Berlin  Ukrainischer Botschafter zu AfD und Wagenknecht: „Diese Loser-Philosophie ist unverantwortlich“

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 24.02.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev ist weniger bekannt als sein provokanter Vorgänger Andrij Melnyk. Aber trotzdem erfolgreicher dabei, deutsche Unterstützung für die Ukraine zu organisieren? Foto: Christoph Soeder
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev ist weniger bekannt als sein provokanter Vorgänger Andrij Melnyk. Aber trotzdem erfolgreicher dabei, deutsche Unterstützung für die Ukraine zu organisieren? Foto: Christoph Soeder
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Der Botschafter der Ukraine Oleksii Makeiev glaubt, dass sein Land den Krieg noch gewinnen kann. Zum Jahrestag des russischen Angriffs auf sein Land erklärt er, warum man mit Wladimir Putin nicht verhandeln kann.

Oleksii Makeiev trat im Oktober 2022 die Nachfolge von Andrij Melnyk als Botschafter der Ukraine in Deutschland an. Der 48-Jährige Diplomat hat in Kiew internationale Beziehungen studiert. Er pflegt einen leiseren Stil als sein Vorgänger Andrij Melnyk, der zu Beginn des Ukraine-Krieges scharfe Kritik an der Bundesregierung übte, die sein Land seiner Ansicht nach nicht genügend unterstützte. Doch in seiner Amtszeit wurde Deutschland zum zweitstärksten Unterstützer der Ukraine. Wir trafen Makeiev zum zweiten Jahrestag des russischen Angriffskrieges in der Botschaft der Ukraine in Berlin. Ein Gespräch über sein Land im Krieg, seine Hoffnung - und den russischen Präsidenten Putin.

Frage: Herr Botschafter, am 24. Februar 2022 hat Russland die Ukraine angegriffen. Was hat dieser Tag verändert? 

Antwort: Er hat viele Millionen Menschenleben völlig verändert. Das Ausmaß dieser Katastrophe wird sich auf das Leben der nächsten Generationen von Ukrainern und Europäern auswirken. Meine Großeltern haben mir als Kind sehr viel vom Zweiten Weltkrieg und dem, was sie unter der Besetzung der Nazis erlebt haben, erzählt. Meine Tochter wird ihren Kindern, meinen Enkeln, auch wieder davon erzählen, was sie 2022 in Kyjiw erlebt hat, als es angegriffen wurde. 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden wieder Geschichten über Bombardierungen erzählt. Es gibt in der Ukraine viele Kinder, die in den zehn Jahren ihres jungen Lebens nichts anderes als Krieg erlebt haben. Das ist eine Tragödie. 

Frage: Viele in Europa dachten, der Krieg werde sich schnell entscheiden…

Antwort: Russland hat 2014 den Krieg gegen uns begonnen.  Der Zweite Weltkrieg hat kürzer gedauert. Man muss sich vor Augen führen, was unser Land und seine Menschen durchmachen. Aber wir haben es bis zum heutigen Tag geschafft, unsere Unabhängigkeit zu verteidigen. Wir haben es geschafft, die russischen Truppen aus Kyjiw und Charkiw zu vertreiben mit den wenigen Waffen, die wir 2022 zur Verfügung hatten. Wir haben heute eine große Koalition hinter uns, aber leider nicht genug Waffen und Munition, um diesen Krieg schneller zu gewinnen. 

Frage: Wird 2024 das entscheidende Jahr? 

Antwort: Es sind immer noch viele Gebiete und Millionen Menschen unter russischer Besatzung. Wir müssen sie von dieser Besatzung und von all den Gräueltaten befreien. Für viele Ukrainer sind nicht Jahre, sondern es ist jeder Tag entscheidend. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Menschen sterben. Ich kann nicht sagen, wann dieser Krieg gewonnen wird. Aber je mehr wir vom Westen unterstützt werden, desto besser stehen die Chancen, dass wir es schaffen. 

Frage: Was bedeutet der Tod des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny für Russland? Und für die Ukraine? 

Antwort: Wie unser Präsident in München sagte, ist es Putin egal, wer stirbt. Das ist ein weiteres Zeugnis dafür, dass man nie mit Putin verhandeln sollte, da er immer tötet. Das russische Regime ist allein dafür verantwortlich, für die Ermordung von vielen Moldawiern im Krieg in Transnistrien, Georgiern in 2008, Niederländern und Malaysiern nach dem Abschuss der Boeing MH17 in 2014, Tausenden von ukrainischen Zivilisten nach der Besatzung der Krim und der Invasion gegen die Ukraine. Und, wohl gemerkt, mit einer überwältigen Unterstützung der russischen Gesellschaft. Jetzt ist es aber wichtig, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. 

Frage: Was erwarten Sie mit Blick auf den Krieg von Deutschland?

Antwort: Alles, worum ich die deutsche Bundesregierung bitte, ist vom Bedarf an der Front bestimmt. Wir brauchen mehr Munition, mehr Waffen und eine Führungsrolle Deutschlands in Europa. Es bräuchte mehr Verständnis dafür, worum es geht, und warum es sinnvoll ist, uns zu helfen. 

