hingerichtet. In Russland stürzt Zar Nikolaus II. In Wien sitzt unterdessen Fräulein Lieser Modell.
Das Mädchen trägt den blauen Blumenumhang wie einen schützenden Mantel. Rings umher flammt die Welt, auch auf dem Bild. Der Blick der jungen Frau scheint ruhig. Nur ihre linke Hand wirkt verkrampft, verrät Anspannung. Schön ist das Leben. Ob sie das gedacht hat, als sie Klimt Modell saß?
Wie schutzlos kann ein Mensch sein, wenn gerade die Welt einstürzt? Das frage ich mich, wenn ich Fräulein Liesers schönes Gesicht sehe. Dieses Bild wirkt wie eine Mahnung, gerade heute, in einer weiteren Zeit der Katastrophen. Genau das macht dieses Bild unvergesslich – nicht der Millionenbetrag, für den es den Besitzer wechseln wird.