Osnabrück Die Ängste der Deutschen: Warum sorgen sich Menschen vor Migration?
44 Prozent der Deutschen zählen Einwanderung zu ihren größten Sorgen, so viel wie nirgendwo sonst. Doch unser Land ist auf Zuwanderung angewiesen, kann von ihr profitieren. Dafür braucht es aber vor allem eines, meint unsere Kolumnistin Louisa Riepe: Zuversicht.
Nirgendwo ist die Sorge wegen der Einwanderung aktuell größer als in Deutschland. Das zeigt die Studie „What Worries the World“, die das Institut Ipsos monatlich in 29 Ländern durchführt. 44 Prozent der Deutschen zählten das Thema zuletzt zu ihren größten persönlichen Sorgen. Als ähnlich problematisch wird Migration lediglich in der Türkei empfunden. Selbst in den Niederlanden und Großbritannien, wo das Thema in der Öffentlichkeit hitzig diskutiert wird, zählt nicht einmal jeder Dritte die Kontrolle von Einwanderung zu den drei größten persönlichen Sorgen.
Woher kommen eigentlich die Sorgen vor der Migration? Oder anders gefragt: Wie kann es sein, dass laut aktuellem Deutschlandtrend gut 43 Prozent der Deutschen sagen „Ich finde es gut, dass die AfD den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen stärker begrenzen will als andere Parteien“?
Überraschenderweise ist es wohl eher nicht die mögliche Konkurrenz auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2019. Demnach sorgen sich die Menschen angesichts von Zuwanderung vor allem vor einer Zunahme von Rechtsextremismus und rassistischer Gewalt beziehungsweise einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. Das ist interessant, geht es den Menschen offenbar weniger um die Migration an sich, sondern um die Reaktion unserer Gesellschaft auf die Migration.
Nun ist die Studie schon ein paar Jahre alt und man kann der Stiftung ihre ideologische Nähe zur SPD vorwerfen. Doch andere Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut der Bertelsmann-Stiftung sorgten sich im Jahr 2021 immerhin 66 Prozent der Befragten davor, dass Zuwanderung die Konflikte zwischen Einheimischen und Einwanderern verstärken könnte. Stärker war nur die Sorgen, dass Zuwanderung zu zusätzlichen Belastungen für den Sozialstaat führen könnte. 71 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage zu.
Bernd Raffelhüschen, Freiburger Finanzwissenschaftler, hat die fiskalischen Effekte der Migration untersucht. Er stellt fest: Die Bilanz zukünftiger Zuwanderung ist negativ. Er warnt aber davor, die Einwanderung zu stoppen. Wörtlich heißt es in der Studie, dass „die eigentlichen Probleme weniger auf die Migration als vielmehr einen zu großzügigen (Sozial)Staat, der dauerhaft über seine Verhältnisse lebt, zurückzuführen sind“. Raffelhüschen sieht große Chancen erstens in der Veränderung der Qualifikationsstruktur der bestehenden Migration und zweitens durch die Förderung zusätzlicher Arbeitsmigration.
Spannend sind in dem Zusammenhang auch die Ergebnisse von Fabian Kratz von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Auf Basis des sozio-ökonomischen Panels stellt er fest: „Wer mit seinem Leben eher zufrieden ist, hat weniger Sorge vor Migration.“ Das lasse sich nicht unbedingt auf objektive Faktoren zurückführen. „Sobald dieselben Personen unglücklicher oder glücklicher werden, hat dies Auswirkungen darauf, wie sie über Zuwanderung denken, unabhängig davon, ob sich ihre Situation objektiv ändert“, so Kratz.
Anders ausgedrückt: Je negativer die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Gesamtsituation beurteilt wird, desto eher werden Migranten zu Sündenböcken gemacht. Wenn wir uns selbst also in eine Krise hineinreden, wie es Norbert Winkeljohann als Aufsichtsratschef der Bayer AG kürzlich im Handelsblatt kritisierte, dann trägt das zur Ablehnung von Zuwanderung bei.
Was lässt sich aus diesen Erkenntnissen ableiten? Unser Land braucht Zuwanderung, kann von ihr profitieren. Dem im Wege stehen aktuell die hohen Belastungen für den Sozialstaat. Sie ließen sich einerseits durch Sparsamkeit abmildern. Hier ist gute Politik gefragt. Andererseits müssen Anreize geschaffen werden für den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte. Hier kann auch die Wirtschaft helfen.
Die Gesellschaft hat es in der Hand, wie sie mit Migranten umgeht: ob sie sie aufnimmt, oder sie ausgrenzt. Der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben ist da. Besonders leicht fällt es den Einheimischen, auf Einwanderer zuzugehen, wenn sie selbst zufrieden mit ihrem Leben sind. Es braucht also vor allem wieder Zuversicht. Diese wiederherzustellen ist vermutlich die schwierigste Aufgabe für uns alle – nach Jahren, die von Pandemie, Krieg und Energiekrise geprägt waren.