Frage: Worum geht es also?

Antwort: Es wäre wichtig, dass die Grundeinstellung sich in Deutschland weiterentwickelt. Es ist im deutschen und europäischen Interesse, der Ukraine so lange wie nötig und mit allem, was zur Verfügung steht, zur Seite zu stehen. Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen. Ich wünsche mir, dass diese Grundeinstellung für eine umfassende Unterstützung von der Mehrheit in Deutschland geteilt wird: Der Ukraine muss nicht aus Mitleid, sondern aus ureigensten Interessen geholfen werden. Das würde auch politische Entscheidungen beschleunigen. 

Frage: Mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht und der AfD gewinnen in Deutschland gerade zwei Parteien an Einfluss, die Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnen…

Antwort: Es steht einem Botschafter nicht zu, sich in interne Angelegenheiten des Gastlandes einzumischen, aber das beunruhigt mich schon. Es ist doch verbrecherisch, sich die russische Propaganda zu eigen zu machen oder zu behaupten, man brauche keine Waffen, um sich zu verteidigen. Diese Loser-Philosophie ist angesichts der heutigen Bedrohungslage absolut unverantwortlich. 

Frage: Der US-Journalist Tucker Carlson hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin interviewt. Haben Sie es sich angeschaut?

Antwort: Ich hatte keine Zeit dafür, zwei Stunden von dem anzuhören, was wir leider in den letzten Jahren von Putin mehrmals gehört haben. Putin ging einige Hundert Jahre in der Geschichte zurück, um einen russischen Angriff auf die Ukraine zu begründen. Er hat den Bezug zur Realität offensichtlich völlig verloren. Aber es gelingt ihm nicht, die Schuld umzukehren. Ich bin froh, dass auch die Medien in Deutschland das ganz klar so eingeordnet haben. 

Frage: Putin hat immerhin versichert, keine weiteren Länder angreifen zu wollen…

Antwort: Russland darf man nicht glauben. Punkt. 

Frage: In europäischen Ländern bereitet man sich auf einen möglichen Angriff Russlands auf ein Nato-Land vor. Ist das für Sie ein Zeichen, dass ihre Unterstützer nicht mehr an einen Sieg der Ukraine glauben? 

Antwort: Ganz im Gegenteil. Man hört auf uns und hat den Ernst der Lage erkannt. Die Tatsache, dass jetzt massiv in eigene und gemeinsame Verteidigung investiert wird, ist goldrichtig. Die Ukraine zeigt heute, warum eine funktionierende und gut versorgte Armee wichtig ist. Wir zeigen unseren Alliierten, wie ein solcher Krieg heute geführt wird und welche Lehren man daraus ziehen muss. Jetzt wird Artillerie-Munition nachproduziert, weil man sie einfach braucht. Man hat erkannt, dass Flugabwehr überlebenswichtig ist. Auch Drohnen spielen heute eine Rolle, wie man es sich vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen konnte. All das sind Lehren aus diesem Krieg. Wir zahlen dafür mit vielen Menschenleben. 

Frage: Sehen Sie die Gefahr, dass die Länder ihr Material jetzt lieber für sich selbst horten als es der Ukraine zu geben? 

Antwort: Die Waffen müssen jetzt dorthin, wo sie gebraucht werden. Und sie werden an der Ostfront Europas gebraucht. Natürlich kann Deutschland nicht alle Panzer an die Ukraine abgeben, aber im Falle unseres Erfolgs wird die Gefahr auch für Deutschland viel kleiner. Ich freue mich, dass der deutsche Kanzler Olaf Scholz in Europa jetzt eine Führungsrolle übernimmt und jetzt offensiv dafür wirbt, dass auch die anderen Länder die Ukraine stärker unterstützen. 

Frage: Insbesondere Sahra Wagenknecht verweist immer wieder auf die Möglichkeit, diesen Krieg am Verhandlungstisch zu beenden. Warum ist das keine Option? 

Antwort: Glauben diejenigen, die Verhandlungen fordern, dass sie das, was Präsident Biden, Bundeskanzlerin Merkel, Bundeskanzler Scholz und Präsident Macron nicht geschafft haben, schaffen würden? Wir haben von Putin mehrfach gehört, dass uns Ukrainern das Existenzrecht aberkannt wird. Wie soll man da Verhandlungen führen? Niemand hat mir bisher einen Plan vorgestellt. Und wenn man dann vorschlägt, die Ukraine könnte ja Gebiete abgeben, dann frage ich zurück: Würden Sie das auch mit ihrem Land so machen? Ein Stück Deutschland abgeben, damit alle anderen wieder ihren Frieden haben? Mit diesem Regime, mit diesem Russland kann man nur aus der Position der Stärke verhandeln. Natürlich wird jeder Krieg irgendwann mit Verhandlungen beendet, aber für uns ist entscheidend, dass Russland die Verantwortung übernimmt für diesen Krieg. Russland muss zur Rechenschaft gezogen werden und für die Schäden bezahlen - und nicht der Steuerzahler in Deutschland und anderen Ländern. 

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