Hannover Teresa Enke: „Hatte schwere Zeiten, aber nun führe ich wieder ein glückliches Leben“
Robert Enke war ein herausragender Fußballer und schwer krank. Der Suizid des Keepers von Hannover 96 ist bald 15 Jahre her. Wir haben mit seiner damaligen Ehefrau Teresa Enke über die Krankheit Depression und ihre Stiftung gesprochen – und darüber, wie sie den Verlust verkraftet hat. Ein sehr persönliches Interview.
Die Witwe von Fußballprofi Robert Enke, Teresa Enke, hatte unter dem Verlust ihrer herzkranken Tochter und dem Suizid ihres Mannes einst so stark gelitten, dass sie sich damals in Behandlung begeben hat. „Es war der Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr konnte. Ich habe mir Hilfe geholt und bin für zweieinhalb Monate in eine Klinik gegangen, um mir helfen zu lassen und wieder Freude am Leben zu finden“, sagt Enke im Interview mit unserer Redaktion.
Überdies ruft die Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung dazu auf, aus der Krankheit Depression kein Geheimnis zu machen. „Ich sage ganz klar: Je mehr Menschen sich zu dieser Krankheit bekennen, desto hilfreicher ist es für andere Betroffene.“
Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:
Frage: Frau Enke, Sie waren neun Jahre lang mit Robert Enke verheiratet. Am 10. November dieses Jahres ist es 15 Jahre her, dass der ehemalige Nationaltorwart und Ex-Keeper von Hannover 96 sich das Leben nahm. Wie blicken Sie diesem Datum entgegen?
Antwort: Am Todestag von Robbi mache ich mittlerweile meist nichts anderes als an anderen Tagen auch. Sein Geburtstag, der 24. August, ist für mich der Tag, an dem ich trotz vieler trauriger Gedanken ganz besonders an die guten Zeiten denke, die ich mit ihm hatte.
Frage: Robert Enke litt unter Depressionen. Sie haben nach seinem Tod eine gleichnamige Stiftung gegründet. Erklären Sie doch bitte kurz, was genau Ihre Stiftung macht.
Antwort: Wir sind unterteilt in Depression als Volkskrankheit und im Spitzensport und auf der anderen Seite in den Bereich der herzkranken Kinder. Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Aufklärungsarbeit. Es geht uns darum, den Menschen zu erklären, dass eine Depression kein Zeichen von Schwäche ist, sondern jeden treffen und vor allem geheilt werden kann, wenn man sich Hilfe holt. In der leichten Form ist eine Depression mit einem Kreuzbandriss zu vergleichen, in der schweren Ausprägung mit Krebs. Ebenso zeigen wir Eltern auf, dass man auch mit einem herzkranken Kind ein gutes Leben führen kann. Wir verstehen uns in gewisser Weise auch als Mutmacher.
Frage: Die Krankheit „Depression“ wurde durch den Suizid von Herrn Enke in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt – auch, weil Sie sich trotz Ihrer Trauer nicht versteckt, sondern öffentlich Stellung bezogen haben. Inwieweit hat Ihnen das dabei geholfen, einen solchen Schicksalsschlag zu verkraften?
Antwort: Die Idee zu der Stiftung hatte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger und ich muss sagen, dass es eine großartige Idee war. Mir hat das viel Halt gegeben damals und es hat mir dabei geholfen, Teil der Fußball-Familie zu bleiben, obwohl für mich durch den Tod von Robbi von einem Tag auf den anderen alles wegbrach. Auch habe ich durch die Stiftung Kontakt bekommen zu anderen Betroffenen. Damals war noch nicht längst so bekannt, was es bedeutet, unter Depressionen zu leiden. Ich hatte mich zunächst alleine gefühlt, aber durch die Stiftung mit vielen Menschen gesprochen und dadurch die Krankheit nach und nach verstanden. All die Gedanken der Erkrankten waren Gedanken, die Robert zum Teil auch hatte. Ich hätte mir gewünscht, dass er diese Erfahrung auch noch hätte machen können, um zu sehen, dass er mit seiner Krankheit nicht alleine ist.
Frage: Bald 15 Jahre ist der Suizid von Robert Enke her. Was hat sich aus Ihrer Sicht in der Zwischenzeit bei der Aufklärung über die Krankheit Depression getan?
Antwort: Es hat sich wirklich unheimlich viel getan in dieser Zeit. Das ändert aber nichts an der Tücke dieser Krankheit, die Menschen nach wie vor in den Tod treiben kann. Aber die zentrale Botschaft ist: Es gibt Hilfe. Auch die Medien haben dabei geholfen, das Thema aus der Tabuzone zu holen. Dabei geht es nicht um Sensationslust, sondern um eine normale Berichterstattung, die bei der Aufklärung hilft. Und dennoch ist diese Krankheit nach wie vor schwer zu greifen. Wenn jemand sagt, dass er wegen einer Depression so schwere Beine hat, dass er nicht aufstehen kann, darf das nicht belächelt, sondern sollte sehr ernst genommen werden.
Frage: Hatten Sie persönlich schon mit Depressionen zu tun? Immerhin hatten Sie in Ihrem Leben nicht nur den Verlust Ihres Mannes, sondern auch den Ihrer damals zweijährigen Tochter, die an einem Herzfehler litt, zu verkraften.
Antwort: Bis jetzt bin ich davon verschont geblieben, aber ich hatte nach diesen Schicksalsschlägen in der Tat eine schwierige Phase. Vielleicht waren es auch die Anfänge einer Depression. Jedenfalls habe ich immer weiter funktioniert und mich um unsere Adoptivtochter Leila gekümmert. Ich war in meinem Umfeld gut eingebettet und habe viel Unterstützung erhalten – aber wenn ich die Tür geschlossen habe, war ich eben doch alleine mit meiner Tochter und meinen Hunden. Das ging zwei Jahre mehr oder weniger gut.
Frage: Und dann?
Antwort: War ich mit Leila und meinen damals neun Hunden an einem wunderschönen Wintertag unterwegs. Ein Moment, den ich gern mit Robert geteilt hätte. Mir liefen die Tränen runter und meine Tochter, die vorher nur wenige Worte sprechen konnte, umarmte mich und sagte: „Mama, nicht weinen.” Es war der Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr konnte. Wir sind sofort nach Hause, ich habe mir Hilfe geholt und bin mit Leila für zweieinhalb Monate in eine Klinik gegangen, um mir helfen zu lassen und wieder Freude am Leben zu finden. Das hat mir sehr dabei geholfen, meine Seele gesunden zu lassen. Es ist wichtig, sich einzugestehen, dass die eigene Stärke Grenzen hat. Man muss nicht alles alleine mit sich ausmachen, sondern es gibt Hilfsangebote.
Frage: Was glauben Sie, war der Grund für die Depressionen bei Robert Enke?
Antwort: Robert hatte durch eine genetische Prägung schon die Veranlagung in sich, eine Depression zu bekommen. Mit dem Fußball direkt hat das nichts zu tun gehabt. Die Krankheit ist heimtückisch und kommt einfach – in schlechten und auch in guten Zeiten. Bei Robert war es so, dass neue Situationen ihm Angst gemacht und wie ein Trigger gewirkt haben. Robbi waren geregelte Abläufe und Gewohnheiten sehr wichtig. Mal ein Beispiel: Einer unserer Hunde hat eine Zeit lang immer an dem gleichen Baum sein Geschäft verrichtet. Für Robert war diese Routine ein „schönes Gefühl”, wie er mir damals sagte. Wir mussten beide lachen, aber es war eben auch sinnbildlich für seine ganz persönliche Lebenswelt.
Frage: Jeder hat mal einen schlechten Tag oder schlechte Stimmung. Was würden Sie sagen: Wo liegt die Grenze zur Depression? Gibt es Warnsignale?
Antwort: Wenn man über einen Zeitraum von mehr als 14 Tagen alles dunkel sieht, keine Lebensfreude hat und Dinge, die man sonst immer gern gemacht hat, auf einmal nicht mehr machen möchte, keinen Appetit mehr hat und überhaupt nicht in die Gänge kommt, dann spricht man von einer depressiven Verstimmung und sollte zum Arzt gehen.
Frage: Comedians wie Torsten Sträter und Kurt Krömer haben ihre Depressionen öffentlich gemacht. Hilft das, um die Krankheit aus der Tabuzone zu holen?
Antwort: Auf jeden Fall. Auch bei Robert war es so, dass danach viele Menschen ihre Krankheit öffentlich gemacht haben. Da ist auf einmal jemand, der in der Öffentlichkeit steht, der Erfolg, eine Familie und genügend Geld hat, der eigentlich alles hat, wovon viele träumen – und dann auf einmal ist dieser Mensch krank und nimmt sich sogar das Leben. Das hat viele wachgerüttelt. Ich sage ganz klar: Je mehr Menschen sich zu dieser Krankheit bekennen, desto hilfreicher ist es für andere Betroffene. Kurt Krömer ist ein toller Mensch und unserer Stiftung verbunden. Wie er es aus diesem Tief geschafft hat, ist unglaublich und ein tolles Beispiel dafür, dass diese Krankheit zu besiegen ist.
Frage: Gibt es möglicherweise einen Zusammenhang zum Beruf des Komikers? Oder anders gefragt: Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – findet sich dieses Phänomen bei depressiven Menschen häufiger wieder?
Antwort: Viele Menschen fragen sich wahrscheinlich in der Tat, wie es sein kann, dass in der Öffentlichkeit lustige Menschen wie Kurt Krömer und Torsten Sträter solch depressive Phasen hatten. Die müssten doch eigentlich immer lustig sein. Nein, müssen und sind sie eben nicht. Der Humor ist ihr Beruf, innen kann es ganz anders aussehen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Das Merkmal „eben noch super drauf und im nächsten Moment mit hängenden Schultern“ ist nicht unbedingt typisch für Depressionen. Es kann wirklich jeden treffen – auch in jeder noch so guten Lebensphase.
Frage: Wie leben Sie heute? Ich habe gelesen, dass Sie wieder verheiratet sind.
Antwort: Ja, ich bin wieder verheiratet und habe mit meinem jetzigen Mann noch ein Kind bekommen. Unser Sohn ist jetzt acht Jahre alt und putzmunter. Auch Leila geht es gut und ich kann mit meiner Stiftung Menschen helfen. Ich habe meine Tiere – zwei Hunde und ein Pferd – und bin dank Robert finanziell abgesichert. Ich hatte ganz schwere Zeiten, aber nun führe ich wieder ein glückliches Leben.
Frage: Mit Blick auf den 15. Todestag von Robert Enke im November: Haben Sie und Ihre Stiftung Pläne, um zu diesem Datum das Thema Depression noch einmal stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken?
Antwort: Ja, wir planen eine große Gala in den Herrenhäuser Gärten in Hannover. Anlass ist zwar der 15. Todestag, aber wir machen das an seinem Geburtstag, also am 24. August, was auch gut passt, weil es in diesem Jahr ein Samstag ist. Dabei geht es natürlich auch um das Thema Depression, aber eben nicht nur. Wir wollen an dem Tag auch fröhlich sein, miteinander Spaß haben und lachen.