Berlin  Deutscher Bauernverband: Wer repräsentiert die deutschen Landwirte?

Vincent Buss
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Von Vincent Buss
| 20.02.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Joachim Rukwied ist Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), zum Vorstand gehören aber noch fünf weitere Vize-Präsidenten. Foto: Imago Images/phothek/Florian Gaertner
Joachim Rukwied ist Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), zum Vorstand gehören aber noch fünf weitere Vize-Präsidenten. Foto: Imago Images/phothek/Florian Gaertner
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Im Zuge der Bauernproteste wurde auch der Deutsche Bauernverband kritisiert: Im Bundesvorstand befänden sich vor allem Großgrundbesitzer mit Beziehungen zur verarbeitenden Agrarindustrie, hieß es von einigen Landwirten. Wir haben deshalb analysiert, welche Betriebsgrößen, Subventionen, Gewinne und Posten die Vorstandsmitglieder haben.

Bio-Bauer Hennig Aumund aus Schwagstorf ist kein Mitglied im Bauernverband (DBV) und blieb auch den Bauernprotesten fern. Er sagt, dort säßen „einflussreiche Leute, die viel Land besitzen“. Und weil viele Vertreter gute Posten in Aufsichtsräten der verarbeitenden Industrie hätten, würde der DBV seine Politik oft daran ausrichten.

Der DBV gehörte zu denen, die zu den Demonstrationen aufgerufen hatten. Ähnliche Kritik am DBV kommt vom Verein „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“, der als Gegenentwurf dazu gesehen werden kann.

Sich selbst versteht der DBV als „Unternehmerverband und Interessenvertreter für alle Landwirtinnen und Landwirte, ihre Familien sowie für die ländlichen Räume“. Er unterteilt sich in die Landesbauernverbände (darunter das Landvolk Niedersachsen). Eng verknüpft ist er mit vielen weiteren Verbänden der Agrarbranche, wie etwa dem Landfrauenverband und der Landjugend.

Die grundlegenden Entscheidungen trifft laut DBV die Mitgliederversammlung, bestehend aus 450 Delegierten der Landesbauernverbände (in der Regel Kreisvorsitzende). Sie wählen auch den Präsidenten sowie bis zu fünf Vizepräsidenten, die den Vorstand bilden. Zurzeit sind das diese Personen, allesamt ausgebildete und studierte Landwirte:

Zu den Betrieben der DBV-Vorstandsmitglieder liegen allerhand Daten vor. Zu den Betrieben in Niedersachsen beziehungsweise Deutschland insgesamt auch. Wie stehen Rukwied und Co. also im Vergleich mit dem Durchschnittsbauern da?

Das Land Niedersachsen listet in seiner aktuellsten Landwirtschaftszählung (von 2020) rund 35.000 Betriebe in Niedersachsen. Insgesamt werden etwa 2,57 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt. Im Durchschnitt besitzt ein Betrieb also 73 Hektar, wobei die Verteilung natürlich nicht gleichmäßig ist. In der Gemeinde Bohmte bewirtschaftet ein Betrieb durchschnittlich 74 Hektar, in Ostercappeln 54 Hektar, in Bad Essen 41 Hektar.

Von den Bauernverbands-Vorstandsmitgliedern, die Angaben zu ihren Betrieben machen, besitzt Joachim Rukwied das meiste Land: 362 Hektar, also fast fünfmal so viel wie der niedersächsische Durchschnittsbetrieb.

Es folgen Karsten Schmal mit 250 Hektar und Günther Felßner mit 180. Holger Hennies kommt sogar auf 650 Hektar, allerdings in einer Ackerbau-Gemeinschaft mit vier anderen Landwirten, sodass jeder im Schnitt 130 Hektar besitzt.

Im Land Niedersachsen werden der Landwirtschaftszählung zufolge rund 2,93 Millionen Großvieheinheiten gehalten. Ein über-zweijähriges Rind zählt dabei als eine Großvieheinheit, ein Schwein beispielsweise als 0,12 Großvieheinheiten. Im Schnitt besitzt ein Betrieb also 84 Großvieheinheiten. In der Gemeinde Bohmte hält ein Betrieb durchschnittlich 170 Großvieheinheiten, in Ostercappeln 92, in Bad Essen 50.

Bekannt ist aus eigenen Angaben des Bauernverbandsvorstands, dass Karsten Schmal 175 Milchkühe hält, also 175 Großvieheinheiten – doppelt so viele wie der niedersächsische Durchschnittsbetrieb. Günther Felßner besitzt 100.

Von der Europäischen Union erhielt Deutschland im Jahr 2022 insgesamt circa 7 Milliarden Euro, wie die aktuellen Daten des Bundeslandwirtschaftsministeriums zeigen. Bei rund 315.000 Empfängern sind das im Schnitt 22.000 Euro. Dabei kommen allein die fünf Top-Empfänger auf insgesamt 131 Millionen Euro.

Zumindest ungefähr im bundesweiten Schnitt liegt Susanne Schulze Bockeloh, deren Mann Andreas Schulze Bockeloh für seinen Betrieb im Jahr 2022 rund 29.000 Euro von der EU erhielt. Das geht aus den aktuellsten öffentlichen Daten hervor. Es folgen mit Abstand Günther Felßner (63.000 Euro) und Karsten Schmal (65.000 Euro).

