Probleme an den Schulen  Lehrermangel verschärft sich im Kreis Aurich

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 25.02.2024 12:42 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die meisten Lehrer mit der besten Unterrichtsversorgung haben die beiden Gymnasien im Kreis Aurich. Foto: Romuald Banik
Die meisten Lehrer mit der besten Unterrichtsversorgung haben die beiden Gymnasien im Kreis Aurich. Foto: Romuald Banik
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Laut Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) ist die Unterrichtsversorgung im Land gestiegen. Das gilt aber nicht für den Landkreis Aurich.

Aurich - Drastisch gesunken ist die Unterrichtsversorgung an den Schulen im Landkreis Aurich. Nur die beiden Gymnasien in Aurich und Norden kommen noch auf eine Versorgung mit Lehrern von über 100 Prozent. Alle anderen Schulformen liegen deutlich darunter – und können daher selbst dann nicht den vorgesehenen Unterricht erteilen, wenn es keine Ausfälle in den Kollegien gibt.

Eine Illusion, wie Rüdiger Musolf, Leiter des Gymnasiums Ulricianum, auf Anfrage erklärt. Denn es seien nicht nur immer einige Kollegen krank. Unterricht müsse auch ausfallen, wenn Klassenfahrten begleitet, besondere Projekte durchgeführt oder Fortbildungen besucht werden. „So gesehen sind Unterrichtsausfälle auch ein Zeichen für eine aktive Schule“, sagt Musolf. Um für alle Unterrichtsausfälle gewappnet zu sein, um alle Stunden vertreten zu können, werde im Grunde eine rechnerische Unterrichtsversorgung von 110 Prozent benötigt.

Nur Gymnasien liegen über 100 Prozent

Ein weit entferntes Ziel, wie Zahlen des Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung belegen. So kommen die beiden Gymnasien auf eine Unterrichtsversorgung von 102,9 Prozent. Die Daten wurden in allen niedersächsischen Schulen am 31. August vorigen Jahres erfasst, sind also nicht ganz aktuell. Das RLSB benötigt mehrere Monate, um die Statistik zu erstellen und konnte daher die Zahlen erst jetzt mitteilen.

Demnach hat sich die Versorgung an jeder Schulform im Landkreis Aurich im vergangenen Schuljahr verschlechtert. Eine Ausnahme sind lediglich die Gymnasien, die ein Schuljahr zuvor nur eine Unterrichtsversorgung von 101,7 Prozent hatten. Verbessert haben sich auch die Oberschulen, deren Wert nun bei 99,2 Prozent liegt (2023: 97,7 Prozent).

Hauptschulen am Ende der Versorgungskette

Grundschulen, Gesamtschulen, Realschulen, Förderschulen – sie alle mussten Einbußen hinnehmen. Am schlimmsten sieht es bei den Förderschulen aus. Deren Unterrichtsversorgung liegt nur noch bei 87,5 Prozent. Kein Wunder: In Niedersachsen gibt es entsprechende Studiengänge nur an den Universitäten Oldenburg und Hannover. Der Zugang ist stark begrenzt, eine Durchschnittsnote von 1,6 sollte man aus dem Abitur schon mitbringen, wenn man ohne Wartesemester ein solches Studium aufnehmen will. Dementsprechend, so RLSB-Sprecherin Mareike Wellmeier, gebe es einen Mangel in allen sonderpädagogischen Fachrichtungen.

Die Förderschulen im Landkreis Aurich haben die geringste Unterrichtsversorgung. Foto: Heino Hermanns
Die Förderschulen im Landkreis Aurich haben die geringste Unterrichtsversorgung. Foto: Heino Hermanns

Nur noch wenige Hauptschulen gibt es in Niedersachsen. Doch es sind noch nicht alle aufgelöst worden: Im Landkreis Aurich gibt es noch die Haupt- und Realschule in Großheide. Dort muss die Hauptschule den Unterricht mit einer statistischen Versorgung von 89,3 Prozent gewährleisten. Ein drastischer Abfall, denn vor einem Jahr meldete das RLSB noch einen Wert von 103,7 Prozent.

Versorgung im Land ist gestiegen – im Landkreis nicht

Die Reihe der Unterversorgung setzt sich fort: Grundschulen (96,7 Prozent), Realschulen (94,2 Prozent), Gesamtschulen (94,5 Prozent) und Oberschulen (99,2 Prozent). Im Schnitt gibt es an den allgemeinbildenden Schulen im Landkreis Aurich eine Unterrichtsversorgung von 95,8 Prozent. Zum Vergleich: Landesweit liegt dieser Wert bei 96,9 Prozent.

In einer Pressemitteilung vom 31. Januar rühmt Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) sich, dass erstmals seit dem Jahr 2019 die Unterrichtsversorgung an den öffentlichen allgemein bildenden Schulen in Niedersachsen im Vergleich zum Vorjahr nicht schlechter geworden sei. Eine Aussage, die für den Landkreis Aurich nicht zutrifft. Und das zu einer Zeit, in der die Schülerzahlen entgegen der Prognosen vergangener Jahre steigen – auch dank der Flüchtlinge aus der Ukraine.

Pädagogische Mitarbeiter helfen aus

Die Folgen des Lehrermangels: Unterrichtsstunden fallen aus oder werden erst gar nicht eingeplant, wenn es gar nicht mehr anders geht. Kathrin Peters, Leiterin der Realschule Aurich, betont auf Anfrage, dass man versuche, so wenig wie möglich zu kürzen. Es würden aber zum Teil aus zweistündigen Fächern einstündige gemacht. Das betreffe vor allem eigentlich beliebte Fächer wie Musik, Kunst, Textiles Gestalten oder Gestaltendes Werken. Auch Rüdiger Musolf bestätigt, dass am Gymnasium auf diese Weise Unterrichtsstunden eingespart würden.

Aufgefangen werden, insbesondere in den Grundschulen, ausfallende Stunden oft mit Hilfe von so genannten pädagogischen Mitarbeitern. Wellmeier legt aber Wert darauf, dass diese „ausschließlich zur Betreuung und Beaufsichtigung von Lerngruppen“ eingesetzt werden. Sie würden keinen eigenverantwortlichen Unterricht erteilen. Das RLSB habe „großes Vertrauen in die Schulleitungen, dass sie pädagogische Mitarbeiter adäquat einsetzen würden. Vorrangig sollen auch Lehrkräfte für den Vertretungsunterricht eingesetzt werden, um den Fachunterricht möglichst ohne Einschränkungen zu gewährleisten. „Die Planung und Umsetzung von Unterricht obliegt ausschließlich den entsprechend ausgebildeten Lehrkräften.“ Pädagogische Mitarbeiter würden Unterrichtsmaterialien von den Lehrkräften erhalten, um Lernstoff zu wiederholen.

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