Leben ohne Alkohol Therapeut räumt auf mit Mythen rund um den Alkoholentzug
Die Entgiftung im Krankenhaus sei eine Art Guantanamo befürchten einige Suchtkranke. Davon sei die Realität weit entfernt, sagen Experten, die die Praxis kennen.
Ostfriesland - Jeden Abend zwei Flaschen Bier und am Wochenende kommen noch einige Spirituosen dazu, hier ein Cocktail, da ein paar Schnäpse. Anlässe und Einladungen gibt es genug. Am Montag hat der Körper dann schon mal deutliche Anlaufschwierigkeiten. Die Aufmerksamkeit ist eingeschränkt, die Reaktionsfähigkeit auch. Wer über viele Jahre in dieser Trink-Routine lebt, kann sich fragen, ob er abhängig ist, auch wenn er keine massiven Ausfallerscheinungen hat und eher unauffällig lebt. Keine finanziellen Schwierigkeiten, die Familie ist intakt, der Führerschein in einem schwarzen Ledermäppchen.
Welche Anzeichen sprechen für eine Alkoholabhängigkeit?
Das lässt sich nicht verallgemeinern, sind sich die Experten einig. „Die Diagnose, abhängig zu sein, kann sich jeder nur selbst stellen“, sagt Uwe Dogs . Der 43-Jährige ist Suchttherapeut in der Entzugsabteilung des Krankenhauses Rheiderland, wo ein Team von Spezialisten sich um Alkoholkranke kümmert. Nach seiner Einschätzung ist es ganz wichtig, dass die Motivation, mit dem Trinken aufzuhören, von innen, also von den Abhängigen selbst, kommt. Alles, was von außen durch Druck oder ähnliches gesteuert werde, sei meistens kurzlebig und nicht sehr nachhaltig. „Daran, diese sogenannte intrinsische Motivation zu wecken, arbeiten wir während der Therapie.“ Keiner trinke ohne Grund. Diesen freizulegen und ein Gespür für die eigene Lebensgeschichte zu entwickeln, sei die Aufgabe der Therapie, die sich an die zweiwöchige Entgiftung anschließen könnte.
Nach seiner Beobachtung sind nicht alle Menschen, die bei ihm Unterstützung suchen, körperlich und seelisch am Ende. Manche suchten die Klinik aus ganz pragmatischen Gründen auf, beispielsweise, weil der Führerschein bei einer Trunkenheitsfahrt von der Polizei einkassiert worden ist. Es könne aber auch sein, dass sich Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung eingestellt haben. „Es ist immer irgendeine Form von Leid, die Menschen dazu führt, etwas zu unternehmen und Hilfe zu suchen“, hat Uwe Dogs beobachtet. Eigene Versuche, selbst von der Droge loszukommen, sind meist gescheitert, weil die Abhängigkeit schon sehr groß ist.
Warum ist der Weg zum Entzug so schwer?
Das Verblüffende: Alkoholabhängigkeit ist immer noch mit einem Riesenstigma verbunden und gilt als peinliche Erkrankung. Das ist umso erstaunlicher, als die Krankheit seit 1968 vom Bundessozialgericht anerkannt ist. Gleichwohl haben die meisten Menschen nach der Erfahrung von Uwe Dogs große Schwierigkeiten, darüber zu reden. Das liege auch an dem öffentlichen Bild, das in Zusammenhang mit Alkohol transportiert werde. Da gehe es um das Barcardi-Feeling am Strand, darum, sich mit einem Bier königlich zu fühlen, und dergleichen mehr. Alkohol ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein soziales Schmiermittel. Das sei eben nur die eine Seite oder die erste Phase, der Rausch, die positiven Folgen des emotionalen Enthemmtseins, aber schon am nächsten Tag kommt mit dem Kater die zweite Phase. Uwe Dogs nennt Zahlen: Nach seiner Erfahrung kommen Alkoholkranke teilweise erst nach zehn bis 15 Jahren das erste Mal in Behandlung, wenn überhaupt. Viele Abhängige schöben das hinaus, solange das Leben gerade noch funktioniert. Erst wenn das System zusammenstürzt oder der Crash droht, werde jemand im besten Fall aktiv. Das Leugnen und Verheimlichen sei ein Symptom der Erkrankung.
