Modelabel für besseres Image Wie ein „Bauernkind“ aus dem Emsland zum Styling-Trend wurde
Jost Teepker aus Geeste hat zusammen mit seinen Freunden ein Modelabel gegründet, um das Image von Bauernkindern aufzuwerten - mit Erfolg. Die Marke Bauernkind „schießt“ gerade durch die Decke.
Geeste - 2018 hatten Medien vermehrt berichtet, dass Kinder gehänselt werden, weil ihre Eltern Landwirte sind. Das Nachrichtenportal „agrarheute“ war bereits ein Jahr zuvor bei einer Umfrage unter 811 Landwirten zu dem Schluss gekommen, dass 17 Prozent der befragten Eltern über Mobbing ihrer Kinder klagten. „Der Begriff Bauernkind war damals nicht positiv besetzt“, erinnert sich Jost Teepker. Er selbst ist zwar nicht auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, dennoch trägt er einen Hoodie mit eben dem Begriff „Bauernkind“ auf der Brust.
In Groß Hesepe im Emsland, umgeben von zahlreichen Feldern, ist Teepker seit ein paar Jahren Betriebsleiter des Schweinemastbetriebs seiner Familie, den er aus den Schulferien kannte und in dieser Zeit dort regelmäßig aktiv mitarbeitete. Schließlich ist er in Melle im Osnabrücker Land aufgewachsen. Die Ferien in den Schweine- und Hähnchenmast-Betrieben im Emsland waren so prägend, dass er nach dem Abitur zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung machte und sich 2013 entschied, in Göttingen Agrarwissenschaften zu studieren – und zum „Bauernkind“ zu werden.
Alle Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen
Aus einer Bierlaune heraus kam Teepker mit drei seiner Kommilitonen auf die Idee, einen Cliquen-Pulli zu entwerfen. „Wir haben uns gefragt, was uns allesamt verbindet – und das war die Landwirtschaft.“ Der Begriff „Bauernkind“ war geboren. Doch es gab ein Problem: Die Studenten hatten zwar eine Idee, wie der Pullover aussehen soll, doch nicht einen Funken Kenntnis von Handarbeit. Sie mieteten eine Nähstube an und baten die Betreiberin um Hilfe – mit Erfolg. Als die Göttinger Clique zum ersten Mal „ihren“ Pulli trug, blieben die Reaktionen nicht aus. „Immer wieder wurden wir gefragt, wo wir den Pulli herhaben“, sagt Jost Teepker.
Den Jungs wurde klar: Viele Menschen möchten sich zu ihren Wurzeln bekennen. Die Idee vom Label „Bauernkind“ war geboren. Doch als die ersten 50 Pullover produziert wurden, wuchs die Unsicherheit. „Wir haben uns schon gesehen, wie wir bis zum Ende unseres Lebens diese Pullover tragen müssen, weil niemand anderes sie tragen will“, ist Teepker ehrlich. Es habe keinen Businessplan gegeben, alle Entscheidungen seien aus dem Bauch heraus getroffen worden.
Neben Hoodies gibt es Accessoires und Weine
Die Befürchtung bestätigte sich nicht – ganz im Gegenteil: Paket für Paket mit Pullovern wurde in Eigenarbeit verpackt und verschickt. Dabei lief nicht immer alles glatt, erinnert sich Teepker daran, wie sie auf 400 Pakete zu kleine Barcodes geklebt haben. Das Ende vom Lied: Die Jungs mussten in einer Nacht- und Nebelaktion zum Postzentrum fahren, die Pakete einzeln den Adressenten zuordnen und neue entsprechende Barcodes auf die Pakete kleben. Eine mühevolle Kleinarbeit. „So einen Fehler haben wir kein zweites Mal gemacht.“ Teepker bezeichnet es als „Trial-and-Error“ (Versuch und Irrtum).
„Bauernkind“ ist mittlerweile halb Job, halb Hobby. Die strategische Ausrichtung verantworten aktuell Jost Teepker und Kompagnon Ansgar Selhorst. Produziert wird die Mode aus zertifizierter Biobaumwolle, teils in Deutschland und teils über eine belgische Firma in Bangladesch. Die Produktpalette umfasst nicht mehr nur Hoodies, sondern auch Accessoires, Kinderkleidung, Decken, Schnuller, Tassen, Rucksäcke und Wein.
„Liebe zum Land“ kommt dazu
Ziel ist es aktuell, die Produktion nach Portugal zu verlagern. Dort könnten dann künftig eigene Schnittmuster produziert werden. Dafür erhaltendie vier Hilfe von einer Freundin, die sich mit Modedesign auskennt und in der Landjugend aktiv ist. „Die perfekte Mischung“, sagt Teepker. „Veredelt“, so nennen es die Bauernkinder, wird die Ware in Deutschland. Dann wird das Logo von „Bauernkind“ drauf genäht, oder ein anderer Spruch. Die Badelatschen heißen Ackerletten, die Tassen nennen sich Hühnertassen und die Thermosflaschen Tränke. Alles hat einen landwirtschaftlichen Bezug.
Mittlerweile gibt es nicht mehr nur den Slogan „Bauernkind“, sondern auch „Liebe zum Land“. Es ist für diejenigen, die sich zwar nicht mit der Landwirtschaft, aber dem ländlichen Charakter ihrer Heimat identifizieren, sagt Jost Teepker.
Auf weltgrößter agrartechnischen Fachmesse vertreten
Das alles sind Ideen, die nicht ausschließlich von den vier Jungs stammen: Die gesamte Clique wirkt bei „Bauernkind“ mit. „Unsere Freunde sind der Hammer“, ist Teepker stolz. Sie helfen beim Einpacken der Pakete, den Fotoshootings für den Online-Shop oder bei der Landwirtschaftsmesse „Agritechnica“ in Hannover. Dort war das Modelabel zwischen 2800 Ausstellern aus 53 Ländern Ende vergangenen Jahres mit einem Stand vertreten. Freunde und Familienmitglieder packten mit an und nahmen sich extra Urlaub.
Die Teilnahme an der Messe war immer ein Traum, heute, knapp sechs Jahre später, ist er für die Jungs in Erfüllung gegangen. „Als wir als Studenten für andere Unternehmen auf der ‚Agitechnica‘ gearbeitet haben, haben wir immer schon gedacht: ‚Das wäre was, wenn wir einen eigenen kleinen Stand für unser Bauernkind hätten.‘“ Teepker und seine Freunde haben es geschafft, in Deutschland sie sind in vieler Munde und vor allem auf vielen Klamotten, „und das ist irgendwie schon geil“. Ihr nächstes Ziel: In Österreich und der Schweiz Fuß fassen. Welche Mundart dort auf den Hoodies stehen wird – das wird sich dann zeigen.