Analyse zu Vorwürfen gegen UEK Aurich Todesfälle durch Ärzte-Mangel? Klinikverbunds-Chef dementiert nicht
Ein Arzt hat schwere Vorwürfe erhoben – der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden versucht nicht einmal, alle zu entkräften. Aurichs Klinik hat erneut Intensivstation und Co. für die Notfallversorgung abgemeldet.
Ostfriesland - Fast zwei Wochen ist es inzwischen her, dass – am 24. Januar 2024 – ein Zeitungsbericht über Kritik eines Arztes an den Zuständen in der Auricher Ubbo-Emmius-Klinik veröffentlicht wurde. Eineinhalb bis zwei Wochen ist es her, dass unsere Redaktion – am 25. und 29. Januar – hinsichtlich Kapazitätsengpässen in den Krankenhäusern mehr als 80 Fragen an die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden gerichtet hat. Davon sind lediglich plus-minus zehn Fragen (teilweise) beantwortet – manche davon vom Landkreis Aurich und seinem Rettungsdienst, nicht von der Trägergesellschaft.
Und die Trägergesellschaft hat nicht vor, weitere Fragen zu beantworten, wie sie unserer Redaktion mitgeteilt hat: „Wir sehen mit unserer Pressemitteilung vom 31.1.2024 Ihren bisherigen Fragenkatalog sowie die darüber hinausgehenden Fragen vom 1.2.2024 als inhaltlich umfassend und vollständig beantwortet an. Vielen Dank für Ihr reges Interesse an unserem Haus.“
Diese Fragen – unter anderem – sind nicht beantwortet
Nicht beantwortet sind damit – unter anderem – folgende Fragen, die sich auf Vorwürfe des Arztes beziehen: Trifft es zu, dass in der Notaufnahme des Auricher Krankenhauses zu viele Patienten auf viel zu wenige Ressourcen treffen? Falls ja: Welche Ressourcen fehlen in welchem Ausmaß? Trifft es zu, dass die Notaufnahme in Aurich auf die Versorgung von Patienten der Stadt Aurich ausgelegt ist? Falls nein: Für welche Versorgung ist die Notaufnahme des Krankenhauses Aurich ausgelegt – also beispielsweise für die Versorgung von wie vielen Einwohnern und für wie viele Patienten pro Tag oder pro Stunde, et cetera? Trifft es zu, dass in der Auricher Notaufnahme manchmal Patienten auf Tragen auf dem Flur behandelt werden oder wurden? Falls ja, wie häufig ist das im Jahr 2023 vorgekommen? Trifft es zu, dass die Auricher Intensivstation manchmal die Aufnahme von Patienten aus der Auricher Notaufnahme aus Kapazitätsgründen ablehnt? Falls ja: Wie häufig ist das im Jahr 2023 vorgekommen? Trifft es zu, dass manche Patienten acht Stunden oder länger mit intensivpflichtigen Erkrankungen in der Auricher Notaufnahme liegen? Falls ja: Wie oft ist das im Jahr 2023 vorgekommen? Und: Warum? Trifft es zu, dass in einer Klinik der Trägergesellschaft Menschen verstorben sind, weil zu wenig Ärzte da waren, und/oder, weil sich ein Arzt nicht früh genug um einen Intensivplatz kümmern konnte? Falls ja: Wie häufig ist das vorgekommen? Falls nein: Können Sie dies ausschließen und auf welcher Grundlage können Sie dies gegebenenfalls ausschließen?
Keine Antworten sind in diesem Fall auch eine Antwort: Die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH scheut sich offensichtlich, Aussagen des erwähnten Arztes zu dementieren, wonach die Auricher Krankenhaus-Notaufnahme über zu geringe Ressourcen verfügen soll, die Notaufnahme zu leistungsschwach konzeptioniert sein soll, dort Patienten auf Fluren behandelt worden sein sollen, die Übernahme von Notaufnahme-Patienten durch die hauseigene Intensivstation abgelehnt worden sein soll sowie Patienten mit intensivpflichtigen Erkrankungen acht Stunden und länger in der Notaufnahme gelegen haben sollen.
Dass Menschen zu Tode gekommen sein sollen, wird nicht dementiert
Nach Aussage jenes Arztes, der in der Berichterstattung anonym bleiben wollte, sollen sogar Menschen verstorben sein, weil zu wenig Ärzte da waren beziehungsweise sich ein Arzt nicht früh genug um einen Intensivplatz kümmern konnte. Dazu heißt es in dem Bericht: „Dabei bekomme die Bevölkerung gar nicht mit, was für Extremfälle im Alltäglichen passieren, betonte der Arzt. Es versterben Menschen, weil zu wenig Ärzte da sind, weil sich ein Arzt nicht früh genug um einen Intensivplatz kümmern konnte, erzählte er. Es brauche dringend mehr Kapazitäten in der Auricher Notaufnahme.“
Die diesbezügliche Frage hat der Klinikverbund nun über gut eineinhalb Wochen hinweg nicht beantwortet und damit nicht als unzutreffend zurückgewiesen. Auch nicht die Ubbo-Emmius-Klinik, von der übrigens die Pressemitteilung vom 31. Januar stammt, die angeblich alle Fragen beantworten soll. Die Trägergesellschaft hat sie übermittelt, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um „eine Pressemitteilung der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich“ handle.
