Warme Hinterlassenschaften Labrador Otis löst das Haufen-Problem auf seine Weise
Die Diskussion um Hundehaufen lässt Labrador Otis kalt. Schon seit Welpentagen nutzt er das Hundeklo. Dabei hätte der heutige Vorzeigehund das Zeug zu einem „Problemhund“ gehabt.
Wiesmoor/Moormerland/Uplengen - Johanna Könes zieht die Nase kraus, als das Gespräch auf das Thema Hundehaufen zusteuert. Sie erzählt davon, wie es ist, die noch warmen Hinterlassenschaften von Labrador Otis einzutüten. Sie im schlimmsten Fall mitnehmen zu müssen. „Wenn wir zu Besuch sind und die Tüten danach mit nach Hause nehmen, riecht das ganze Auto“, sagt die Moormerlanderin, bricht ab und schüttelt sich. Sie ist froh über jedes Mal, wenn ihr das erspart bleibt. Dank Otis ist das meistens der Fall. Hundetrainerin Mona Göbel aus Uplengen lacht. Sie weiß schließlich, wovon Könes redet. Wenn sie das halb öffentliche Hundeklo am Trainingsplatz reinigt, kommt manchmal ganz schön was zusammen.
Angenehm ist das nicht: „Egal wie man den Kot verpackt, der Geruch bleibt“, sagt Göbel, die sich als Dolmetscherin zwischen Hund und Mensch versteht. Johanna Könes blickt dankbar in die Richtung, wo Otis friedlich in seinem Körbchen liegt und die Gäste beobachtet. Otis ist in Bezug auf die Haufenproblematik ein Vorzeigehund. Sogar die wandelnde Lösung im Kampf gegen die braunen Tretminen, die immer wieder Menschen in Städten und an gut genutzten Spazierwegen auf die Palme bringen. Denn unterwegs Hundehaufen aufsammeln muss seine Familie nicht. Otis nutzt sein eigenes Hundeklo, seit er ein Welpe ist.
Ein Hundeklo für Otis
Jetzt wartet der Labrador darauf, dass er den Besuch begrüßen darf. „Frei“, sagt Tim Könes und Otis lässt sich von seiner Nase durch den Raum führen. Sein Hundeklo hat an diesem Tag den Besuch ins Haus der Könes in Moormerland gelockt. Es ist eine mit Rindenmulch ausgestreute Ecke im Garten, umgeben von einem niedrigen Holzzaun mit einem selbstgebauten Schild aus dem 3-D-Drucker. Das zeigt einen beigen Labrador wie Otis, der ein Bein hebt und pinkelt. Tim Könes lacht, das Schild hat er gestaltet. Das Bein hebt Otis zwar kaum noch – denn das macht er nur, wenn er sein Territorium markiert. Das ist in seinem Familien-Rudel aber nicht seine Aufgabe.
Zum Hundeklo kommt Otis, wenn er einmal muss. „Vor jedem Spaziergang gehen wir mit ihm vorsichtshalber hierher“, sagt Johanna Könes und fügt hinzu: „Wie mit einem Kind, bevor man das Haus verlässt.“ Otis hat gelernt, sein Hundeklo zu nutzen wie Menschen die Toilette oder Katzen das Katzenklo. Besser noch: Er macht auf ein Zeichen seiner Besitzer. „Sich auf ein Signal hin lösen“, nennt es Mona Göbel. Ihr haben die Könes die Idee mit dem Hundeklo zu verdanken und dass Otis Spaziergänge nicht dazu nutzt, seine Haufen und Markierungen zu hinterlassen – meistens klappt das gut.
Hunde lesen in Kot und Urin wie in einer Zeitung
„Dafür braucht es Vertrauen, Konsequenz, feste Strukturen und Sicherheit“, sagt Göbel. Das gelte immer bei der Hundeerziehung – nicht nur für den Gang auf das Hundeklo. Aber gerade unsicheren Hunden wie Otis helfe das Hundeklo, damit sie nicht überall Informationen über sich preisgeben müssen. Denn genau das machen die Tiere, wenn sie dazu gezwungen sind, außerhalb ihres Territoriums Urin oder Kot zu hinterlassen, sagt die Hunde-Dolmetscherin: Hunde lesen dank ihrer guten Nasen Kot und Urin wie Menschen die Zeitung. „Unsichere Hunde sind dabei viel nervöser als andere, markieren und schnuppern noch häufiger“, sagt Göbel.
Manche sogenannten Problemhunde würden allein durch ein festes Hundeklo viel ruhiger – entweder im Garten oder auf einer festen Fläche in der Nähe des Hauses. Auch Otis hat das geholfen. War es leicht das zu lernen? Johanna Könes stutzt. In Otis‘ Erziehung war das eine der leichteren Übungen. „Einen festen Ort hatte Otis schon als Welpe“, sagt sie. Das habe man einfach beibehalten. Welpen hinterlassen anfangs Kot und Urin nur im eigenen Territorium – zum Schutz, erklärt Mona Göbel. „Darum kommt es manchmal auch im Haus zu einem Malheur.“ Die Hundemutter würde dann die Spuren beseitigen: „Das ist ein ganz natürliches Verhalten.“
Jeder kann den Gang auf das Hundeklo lernen
Aber jeder Hund könne den Gang auf das Hundeklo auch später noch lernen. Manche schneller, manche ein wenig langsamer. Es käme auf das Alter und den Charakter des Tieres an sowie darauf, wie territorial die Hunde sind. Die Menschen lernen im Gegenzug, die Gesundheit des Hundes im Blick zu behalten. „Vor allem beim Urin kann bei einem längeren Harnverhalt eine Nierenschädigung auftreten“, sagt Göbel. Das müsse man im Blick behalten. Es könnte auch sein, dass ein Hund sich verweigert – auch dann kann Göbel helfen.
