Kiew Putin auf dem Vormarsch: Hat Präsident Selenskyj zu hoch gepokert?
Zwei Jahre Ukraine-Krieg: Hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu hoch gepokert? Analyse zur militärischen Lage an der Front und den verbleibenden Möglichkeiten des Westens, eine Niederlage abzuwenden.
Am zweiten Jahrestag des russischen Angriffskrieges sieht es düster für die Ukraine aus. Nicht nur die symbolisch wichtige Schlacht um Awdijiwka ist verloren gegangen, auch die Zuversicht schwindet. An der mehr als 1000 Kilometer langen Front hat die russische Armee die Initiative übernommen. Das zeigt der Fall der seit Jahren umkämpften Stadt Awdijiwka.
Wie schon in der Schlacht um Bachmut konnte eine russische Übermacht trotz horrender Verluste am Ende einen Sieg verbuchen. Somit setzt sich die Serie von Niederlagen für die Ukraine fort. Schon die Sommergegenoffensive war ein Desaster. Statt des von Selenskyj versprochenen Durchbruchs bis zum Asowschen Meer blieben die Truppen in den stark ausgebauten Verteidigungslinien der Russen stecken.
Die Verluste an Mensch und Material waren immens. Dennoch hält Selenskyj an seinen Kriegszielen fest: Die Rückeroberung aller von Russland besetzten Gebiete, einschließlich der Halbinsel Krim. Liegen zwischen den politischen Zielen und dem militärisch Machbarem unüberwindbare Grenzen? Ja, eindeutig.
In diesem Winter gerät die ukrainische Armee immer stärker in die Defensive. Selenskyj setzte erst kürzlich seinen Armeechef Walerij Saluschnyj ab, der in der Bevölkerung äußerst populär ist. Ihm werden vor allem die erfolgreichen Militäroperationen als Verdienst angerechnet: die Schlacht um Kiew, die Befreiung der Region Charkiw, die Rückeroberung der Stadt Cherson.
Hat sich Selenskyj durch die Absetzung seines Widersachers in der Bevölkerung beliebter gemacht? Oder verliert der Präsident weiter an Ansehen und Vertrauen? Ohne baldige Erfolge auf dem Schlachtfeld könnte es sogar für Selenskyj politisch im Kiew eng werden, denn sein Nimbus als Held aus den Anfangstagen des Krieges schwindet. Während im Mai 2022 noch 90 Prozent der Ukrainer sagten, dass sie Selenskyj vertrauen, waren es jetzt nur noch 60 Prozent.
Der neue Generalstabschef Oleksandr Syrsky steht vor dem gleichen Dilemma wie Saluschnyj: Es mangelt an Soldaten, Munition und schweren Waffen. Eine Million Artilleriegeschosse wollte die EU eigentlich bis März liefern. Nur rund die Hälfte ist aber tatsächlich eingetroffen. Die EU will das Ziel nun bis Ende 2024 erreicht haben.
Auch bei Panzern, Mittelstreckenraketen, Geschützen und Kampfflugzeuge tun sich immer größere Lücken auf. Gleichzeitig sind die Lagerbestände der NATO-Partner stark reduziert. Im Februar sollen die ersten F16-Kampfjets geliefert werden. Deutschland hat militärische Unterstützungsleistungen von rund 5,4 Milliarden Euro in 2023 geleistet, nach 2 Milliarden Euro im Jahr 2022. Für die Folgejahre sind Leistungen in Höhe von rund 10,5 Milliarden Euro vorgesehen. Aber reicht das?
Russland hat seine Kriegswirtschaft angeworfen. In den ersten Monaten des russischen Überfalls offenbarte die Armee große Defizite – bei Ausrüstung, Taktik und Logistik. Mittlerweile hat sich die russische Armee aber angepasst und auch bei High-Tech-Waffen nachgerüstet. Das gilt bei Drohnen wie für die elektronische Kriegsführung. Prognosen, dass Russlands Wirtschaft aufgrund der Sanktionen des Westens in die Knie gehen würde, haben sich als falsch herausgestellt.
Markus Keupp, Militärökonom an der Militärakademie der ETH in Zürich, sagte im Februar 2023 in unserem Expertentalk das Ende des Krieges im darauffolgenden Herbst voraus – mit der Begründung, Putin gingen die Militärressourcen zur Neige. Die Verluste sind enorm: Putins Armee soll allein weit über 2000 Panzer verloren haben. Richtig ist aber auch: Die russische Industrie ist auf die Kriegswirtschaft umgestellt. Zudem: China, Nordkorea und Iran unterstützen Russland. Außerdem plant Verteidigungsminister Sergej Schoigu, die Armee von derzeit 1,15 Millionen bis 2026 auf 1,5 Millionen Soldaten zu vergrößern. Ob das reine Propaganda ist, muss die Zukunft zeigen.
