Osnabrück FC Bayern: Thomas Tuchel ist nicht das Problem - aber die Trennung richtig
Thomas Tuchel und der FC Bayern haben sich darauf verständigt, dass der Trainer den Fußball-Rekordmeister schon nach der laufenden Saison wieder verlassen wird. Das eigentliche Problem hat man in München dabei noch immer verkannt, die Lösung ist trotzdem folgerichtig, findet Kommentator Jacob Alschner.
Also doch. Der FC Bayern und Thomas Tuchel beenden ihre Zusammenarbeit - zumindest nach dem Ende dieser Saison. Nach den jüngsten drei Pflichtspielniederlagen in Folge (0:3 in Leverkusen, 0:1 bei Lazio Rom und 2:3 beim VfL Bochum) schien es Anfang der Woche zunächst, als zögen weder Club noch Trainer personelle Konsequenzen aus der sportlichen Krise. Ein paar Tage später einigte man sich nun darauf, die Saison gemeinsam zu Ende zu bringen und dann getrennter Wege zu gehen. Eine Entscheidung, in deren Entstehung das eigentliche Problem der einstigen „Super-Bayern“ verkannt wird. Und die doch die richtige ist.
Eine ähnliche Durststrecke wie die beschriebene von drei Niederlagen in Folge gab es beim FCB zuletzt im Mai 2015. Damals hieß der Trainer noch Pep Guardiola, die Bayern waren zum Zeitpunkt der „Krise“ am Ende einer Saison abermals längst Meister und konnten sich die Dämpfer, auch wenn ein bitterer in der Champions League gegen Barcelona darunter war, gut erlauben. Es waren die Zeiten völliger Dominanz, in der Bundesliga vom ersten bis zum letzten Spieltag. Nie war die Meisterschaft ernsthaft in Gefahr.
Seitdem sich Guardiola aber ein Jahr später in Richtung Manchester verabschiedete, kommt den Münchnern diese Dominanz gefühlt Spielzeit für Spielzeit mehr abhanden. Zwar klappte es weiter mit dem Gewinn der Schale. Im vergangenen Mai, das nur zur Erinnerung, aber erst in sprichwörtlich letzter Minute. Die Trainer wechselten über die Jahre, hießen mal Ancelotti, mal Heynckes, Kovac, Flick, Nagelsmann oder nun (noch) Tuchel. Was sich aber in seinen Grundfesten wenig bis gar nicht veränderte, war der Kader.
Saison für Saison schickt man als Bayern-Trainer, wie auch immer man dann gerade heißt, dieselbe Achse aus Schlachtrössern auf den Platz: Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Thomas Müller zuvorderst, Serge Gnabry und Leon Goretzka kamen wenig später dazu. Rösser mit viel Erfahrung. Aber auch mit vollem Magen. Dass ihr Titelhunger nach bis zu elf(!) gewonnen Meisterschaften in Folge nicht mehr derselbe ist wie damals, ist allemal anzunehmen. Dem Ehrgeiz zuträglich ist das nicht. Hierin liegt das eigentliche Problem.
Es hätte so viele Sollbruchstellen gegeben, in den vergangenen Jahren. Möglichkeiten, den Kader auf entscheidenden Positionen zu verändern. Die letzte, als sich Torwart Neuer im Dezember 2022 beim Skifahren schwer verletzte und womöglich an den Rand der Sportinvalidität brachte. Doch statt für frischen Wind (und mehr Appetit auf Edelmetall?) zu sorgen, setzte man erneut ein Dreivierteljahr auf die Dienste Sven Ulreichs als Lückenfüller. Bis Neuer wieder im Tor stand. Und gut hält, keine Frage. Ob sonderlich ambitioniert ist eine andere. Nur ein Beispiel von vielen. Das Problem des FCB steckt seit Jahren im Kader.
Dass die bevorstehende Trennung von Tuchel dennoch die richtige ist, lässt sich daran erahnen, dass die Ehe zwischen dem oberbayerischen Herzerl-Club und dem kühl bis verkopft wirkenden schwäbischen Trainer schon seit Trauung im März 2023 kein Bund fürs Leben zu sein schien. Immer wieder gab es Zwist, der nach außen drang: mal mit Offiziellen aus der Führungsetage der Bayern, mal mit Spielern (zuletzt hör- und sichtbar im Bochumer Ruhrstadion mit Joshua Kimmich). Die Trennung ist deshalb richtig, weil es beim FCB einen Trainer braucht, der die hohen Münchner Ansprüche, fachlicher (erfüllt Tuchel) und zwischenmenschlicher (eher nicht) Art, gleichermaßen erfüllt.
Blöd nur, dass sich mit diesem Profil aktuell nur ein einziger Übungsleiter wirklich aufdrängt. Xabi Alonso. Genau der Spanier, der beim FC Bayern 2017 seine Karriere von Welt-Format beendet hatte und den man an der Säbener Straße gerne nahtlos auf den Sessel des Sportchefs hätte übergehen sehen. Tat er aber nicht. Sondern startete seine Trainer-Laufbahn bei Real Sociedad im heimischen San Sebastián. Mittlerweile ist Alonso drauf und dran, in seiner ersten kompletten Saison als Profi-Trainer direkt die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Verzaubert mit dem Fußball, den er spielen lässt, beinahe wöchentlich die Bundesliga.
Doch, Vorsicht Bayern: auch Alonso wäre alleinig nicht der Heilsbringer. Den Kader, die aktuell seine mit viel Charme und schüchternem baskischen Akzent vorgetragenen Befehle ausführt, hat er sich vor der Saison nach Belieben zusammenstellen dürfen. Ganz frisch und hungrig.