Wie sollte sich das Umfeld verhalten?
Uwe Dogs räumt ein, dass es sich um eine schwierige Situation handelt: „Gesetzt den Fall, jemand hat einen Verdacht und spricht den betreffenden Menschen darauf an, kann es sein, dass er auf Konfrontation triff. Dann ist die Furcht groß, es sich auf alle Zeiten mit dieser Person verdorben zu haben.“ Noch schlimmer: Es könnte sein, dass derjenige aggressiv wird und auf die Palme steigt. Diese Situation löse immer eine große Verunsicherung aus und führe dazu, dass alle den Mund halten. Der Therapeut hört auf den Satz von seinen Patienten: „Ich habe gedacht, es habe niemand mitbekommen, dass ich trinke, doch tatsächlich wussten es alle.“ Von so einem Satz könne man schon ableiten, wie viel Scham und Angst mit diesem Tabuthema verknüpft seien. Gleichwohl hält es Uwe Dogs für sehr wichtig, die Sucht zu thematisieren.
Er weist auf das Phänomen der Co-Abhängigkeit hin. Das heißt, dass die Familie und auch die Kollegen sich oft perfekt in das Verleugnungs- und Verdrängungssystem des Suchtkranken integrieren, indem sie dessen Verhalten decken, entschuldigen oder überspielen. Das passiert nur, weil diejenigen selbst von Scham- und Schuldgefühlen gepeinigt werden. „Dahinter steckt natürlich auch eine Form von Hilflosigkeit oder ein Mangel an Alternativen. Mein Kollege hat dafür oft ein anschauliches Bild gewählt: Es sei eine ähnliche Situation wie im Cockpit eines Flugzeugs, wenn der Pilot plötzlich ohnmächtig wird. Dann hat der Co-Pilot auch keine andere Chance, als ins Steuer zu greifen und die Kontrolle zu übernehmen.“
Was ist der erste Schritt?
Der Körper, der den Alkohol aufgrund einer Toleranzentwicklung in alle Prozesse eingebaut hat, muss zunächst entgiftet werden. Das sollte unbedingt in einem Krankenhaus passieren, weil der Entzug Komplikationen mit sich bringen kann. Dafür gibt es in Ostfriesland drei Entzugsabteilungen, zwei im psychiatrischen Setting in der Norder Klinik (Telefon 04931/1810) und im Klinikum Emden (Telefon 04921/980), eine im Krankenhaus Rheiderland (Telefon 04951/301456 oder -117). Dort gibt es den qualifizierten Entzug seit Mitte der 80er Jahre. Im Schnitt werden 300 bis 350 Patienten im Jahr behandelt, wovon ein Viertel Frauen sind.
Vor der Aufnahme steht in der Regel ein Telefonat mit einem Suchttherapeuten. „Dabei nehme ich vielen Menschen schon Ängste. Es gibt bisweilen die Befürchtung, dass man bei einem Entzug eingesperrt wird und keine Kontrolle mehr über sein Leben hat. Manche denken offenbar, die Entgiftung sei Guantanamo. Das hemmt natürlich“, sagt Uwe Dogs. Er erkläre den Menschen dann, dass sie in ein normales Krankenhaus auf die Innere Medizin kommen, wo sie sich freiwillig aufhalten, und zwar rund zwei Wochen lang. Die Patienten müssen medizinisch überwacht werden. Gerade stark Alkoholabhängige können in ein Delirium fallen, das starke Halluzinationen mit sich bringt. Die Menschen sind dann oft desorientiert, es besteht die Gefahr, dass sie vor ein Auto laufen oder aus dem Fenster springen.
Wie profitiert der Suchtkranke von der Therapie?
Laut Uwe Dogs gibt es bereits während der Entgiftung erste therapeutische Schnupperangebote. Dort erlebten viele den ersten ehrlichen Austausch über das Wesen der Sucht. „Das kann sehr entlastend sein“, hat der Therapeut beobachtet. Zur suchttherapeutischen Behandlung gehören zudem Aufklärung über die Abhängigkeitserkrankung sowie Vermittlung in weiterführende Hilfen wie Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen.