Mahnwache gegen rechts  Wiesmoorer sind keine „Schönwetterdemokraten“

| | 11.02.2024 23:28 Uhr | 4 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei der Mahnwache gegen rechts kamen mehr als 800 Menschen auf dem Wiesmoorer Marktplatz zusammen. Foto: Böning
Bei der Mahnwache gegen rechts kamen mehr als 800 Menschen auf dem Wiesmoorer Marktplatz zusammen. Foto: Böning
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Nach zahlreichen Demonstrationen gegen rechts in Ostfriesland ging der Protest am Sonntag in Wiesmoor weiter: Dort kamen 800 Menschen im Regen zu einer Mahnwache zusammen.

Wiesmoor - Erst tröpfeln die Teilnehmer eher vereinzelt auf den Wiesmoorer Marktplatz. „Damit hatten wir aufgrund des Regens schon gerechnet“, sagt Organisator Jens-Peter Grohn, lacht und guckt vorsichtig hinter die Bühne in Richtung Fußgängerüberweg vor dem Torfkrug an der Hauptstraße. Dort sind aus den Tröpfchen schon ganze Trauben von Menschen geworden. Grohn ist erleichtert. Am Ende spült der Regen mindestens 800 Menschen auf den Marktplatz, wahrscheinlich sogar mehr. Das ehemalige Ratsmitglied hatte am Sonntagabend, 11. Februar 2024, zu einer Mahnwache geladen. Unter dem Motto „Demokratie verteidigen! Wiesmoor gegen Rechtsextremismus!“ sollten die Wiesmoorer Flagge zeigen – und sie folgen seinem Aufruf.

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11.02.2024

Grohn reagierte damit, wie die Veranstalter zahlreicher Mahnwachen auf ostfriesischem Boden und in ganz Deutschland, auf die Enthüllungen des Recherche-Netzwerks Correctiv zu einem Geheimtreffen von hochrangigen AfD-Politikern mit Rechtsextremen im November in Potsdam. Die Teilnehmer hatten darüber beraten, wie Menschen aus Deutschland gedrängt werden können. Dabei ging es um Asylbewerber, Menschen mit Aufenthaltsstatus und Deutsche, die „nicht assimiliert“ seien. Grohn ging es darum, die „spürbare Wut und Fassungslosigkeit der Bevölkerung“ als Reaktion auf das Treffen öffentlich zu machen. Das ist ihm gelungen.

Organisator Jens-Peter Grohn nachdenklich während eines Musikbeitrags. "Es ist ernst", warnt er. Foto: Böning
Organisator Jens-Peter Grohn nachdenklich während eines Musikbeitrags. "Es ist ernst", warnt er. Foto: Böning

Ein Angriff auf unsere Demokratie

„Solche Pläne der Rechtsradikalen sind ein Angriff auf uns alle, ein Angriff auf unsere Demokratie“, macht Grohn deutlich. „Seit Monaten erleben wir, wie die AfD und andere extreme Rechte die Stimmung im Land immer weiter anheizen. Wir brauchen einen Aufstand der Vielen“, fordert Grohn. Es reiche nicht mehr, am Rand zu stehen, still mit dem Kopf zu schütteln oder die Augen zu verdrehen. „Deswegen sind Sie hier“, so Grohn.

Den Aufstand proben die Wiesmoorer passend zu dem auf vielen Schildern zu lesenden Motto „bunt statt braun“, das sich in die Farbenpracht der mitgebrachten Regenschirme einfügt. Schilder mit „Lieber solidarisch als solide arisch“ oder „Demokratie stärken“ und zahlreiche „Omas gegen rechts“ sowie ihre Pendants „Opas gegen rechts“ sind zu sehen. Auch der Satz ist vertreten, der sich durch die Beiträge aller Redner zieht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – aus dem ersten Artikel des Grundgesetzes.

Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) hielt seine Rede dem Wetter geschuldet im perfekt sitzenden Ostfriesennerz. Foto: Böning
Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) hielt seine Rede dem Wetter geschuldet im perfekt sitzenden Ostfriesennerz. Foto: Böning

Schweigende Mehrheit muss aufstehen

„Mich erfüllt es mit Freude und Erleichterung, dass sich in unserem Land Hunderttausende auf den Weg machen, um den Feinden unserer Demokratie ein klares Signal zu senden und sich ihnen entgegenzustellen“, so Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos), der seine Rede dem Wetter geschuldet im perfekt sitzenden Ostfriesennerz hielt. Das Signal aus der Mitte der Bevölkerung sei vor allem deshalb so wichtig, „weil die Extremisten für sich reklamieren, für die schweigende Mehrheit zu sprechen. Deshalb ist es wichtig, dass die schweigende Mehrheit aufsteht und sich zu Wort meldet“, so Lübbers.

Dr. Joachim Kleen (Kreisvorsitzender der CDU im Landkreis Aurich) warnte davor, Menschen mit einem Stempel zu versehen, sie in Rassen und Klassen zu unterteilen. „Dann beginnt das wir und sie, links gegen rechts, oben gegen unten und Stadt gegen Land“, so Kleen. „Wir müssen lernen, dass wir den einzelnen Menschen sehen, egal bei welcher Entscheidung – ausgestattet mit der unveräußerlichen Würde des Menschen“, fordert Kleen. „Sonst beginnen die Dinge schief zu laufen.“

Dr. Joachim Kleen (Kreisvorsitzender der CDU im Landkreis Aurich). Foto: Böning
Dr. Joachim Kleen (Kreisvorsitzender der CDU im Landkreis Aurich). Foto: Böning

Problem ist die große Reichweite in sozialen Medien

Immer wieder bläst der Wind Sturzbäche des auf dem Bühnendach gesammelten Regens in Richtung der Redner. „Wir sind wahrlich keine Schönwetterdemokraten“, sagt das sichtlich durchnässte SPD-Bundestagsmitglied Johann Saathoff in Hinblick auf den unaufhörlich fallenden Regen und die tapfer durchhaltenden Wiesmoorer. Das brauche die Politik auch in schweren Zeiten, sagt Saathoff. Damit spielt er darauf an, dass die Bundesregierung in den letzten Monaten wegen zahlreichen Entscheidungen in der Kritik gestanden hat.

Das SPD-Bundestagsmitglied Johann Saathoff warnte vor der Reichweite der "Lügen" in den sozialen Medien. Foto: Böning
Das SPD-Bundestagsmitglied Johann Saathoff warnte vor der Reichweite der "Lügen" in den sozialen Medien. Foto: Böning

Die Welt ist nicht so schwarz und weiß, wie uns die Extremisten glauben machen wollen“, so Saathoff. „Starke Behauptungen, möglichst ohne Beweise“ würden durch die sozialen Medien gehen und massenweise gelikt. „Die Beiträge simulieren, dass es einfache Antworten auf komplizierte Fragen gibt“, so der Politiker. Vor allem die Reichweite „der kleinen Partei am rechten Rand“ bereite ihm Sorge: „Ihre Reichweite ist doppelt so groß wie die aller demokratischen Parteien zusammen“, so Saathoff. „Diese Reichweite macht es ihnen möglich, ihre Lügen und Demokratie zersetzenden Meldungen zu verbreiten.“

Daran müssten die demokratischen Parteien arbeiten. Er rief die Zuhörer auf, dagegen zu steuern, ihrerseits demokratische Inhalte zu verbreiten und gegen die Umsturzfantasien, wie sie in dem Geheimtreffen in Potsdam entwickelt würden, anzugehen. „Nur dagegen sein reicht nicht mehr“, so Saathoff. Er ruft auf, Zeichen zu setzen, in die Politik zu gehen, sich in Vereinen und Organisationen mit komplizierten Lösungen auseinanderzusetzen: „Wir brauchen mehr junge Leute, die sich engagieren.“ Es soll nicht die letzte Mahnwache gewesen sein. Grohn plant, die Veranstaltung alle zwei bis drei Monate zu wiederholen.

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Mahnwache gegen rechts in Wiesmoor
11.02.2024

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