Mehr als 400 Menschen bei Demo Borkum setzt ein deutliches Zeichen gegen rechts
Bei einer Kundgebung am Sonnabend haben sich die Teilnehmenden klar positioniert. „Borkum ist und bleibt demokratisch und bunt!“, brachte es Redner Andreas Langkau auf den Punkt. Mit Bildergalerie.
Borkum - „Kein Matjes für Nazis“, „Ich mag alle Farben außer Braun“, „Nazis hatten wir schon, war kacke!“, „Lieber solidarisch als solide arisch!“ oder „Eene mene meck, die AfD muss weg!“: Ebenso kreativ wie deutlich waren die Botschaften, die am Sonnabend – am 79. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten – von Borkum aus gesendet wurden. Zu lesen waren sie auf zahlreichen Plakaten und Transparenten – der Großteil davon Marke Eigenkreation – bei der Kundgebung gegen Rechtsextremismus und für Demokratie. Geschätzt 400 bis 500 Teilnehmende hatten sich zu der rund 40 minütigen Veranstaltung – von der Borkumer SPD initiiert, von den anderen Parteien/Fraktionen der Insel sowie von Schulen und Ökumene unterstützt – versammelt.
Der Ort des Geschehens, gleich neben dem Gedenkstein beim Rathaus, der an den Antisemitismus auf Borkum erinnert, war dabei nicht zufällig gewählt. Denn bekanntlich hat auch die Insel ein dunkles Kapitel, das Andreas Langkau, Bildungsreferent der katholischen Kirchengemeinde Maria Meeresstern, in seiner ebenso deutlichen wie bewegenden Rede nicht aussparte. „Dieser Gedenkstein hier neben dem Rathaus erinnert daran, dass auch auf Borkum jener Geist herrschte, der in genau jene tiefsten Abgründe der Unmenschlichkeit führte.“
Auch auf Borkum hieß es mal: „Wir sind judenfrei!“
Auf Borkum habe man schon Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Slogan „Wir sind judenfrei!“ geworben – „da ging Adolf Hitler noch in eine österreichische Grundschule“. Langkau zitierte dabei aus dem antisemitischen Borkum-Lied: „An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier. Wir halten rein den Ehrenschild Germania für und für! Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand genießen, der muß hinaus, der muß hinaus!“
In der Gegenwart, so Andreas Langkau, höre man immer häufiger und lauter neue „Borkum-Lieder“. „Wir sind hier, weil wir diese Parolen nie wieder hören wollen, weil sie uns zu Recht Angst machen – vor allem denen von uns, die nicht dem ideologischen Erscheinungsbild des ,richtigen Deutschen‘ entsprechen.“ Deshalb sei man hier und sage laut und deutlich: „Nie wieder ist jetzt! Jetzt, hier, heute erinnern wir nicht nur an das Damals. Jetzt, hier und heute stehen wir auf, damit das Damals nicht unsere Zukunft wird.“
Appell, Menschen als Bereicherung zu sehen
Langkau appellierte, Menschen, die aus anderen Ländern kommen, als Bereicherung zu sehen und verwies dabei unter anderem auf die rumänischen Mitbürgerinnen und Mitbürger Borkums, die mittlerweile über zehnt Prozent der Inselbevölkerung ausmachten. „Wir sind heute hier, um deutlich zu machen: Auf Borkum ist kein Platz für Ausländerhass. Auf Borkum ist kein Platz für Ideologien vom ,reinen Volk und Vaterland‘. Hier auf Borkum darf kein Verschwörungsgerede und kein Angriff auf unser Grundgesetz Raum gewinnen.“ Borkum sei und bleibe demokratisch und bunt. Und man wisse sich verbunden „mit so vielen deutschlandweit, ganz aktuell gerade auch in Leer und Emden“. Die Feuerprobe „unserer Ernsthaftigkeit bei diesen großen Themen“ stelle sich indes im Alltag ein: „Im Gespräch mit Arbeitskollegen und Nachbarinnen, im Umgang von Schülerinnen und Schülern untereinander und in der persönlichen Bereitschaft, sich über Sachthemen zu informieren“.
Unterstützt wurde Andreas Langkau von den Schülersprecherinnen der Inselschule, Ira Christiansen, Milica Jovic, Lilli Valatka und Mara Lechner, die zwischendurch zentrale Artikel aus dem deutschen Grundgesetz zitierten. „Uns ist wichtig, dem Rechtsextremismus keinen Platz zu bieten und zu zeigen, dass wir als Volk dagegen stehen“, erklärte Lilli Valatka im Anschluss an die Kundgebung. Dass es vor allem in den sozialen Medien so viele Menschen als richtig empfänden, dass „die AfD an die Macht kommt, Rechtsextremismus ok ist und so offen von einem ,reinen‘ Deutschland gesprochen wird, ist einfach unvorstellbar. Dieser Gedanke, dass das irgendwann Realität werden könnte“, sagte die 16-Jährige. Über das Thema werde auch viel im Unterricht gesprochen – und offenbar nicht nur dort, wie die große Resonanz und die zahlreichen Plakate am Sonnabend zeigten.
Kohl- und Pinkeltour muss erstmal warten
Auch Jürgen Müller hatte eines angefertigt („Ich mag alle Farben Ausser BRAUN!“). Dabei sah die ursprüngliche Wochenendplanung für ihn eigentlich eine Kohl- und Pinkeltour mit den ehemaligen Skatbrüdern vor, die kurzerhand nach hinten verschoben wurde. Angemeldet worden sei die Kundgebung mit 30 Leuten, „aber ich glaube, wir sind weitaus mehr“ freute sich Müller über die rege Teilnahme. Gerade vor dem Hintergrund der Borkumer Geschichte sei es wichtig, sich auch heute Gedanken zu machen und ein deutliches Zeichen gegen rechts zu setzen.
Dies bekräftige Melanie Helms als stellvertretende Bürgermeisterin, die den verhinderten Amtsinhaber Jürgen Akkermann vertrat, der einen Termin auf dem Festland hatte. „Zu zeigen, wir sind vielfältig, wir stehen fest zusammen, wir lassen uns nicht spalten – egal, welche Nationalität, egal woher wir kommen – ist ein wichtiges Signal, nicht nur auf Borkum, sondern auch in Richtung Festland“, sagte Helms.
Auch Markus Stanggassinger, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, freute sich über das deutliche Signal, dass Borkum bunt ist – und dass die Spontan-Organisation der Kundgebung so gut geklappt hat. Schließlich war am Sonnabend eigentlich der SPD-Neujahrsempfang geplant gewesen.
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