Zeitzeuge erinnert sich  Über den Absturz eines Bombers in der Krummhörn und den Soldaten, der ihn überlebte

| | 04.02.2024 10:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
So dürfte das Flugzeug ausgesehen haben, das im Januar 1942 in der Krummhörn abstürzte. Foto: privat
So dürfte das Flugzeug ausgesehen haben, das im Januar 1942 in der Krummhörn abstürzte. Foto: privat
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1942 stürzte ein britischer Bomber in der Krummhörn ab. Ein 93-Jähriger kann sich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Einer der Überlebenden hat eine spannende Lebensgeschichte.

Campen - 10. Januar 1942, in Europa herrscht seit 2,5 Jahren Krieg. Kampe Reershemius war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt und wohnte mit seiner Familie auf einem Bauernhof in Campen in der Gemeinde Krummhörn. Er hörte die britischen Flieger am Himmel, die zu dieser Zeit viele Bomben über Emden oder Wilhelmshaven abwarfen. An diesem Abend waren es viele Flieger, das Heulen am Himmel hat der 93-Jährige noch heute gut im Ohr. „Als es immer mehr wurden, sind mein Vater und ich raus gegangen, um zu schauen“, erinnert sich der Krummhörner bei einer Tasse Tee.

Die Flieger der Alliierten wurden von den deutschen Flakstellungen, die rund um Emden positioniert waren, beschossen und nachts von Scheinwerfern beleuchtet. „Eines der Flugzeuge war immer lauter und lauter geworden“, sagt Reershemius. Es muss wohl abgeschossen worden sein, denn es steuerte brennend und im Senkflug direkt auf die ehemalige Campener Schule zu. „Das habe ich noch ganz genau vor Augen“, sagt Reershemius.

Maschine steuerte auf Schule zu

Dem Pilot gelang es noch, das Flugzeug um 90 Grad zu wenden, doch trotzdem stürzte die Maschine wenige hundert Meter weiter auf einem Feld ab. Zu diesem Zeitpunkt war es 21.38 Uhr. „Sie lag dann da und brannte“, sagt Kampe Reershemius. Im Umkreis mehrerer Meter lagen die Blechteile der zerschellten Maschine. Was mit der Besatzung des Flugzeugs passierte, wussten er und seine Familie zunächst nicht. „Etwa eine Stunde nach dem Absturz kam der örtliche Polizeibeamte zu uns auf den Hof und klingelte. Bei ihm waren zwei Männer, die mit abgestürzt waren und mit ihren Fallschirmen rausspringen konnten.“ Einen von ihnen hätte der Polizist in Rysum, den anderen in Loquard aufgegabelt. „Und dann kamen sie zu uns ins Haus.“

„Es war starker Winter und es hatte bestimmt um zehn Grad gefroren“, sagt der Campener. Den beiden Briten war sichtlich kalt, als sie in der Küche der Familie Reershemius Platz nahmen. In ostfriesischer Manier gab es deshalb erst einmal Tee. „Einer von ihnen hatte eher dunkle Haare, der andere könnte mit seinen roten Haaren Schotte gewesen sein“, vermutet der 93-Jährige. Seine Mutter sprach ein wenig englisch, doch viel wurde an diesem Abend nicht gesprochen. Später kam ein deutscher Offizier, der die beiden Briten abgeholt und - wie sich später herausstellen sollte - in ein Gefangenenlager brachte.

Zwei Männer kamen ums Leben

Die weiteren beiden Besatzungsmitglieder der Hampden I AE133 verloren bei dem Absturz ihr Leben. „Am nächsten Vormittag haben sie einen Soldaten tot auf dem Feld gefunden. Sein Fallschirm war ungeöffnet“, sagt Kampe Rershemius. Der Pilot blieb in der Maschine und starb durch den Aufprall. Beide Männer wurden zunächst auf dem Campener Friedhof bestattet, später wurden sie nach dem Krieg auf einen britischen Soldatenfriedhof überführt.