Notfallzentrums-Chefarzt nimmt schweigenden Geschäftsführer in Schutz
Lediglich „ärztliche und pflegerische Führungskräfte in der Ubbo-Emmius-Klinik“ haben in einer „Stellungnahme“ rundweg alles dementiert, was der genannte Arzt geschildert hat – ohne in dieser Stellungnahme auf die Aussagen inhaltlich konkret einzugehen: „Der jüngste Beitrag in Ostfriesen-Zeitung und Ostfriesischen Nachrichten ist ein Paradebeispiel für erlogene Falschdarstellung, das uns wütend macht und verständnislos zurücklässt. Wir dementieren die in der Berichterstattung getroffenen Aussagen vehement.“
Was auffällt: Klinikverbunds-Geschäftsführer Dirk Balster hat sich in knapp zwei Wochen nicht zu den Vorwürfen geäußert. Bei lebensnaher Betrachtung ist allerdings anzunehmen, dass zu der aktuellen Thematik keine Pressemitteilung vom Klinikverbund oder einer seiner Kliniken herausgegeben wird, ohne dass Balster zugestimmt oder sie sogar veranlasst hat. Und die Pressemitteilung des UEK wurde dazu genutzt, dass sich der Chefarzt des Interdisziplinären Notfallzentrums, Dr. Alexander Dinse-Lambracht, sprichwörtlich vor den Geschäftsführer stellt: „Unser Geschäftsführer hat schon zu Anfang klar festgelegt, dass wir die Krankenhäuser von den Notaufnahmen aus strategisch denken und aufstellen müssen; entsprechend genießen gerade wir hier die volle Unterstützung, so dass jeder Patient die notwendige Diagnose und Therapie erhalten kann.“
Dem Klinikverbund fehlt es an Kapazitäten für die Notfallversorgung
In dem Bericht über die Vorwürfe des Arztes heißt es: „Die Klinikleitung mache ordentlich Druck, dass nur noch ,ertragsstarke Diagnosen’ aufgenommen würden. Heißt, die Patienten sollen der Klinik Geld einbringen. Das sei keine schöne Medizin mehr. Wo früher noch mal ein EKG-geschrieben wurde und widererwartend doch ein Herzinfarkt entdeckt wurde, würden die Patienten heute regelrecht abgebügelt.“ Auch diesbezüglich hat unsere Redaktion beim Klinikverbund angefragt, ob das zutrifft.
Während die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH Dutzende Antworten schuldig bleibt und Vorwürfe bezüglich des Auricher Krankenhauses nicht dementiert, ist im niedersächsischen Ivena-Portal zu sehen, wie gravierend die Kapazitätsdefizite des Klinikverbundes sind – weiterhin sind. Unsere Redaktion hat dort am Morgen des 6. Februar 2024 einige Fachbereichs-Abmeldungen der Krankenhäuser für die Notfallversorgung dokumentiert – wieder einmal.
Notfallversorgung in Emden und Aurich? Rettungsdienste sehen rot
Gegen 6 Uhr hatte die Auricher Ubbo-Emmius-Klinik ihre „Allgemeine Innere Medizin“ für die „Notfallversorgung“ abgemeldet – das betrifft die Notaufnahme:
Auch im Emder Krankenhaus war dieser Fachbereich rot eingefärbt:
Die Emder Intensivstation war ebenfalls für die „Notfallversorgung“ abgemeldet:
Ebenso die Auricher Notaufnahme:
Auch bezüglich der „Notfallversorgung“ von Herzinfarktpatienten war die Ubbo-Emmius-Klinik abgemeldet:
Und wenn ein Rettungsdienst einen Schlaganfall-Patienten zur „Notfallversorgung“ nach Emden bringen wollten, sahen die Sanitäter ebenfalls rot:
Wie weit reicht die vorgeschriebene Erstversorgung von Notfällen?
In der UEK-Pressemitteilung hatte es geheißen: „Die Klinik kann trotz einer Abmeldung im IVENA vom Rettungswagen angefahren werden, was auch regelmäßig geschieht. Sie weist mit der Meldung aber auf die eingeschränkte Situation hin. Akute Notfälle werden immer erstversorgt, dazu sind Krankenhäuser verpflichtet.“
Niedersachsens Gesundheitsministerium teilte auf Anfrage unserer Redaktion mit: „Gleichwohl können auch bei vorübergehenden Abmeldungen über Ivena Krankenhäuser bei dringenden Notfällen trotzdem angefahren werden, die Pflicht der Krankenhäuser zur jederzeitigen Versorgung von schwer Erkrankten bleibt jederzeit bestehen. So wird sichergestellt, dass jederzeit schwer erkrankte Menschen versorgt werden.“
Das Gesundheitsministerium ist noch eine Antwort schuldig
Unsere Redaktion hat am 2. Februar nachgehakt: „Ist es aus Sicht des Gesundheitsministeriums völlig egal, ob ein Krankenhaus seine Notaufnahme und/oder seine Intensivstation für die ,Notfallversorgung’ im Ivena-Portal abmeldet – oder wirkt sich das in irgendeiner Weise negativ auf die medizinische Versorgung im Allgemeinen oder die Notfallversorgung im Speziellen aus?“
Diese Frage zu beantworten, scheint gar nicht so einfach zu sein – jedenfalls braucht das Ministerium Zeit. Eine Antwort liegt unserer Redaktion noch nicht vor – Stand: 6. Februar 2024, 7 Uhr.
Hätte die Sterberate im Klinikverbund früher gesenkt werden können?
Notfallversorgung – ostfriesische Rettungsdienste sehen rot
Kliniken Aurich und Emden stundenlang für Notfallversorgung abgemeldet
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