„Das wird nicht leicht“, hat Mona Göbel vor drei Jahren beim ersten Blick auf Otis gedacht. Damals war er noch ein Welpe. Tim Könes hatte sich sein ganzes Leben lang einen Hund gewünscht und war als nicht geübter Hundebesitzer ausgerechnet auf einen unsicheren Hund gestoßen. Göbel: „Hunde betrachten die Familie als Rudel und müssen das Gefühl haben, dass jemand in der Familie das Rudel anführt und beschützt“, erklärt Göbel. Sonst übernehmen sie die Rolle. Das Problem: „Nur die wenigstens Hunde haben das Zeug zum Anführer, das hat die Natur so eingerichtet. Aber alle würden diese Rolle übernehmen, wenn sie müssten.“ Das war auch Otis Zwickmühle. Mit viel Geduld und Konsequenz klappte schließlich die Hundeerziehung. „Man muss dran bleiben, denn jedes Mal testet er seine Grenzen wieder neu aus“, sagt Tim Könes.
Auch Spielen will gelernt sein
„Als vor einem Jahr unsere Tochter Elise geboren wurde, ging dann alles wieder los“, erinnert sich Johanna Könes. Da schien Otis seine ganze Erziehung vergessen zu haben. „Er ging über Sofas und Tische und war nicht zu bändigen“, sagt die junge Mutter. Ihre Anspannung bei der Erinnerung daran ist spürbar. Hilflos hatte sie sich damals gefühlt. Nach einer Woche Training mit Mona Göbel war das Problem wieder behoben. Die Ursache für das Verhalten: „In der neuen Situation waren wir nicht mehr so konsequent wie vorher, das hatte Otis verunsichert“, erklärt Tim Könes.
Bei Hunden wie Otis sind Sicherheit und feste Regeln die Schlüssel, die aus einem sogenannten Problemhund einen echten Vorzeigehund machen. Dazu gehören auch feste Regeln für das Herrchen und die Aufgabe, die Frage nach dem Rang im Rudel gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Ich musste lernen, ganz anders mit ihm zu spielen“, sagt Tim Könes. Kein Ringen um ein Seil, sondern Wurf- und Suchspiele. „Bei solchen Spielen sind die Aufgaben eindeutig verteilt“, sagt Göbel. Spiele helfen Otis auch, beim Spaziergang mit seinen Menschen trotz der vielen für Otis beunruhigenden Markierungen anderer Hunde entspannter zu werden und nicht zwangsweise seine Duftmarken oder Haufen zu hinterlassen.
Der Hund und seine tierischen Bedürfnisse
Ursprünglich hatte Mona Göbel Arzthelferin gelernt, später zur Zootierpflegerin umgeschult. Hunde mochte sie schon immer. Als ein enger Arbeitskollege von ihr einen Schlaganfall hatte und nicht absehbar war, ob er jemals wieder selbstständig leben konnte, kam sie auf die Idee, einen Therapiebegleithund für ihn auszubilden. „Einen, der Dinge aufheben kann und im Alltag unterstützt“, erklärt Göbel. Auf ihrer Suche nach dem passenden Training für das Tier stieß sie auf das Konzept der natürlichen Hundeerziehung des Niederländers Jan Nijboer. Dabei geht es darum, den Hund da abholen, wo er ist – mit all seinen tierischen Bedürfnissen.
Zusätzlich hatte sie bei einem Praktikum an einer Schule für Blindenhunde gelernt, dass diese Tiere lernen, sich auf ein Zeichen des Herrchens zu erleichtern. Das verband sie mit ihrer Erkenntnis darüber, was es für Hunde bedeutet, Informationen über sich per Kot und Urin außerhalb ihres Territoriums auf Spaziergängen preiszugeben. Diese Erkenntnisse flossen in ihre Hundeausbildung ein – und später auch in ihre Kurse. Seit 30 Jahren ist Mona Göbel inzwischen Hundetrainerin, vor 24 Jahren hat sie sich selbstständig gemacht.
Daumen hoch von anderen Hundetrainern
Allein das Hundeklo bringe bei schwierigen Hunden oft eine deutliche Verbesserung des Verhaltens: „Ich habe das bei einer wirklich problematischen Dogge beobachtet. Sie hatte sich den Gang auf das Hundeklo vom neuen Hund ihrer Familie abgeguckt, der in meinem Kurs war“, sagt Göbel. Als sie ihr Geschäft nicht mehr unterwegs machen musste, sei sie wie verwandelt gewesen. „Manche Hunde sind plötzlich viel entspannter, wenn sie unterwegs auf andere Hunde treffen und fangen plötzlich an, sie zu ignorieren“, erklärt Göbel.
Ihre Idee vom Hundeklo stößt auch bei traditionellen Hundehaltern auf Zustimmung. Dort vor allem wegen der störenden Hinterlassenschaften der Tiere, in denen auch Krankheiten lauern können, wie Wilfried Sendemer vom Verein Deutscher Schäferhunde, Ortsgruppe Wiesmoor-Großefehn, zu bedenken gibt. „Vor allem beim gemeinsamen Spielen mit anderen Hunden entsorgen bestimmt 60 Prozent der Hundehalter die Hinterlassenschaften ihrer Tiere nicht“, schätzt der Vereinsvorsitzende. Er wäre erleichtert, wenn so etwas künftig kein Problem mehr ist. „Ich stelle es mir für viele Hundehalter aber nicht leicht vor, den Gang auf die Hundetoilette konsequent und systematisch zu üben“, gibt er zu bedenken: „Grundsätzlich ist es trotzdem eine gute Idee und kein Problem, einem Hund so etwas beizubringen.“
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