Percy Sekine in seinem Fliegeranzug bei der Royal Air Force. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media
Percy Sekine in seinem Fliegeranzug bei der Royal Air Force. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media

Kampe Reershemius hat später auch seiner Familie und seinen Enkelkindern davon erzählt. Einen seiner Enkel, Tom Reershemius, hat daraufhin die Neugierde gepackt. Er lebt in England und hat dort in den Militärarchiven nach Details zu dem Unglück in der Krummhörn gesucht - und wurde fündig.

Enkel startete Recherche

Er fand nicht nur Berichte über das Unglück und den Namen der abgestürzten Maschine, sondern auch die Namen der britischen Soldaten: sie hießen Martin Fletcher (Pilot, bei dem Absturz verstorben), Lennard Fox (zweiter Pilot, bei dem Absturz verstorben), Harold ‚Ginger’ Holme (Schütze, Ginger ist englisch und bedeutet rothaarig) und Percy Sekine (Schütze). Holme und Sekine waren also diejenigen, die nach dem Absturz bei Familie Reershemius Tee tranken.

Ein Schreiben vom Roten Kreuz an den Soldaten Percy Sekine. Hier wurde er gebeten, Details zum Flugzeugabsturz zu nennen. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media
Ein Schreiben vom Roten Kreuz an den Soldaten Percy Sekine. Hier wurde er gebeten, Details zum Flugzeugabsturz zu nennen. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media

Nach weiterer Recherche stellte sich dann heraus, dass Percy Sekine in England kein Unbekannter war: „Der Mann ist in England ein bekannter Sportler gewesen“, sagt Reershemius. Und tatsächlich: Wenn man den Namen Percy Sekine bei Google eingibt, tauchen jede Menge Artikel auf. Er war einer der erfolgreichsten Judo-Sportler seiner Zeit, dessen Sportkarriere durch den Krieg unterbrochen wurde.

Percy Sekine war einer der Soldaten, die am 10. Januar 1942 in der Krummhörn mit dem Flugzeug abstürzten. Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media
Percy Sekine war einer der Soldaten, die am 10. Januar 1942 in der Krummhörn mit dem Flugzeug abstürzten. Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media

Soldat, der überlebte, war Judomeister

Wie sich bei der Recherche ebenfalls herausstellt, hörte seine Geschichte im Krieg längst nicht nach dem Flugzeugabsturz auf. Das britische Magazin „Dailymail“ titelt etwa: „Wie ein Judomeister mit schwarzem Gürtel (...) drei Mal aus deutschen Kriegsgefangenenlagern floh ... und seine Mitgefangenen in Kampfkünsten trainierte.“ Demnach hatte Sekine seinen schwarzen Gürtel bereits, als er im Alter von 19 Jahren zur Royal Air Force ging.

Sekine kam nach dem Absturz in ein Kriegsgefangenenlager, aus dem er einige Monate später entkam, indem er über den Draht kletterte. Nach sieben Tagen wurde er gefasst und dann ins Stammlager 383 nach Bayern gebracht. Dort gründete er einen Judo-Club und veranstaltete Turniere mit den anderen Gefangenen. Es gab zwei weitere Fluchtversuche, die aber ebenfalls erfolglos blieben.

Im Kriegsgefangenenlager gründete Sekine eine Judo-Mannschaft und veranstaltete Turniere. Dieses Bild ist im August 1943 im Lager 383 in Bayern entstanden. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media
Im Kriegsgefangenenlager gründete Sekine eine Judo-Mannschaft und veranstaltete Turniere. Dieses Bild ist im August 1943 im Lager 383 in Bayern entstanden. Foto: Foto: Rowley’s Auction House / Deep South Media

Nach dem Krieg setzte Percy Sekine seine Judo-Karriere fort und wurde sogar Kapitän der britischen Judo-Nationalmannschaft. Er heiratete und wurde Vater. 2010 starb Sekine im Alter von 90 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt wusste Kampe Reershemius noch nicht, wer der Mann war, der damals in der Küche seiner Eltern saß. Aber: Sein Enkel, Tom Reershemius, baute Kontakt zur Witwe von Percy Sekine auf und traf sich sogar einmal mit ihr. Auch Kampe Reershemius selbst hat die Geschichte des Flugzeugabsturzes nie losgelassen. „Ich muss da immer wieder dran denken. So etwas vergisst man einfach nicht“, sagt er.

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