Joachim Rukwieds eigener Betrieb wurde mit 109.000 Euro subventioniert. 170.000 Euro bekam Holger Hennies für die KOMB-i Agrar-Verwaltungs-GmbH, in der er einer von zwei Geschäftsführern ist. Detlef Kurrecks Körchower Land Agrargesellschaft mbH erhielt Förderungen von 280.000 Euro – fast 13-mal so viel wie der bundesweite Durchschnitt.

Die EU-Subventionen, die jedes DBV-Vorstandsmitglied bekommt, bestehen im Schnitt zu mehr als der Hälfte aus der Basisprämie, die umso höher ist, je mehr landwirtschaftliche Fläche ein Betrieb besitzt. Ein weiteres Viertel der Gesamtsumme macht die Greeningprämie aus, für bestimmte Bewirtschaftungsmethoden, die dem Klima- und Umweltschutz dienen sollen.

Im Vergleich mit ihren Vorstandskollegen macht bei Schulze Bockeloh und Felßner die Prämie für Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen noch einen recht großen Anteil ihrer Subventionen aus (31 beziehungsweise 19 Prozent). Die gibt es für freiwillige Umweltleistungen.

Wie viel Gewinn landwirtschaftliche Haupterwerbsbetriebe in Deutschland gemacht haben, listet das Bundeslandwirtschaftsministerium auf. Dessen aktuellste Daten beziehen sich auf das Wirtschaftsjahr 2021/2022, in dem der Gewinn bei durchschnittlich etwa 82.000 Euro je Unternehmen lag. Statista listet für das Wirtschaftsjahr 2022/2023 sogar mehr als 115.000 Euro Durchschnittsgewinn.

Aktuelle Daten zu erzielten Gewinnen sind nur von Detlef Kurrecks Körchower Land Agrargesellschaft öffentlich verfügbar. Im Geschäftsjahr 2021/2022 erzielte er demnach einen Jahresüberschuss von rund 182.000 Euro. Also mehr als doppelt so viel wie damals der durchschnittliche deutsche Haupterwerbsbetrieb.

Die DBV-Bundesvorstandsmitglieder haben noch andere Posten inne, und zwar nicht nur in Landesverbänden des Bauernverbands oder anderen Interessengruppen von Landwirten.

Joachim Rukwied sitzt beispielsweise im Vorstand der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft eG, die die Mehrheit der Aktien der Südzucker AG besitzt. Die wiederum ist die Muttergesellschaft der Südzucker-Gruppe. Diese bezeichnet sich selbst als „im traditionellen Zuckerbereich größter Anbieter von Zuckerprodukten in Europa“, gehört also zur verarbeitenden Agrarindustrie. Auf seinem Hof baut Rukwied selbst Zuckerrüben an.

Rukwied ist zudem Präsident des Forums Moderne Landwirtschaft. Mitglieder sind dort neben dem Verband der Landwirtschaftskammern oder dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft auch die Chemiekonzerne BASF und Bayer, die Supermarkt-Ketten Lidl und Rewe – sowie Südzucker. Also wiederum der Landwirtschaft nachgelagerte Branchen, nämlich Industrie und Handel.

Detlef Kurreck ist unter anderem Vorsitzender der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (UFOP), seine Körchower Land Agrargesellschaft baut ebenfalls Raps an. Zu den UFOP-Mitgliedern zählt unter anderem der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID), der auch die Interessen der pflanzenölraffinierenden Unternehmen vertritt. Die OVID wiederum ist auch Mitglied im Forum Moderne Landwirtschaft.

Inhalt der Bauernproteste ist Kritik an der Bundesregierung. Unter anderem geht es um darum, dass sämtliche Subventionen und Steuerbefreiungen erhalten bleiben. Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP wollte ursprünglich die Agrardiesel-Subventionen und die Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Fahrzeuge komplett streichen.

Weiterlesen: Ampelregierung nimmt Kürzungspläne für Landwirte teilweise zurück

Vier DBV-Vorstandsmitglieder sind beziehungsweise waren selbst als Politiker aktiv. Joachim Rukwied saß für die CDU sowohl im Kreistag des Landkreises Heilbronn als auch im Gemeinderat Eberstadt. Ebenfalls für die CDU ist Günther Felßner Kreisrat im Nürnberger Land. Susanne Schulze Bockeloh gehört der CDU-Ratsfraktion Münster an. Detlef Kurreck sitzt für die Wählergemeinschaft Bastorf im Gemeinderat Bastorf.

Unsere Redaktion konfrontierte den DBV mit der Kritik sowie mit den Ergebnissen der Analyse, dass im DBV-Bundesvorstand vor allem Personen sitzen, die deutlich mehr Land als der Durchschnitt besitzen und über ihre Posten Verbindungen zu Industrie und Handel haben.

Pressesprecher Axel Finkenwirth sprach von einem bloßen Narrativ. Die Kritik sei „schlicht Unsinn“.

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