Die USA als wichtigster und größter Waffenlieferant droht durch die Blockade der Republikaner im US-Repräsentantenhaus auszufallen. Die EU kann diese Lücke kaum füllen, weil die Mitgliedstaaten in den vergangenen zwei Jahren ihre Rüstungsbemühungen nur unzureichend verstärkt haben. Sollte Donald Trump zum US-Präsidenten im Herbst wiedergewählt werden, droht Kiew womöglich der vollständige Stopp der US-Militärhilfspakete.
Ohne westliche Gelder würde die stark zerstörte Ukraine ihren Widerstand gegen die russischen Aggressoren kaum aufrechterhalten können. Die Nato und die EU wollen Kiew Beitrittsperspektiven geben. Doch es bleibt zweifelhaft, ob dieses große Ziel angesichts des russischen Vormarsches realistisch ist. Zudem: Immer mehr Bürger in der EU stehen einer Ausweitung der militärischen Unterstützung skeptisch gegenüber.
In Kiew wie in Moskau sind die Verlustzahlen Staatsgeheimnis. Der US-Geheimdienst hatte im Dezember 2023 die Zahl der im Krieg getöteten oder schwer verletzten russischen Soldaten mit rund 315.000 angegeben. In den vergangenen Wochen dürfte sich diese Zahl angesichts der enorm verlustreichen russischen Offensiven womöglich auf 400 000 erhöht haben.
Im Frühjahr 2023 geleakte Pentagon-Papiere bezifferten die ukrainischen Gesamtverluste in 2022 auf 124.500 bis 131.000 Soldaten, wobei bis zu 17.500 Soldaten getötet worden sein sollen. Beobachter gehen davon aus, dass seit 2023 angesichts der gescheiterten Gegenoffensive im Sommer und den Rückschlägen in Bachmut und Awdijiwka die Zahl der Toten und Verletzte stark angestiegen sind. Experten sagen hinter vorgehaltener Hand, dass die ukrainischen Verluste geringer ausfallen dürften als die russischen, aber auch erschreckend hoch seien.
Der Wagner-Aufstand vom 23. bis 24. Juni 2023 ließ die Welt aufhorchen: Sollte das als stabil gegoltene Unterdrückungssystem Putin tatsächlich kollabieren können? Jewgeni Prigoschin und seine Söldner scheiterten. Der Wagner-Chef und sein Führungsteam starben wenig später bei einem Flugzugunglück. Auch Kreml-Kritiker Alexej Nawalny kam im Gefängnis ums Leben.
Putin scheint seine Macht in der Manier eines brutalen Diktators abgesichert haben. Gerüchte, dass Russlands Alleinherrscher unheilbar an Krebs erkrankt sei und bald sterben würde, wurden auch von ukrainischen Stellen seit Beginn des Krieges gestreut. Seine jüngsten Aufritte wie beim umstrittenen US-Journalisten Tucker Carlson zeigten jedoch einen 71-Jährigen, der fitter wirkte als US-Präsident Joe Biden (81).
Selenskyj hat Friedensverhandlungen kategorisch abgelehnt, solange Russland ukrainisches Staatsgebiet besetzt hält. Dazu gibt es auch ein Dekret von Oktober 2022, das nach wie vor gilt. Putin scheint im nächsten Schritt die vollständige Eroberung der völkerrechtswidrig annektierten Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson anzustreben. Rund 20 Prozent der Ukraine stehen unter Kontrolle Russlands.
Jetzt ließ Putins Vertrauter, Ex-Präsident Dmitri Medwedew, verlauten, er halte die Annexion von Odessa und später womöglich auch die Einnahme von Kiew für notwendig. Es spricht viel dafür, dass Moskau bei anhaltendem militärischen Erfolg auf einen Diktatfrieden setzen wird. Im November 2022 hatte der US-Generalstabschef Mark Milley für Verhandlungen plädiert. Damals war die Ukraine militärisch noch in einer Position der Stärke und die Zahl der Toten lag laut Milley bei jeweils 100 000 Toten auf beiden Seiten.
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage: Haben Kiew und der Westen damals womöglich eine historische Chance verpasst? Oder gelingt es dem Westen, durch eine massive Verstärkung der Militärhilfen die Ukraine wieder so stark zu machen, dass sich Putin zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen sieht? Derzeit sucht Russland die Entscheidung auf dem Schlachtfeld – erbarmungslos, brutal und unabhängig davon, wie viel Menschen und Zeit dieser verbrecherische Krieg kosten wird.