Weniger ist mehr  Wie könnte Kino für autistische Menschen angepasst werden?

Lotta Groenendaal
|
Von Lotta Groenendaal
| 26.02.2024 11:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sondervorstellungen für Autisten könnten in Ostfriesland bald zur Realität werden. Foto: dpa
Sondervorstellungen für Autisten könnten in Ostfriesland bald zur Realität werden. Foto: dpa
Artikel teilen:

In Ostfriesland könnte es bald ein Kinoprogramm für Menschen mit Autismus geben. Wie eine solche Vorstellung aussehen könnte, erklärt Initiator und Asperger-Autist Frank Fahr.

Pewsum - Laute Explosionen, scheppernde Bässe aus den Lautsprechern und ganz viel Action. Kino ist meist vor allem eins: Reizüberflutung pur. Doch wenn es nach Frank Fahr ginge, soll sich das zumindest für ein paar ausgewählte Vorstellungen bald ändern.

Der Pewsumer Fahr engagiert sich als Vorstand des 2022 gegründeten Vereins „Heel wat Besünners“ dafür, über Autismus aufzuklären und organisiert verschiedenste Veranstaltungen in der Region für Autisten, deren Angehörige und Interessierte.

Ein Zeichen gegen die Reizüberflutung

Um Ostfriesland lebenswerter für Autisten zu machen, beschäftigt er sich momentan intensiv mit dem Thema Kino. Dabei geht es ihm vor allem um die Frage, wie man reguläre Kinovorstellungen anpassen könnte, um auf die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus einzugehen. Schließlich möchten auch autistische Menschen in ihrer Freizeit gern die neuesten Blockbuster zu sehen bekommen.

Das ist aber oftmals gar nicht so leicht, sagt Fahr. „Kino bedeutet für Autisten häufig eine Reizüberflutung“, erklärt er. Deshalb müsse es einige Änderungen geben, sowohl bei der Präsentation der Filme als auch bei der Organisation des Kinobesuchs. Weniger Dunkelheit, weniger Lautstärke und mehr Vorbereitung: So lasse sich eine gelungene Kinovorstellung für Menschen mit Autismus und Sensibilitätsstörungen laut Fahr zusammenfassen.

Keine vollständige Dunkelheit

Bei regulären Kinovorstellungen weiß man, dass der Film bald losgeht, sobald die Mitarbeiter nach und nach das Licht dimmen. Aber was für viele Menschen für Spannung und Vorfreude sorgt, kann bei Personen mit Autismus durchaus Angst auslösen, berichtet Fahr. Es kann die Dunkelheit selbst sein, die Angst verursacht. Aber auch der Versuch, den Saal zu verlassen, zum Beispiel um die Toilette zu benutzen, kann Unbehagen bei autistischen Besuchern hervorrufen. „Wenn man bei Dunkelheit raus möchte, ist die Gefahr groß, zu fallen oder zu stolpern“, sagt Fahr.

Als Lösung schlägt er vor, dass man die Dunkelheit anpassen könnte. „Es würde schon helfen, wenn nicht alles vollständig abgedunkelt wäre. Zehn bis 15 Prozent Licht im Saal wären eine gute Maßnahme.“ Um genaue Zahlen zu berechnen, bräuchte es Erfahrungswerte, so Fahr.

Bei Geräuschen ist weniger mehr

Ähnlich verhält es sich auch bei der Geräuschkulisse im Kino. „Die extreme Lautstärke der Musik und Soundeffekte in Kinofilmen wird von Menschen mit Autismus oder Sensibilitätsstörungen oft als störend empfunden“, erklärt Fahr. Auch hier hält er eine Reduktion dieser Reizüberflutung für die beste Option, um den Kinobesuch angenehmer für Autisten zu gestalten.

Eine geringere Lautstärke ist das eine, aber auch dass der Bass oft scheppert, störe ihn. „Es geht nicht nur um das Volumen, sondern auch um extreme Vibrationen und Schwingungen“, so Fahr. Statt der vollen Lautstärke und Bass Power stellt sich Fahr vor, dass Kinofilme nur mit 70 bis 80 Prozent der ursprünglichen Lautstärke gezeigt werden. Aber auch das müsse man einfach mal ausprobieren, sagt er.

Gute Vorbereitung ist die Grundlage

Insgesamt ginge eine spezielle Kinovorstellung für Autisten mit mehr Vorbereitung einher. Im Idealfall, so Fahr, gebe es eine vorbereitete Liste, auf der bestimmte Situationen im Vorfeld erklärt würden. So könne man vermeiden, dass Autisten mit unerwarteten oder ihnen unerklärlichen Situationen konfrontiert werden, welche zu Verunsicherungen führen könnten.

„Man kann sich das so vorstellen: Man schaut sich den neuen James-Bond-Film an und auf der Liste würde dann stehen, ‚Achtung, bei Minute 10:38 wird es laut wegen einer großen Explosion‘“. Durch so eine Maßnahme könnten unvorhersehbare Elemente in den Filmen bereits frühzeitig erklärt werden.

Fotos und Karten zur Orientierung

Zusätzlich wünscht sich Fahr Anpassungen bei der Organisation des Besuches selbst, zum Beispiel, dass eine freie Platzwahl auch während der Vorstellung möglich ist. Dabei ginge es keineswegs darum, dass die Besucher durchweg durch den Saal rennen. „Aber das wäre hilfreich, falls Personen feststellen, dass sie doch zu nah an der Leinwand sitzen oder es ihnen zu laut wird und ähnliches,“ beschreibt Fahr.

Auch würden Autisten von ganz praktischen Planungen im Kino profitieren, zum Beispiel von präzisen Beschreibungen der Wege im Haus. Anhand von Fotos und Karten kann auf diese Weise deutlich gemacht werden, wo es zum Kinosaal oder den Toiletten geht.

Jetzt fehlt nur noch die Umsetzung

Frank Fahr hat demnach schon viel über die ideale Kinovorstellung für Autisten nachgedacht und auch schon exakte Ideen zur Umsetzung im Kopf. Nun gehe es vor allem darum, willige Kooperationspartner zu finden.

Fahr ist momentan dabei, mit Kinobetrieben in Ostfriesland Kontakt aufzunehmen. Noch gestaltet sich das etwas schwierig, sagt er. „Ich denke, die Verantwortlichen haben vielleicht etwas Respekt oder Angst vor dem Vorhaben.“ Trotzdem bleibt Fahr optimistisch, dass es bald Kinovorstellungen geben wird, die besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus zugeschnitten sind.

Ähnliche Artikel