Gleichstellung in Emden  Frauen haben doch alle Rechte – reicht, oder, Frau Philipps?

| | 01.03.2024 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gaby Philipps ist seit zwei Jahren Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Emden. Foto: Hanssen
Gaby Philipps ist seit zwei Jahren Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Emden. Foto: Hanssen
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Gaby Philipps ist bei der Stadt Emden verantwortlich für Gleichstellung. Was macht sie eigentlich? Und braucht man den Posten heutzutage überhaupt noch?

Emden - Gaby Philipps strahlt Ruhe aus. Ihrer Stimme kann man gut lauschen. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass ihr in der Emder Stadtverwaltung Empathie, also Einfühlungsvermögen, zugeschrieben wird. Seit 1992 ist sie bereits bei der Stadt, seit Anfang 2022 ist sie die Gleichstellungsbeauftragte. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März 2024 (Programm mit Veranstaltungen hier) stellen wir sie jetzt noch einmal genau vor und haben mit ihr über aktuelle Herausforderungen gesprochen.

Als ihre Vorgängerin Okka Fekken nach drei Jahrzehnten in den Ruhestand ging, wurde Philipps von Kolleginnen auf den Posten angesprochen, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Einige haben offenbar gleich an mich gedacht.“ Lange hatte sie vorher im Personalbereich gearbeitet, im Rechnungsprüfungsamt und Datenschutz. Mehr Kontakt zu Menschen sprach sie bei ihrem neuen Posten an. „Von Haus aus bin ich ein großer Gerechtigkeitsfreak“, sagt sie. Wenn sie Zeugin von Ungerechtigkeiten werde, könne sie sich nur schlecht raushalten. Lange musste sie also nicht darüber nachdenken - und sehr nervös sei sie vor Antritt ihrer Stelle auch nicht gewesen. Oft genug habe sie vorher mit Okka Fekken zusammengearbeitet und habe sich mithilfe ihrer Vorgängerin auch auf die neuen Aufgaben vorbereiten können.

Was macht eine Gleichstellungsbeauftragte?

Eine Frauenberatungsstelle leitet sie schon einmal nicht, erklärt Gaby Philipps. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in der Verwaltung Redebedarf habe oder sich in irgendeiner Form wegen seines oder ihres Geschlechts benachteiligt fühle, etwa vom Vorgesetzten oder von der Vorgesetzten, dann steht ihre Tür offen. Auch aus der Bevölkerung bekomme sie vereinzelt Anrufe. Sie höre dann zu oder vermittle gegebenenfalls an eine Beratungsstelle.

Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist die Anwesenheit bei Bewerbungsgesprächen. Im vergangenen Jahr seien es 84 Termine gewesen. Schon vorher sei sie oft als Personalerin bei den Gesprächen anwesend gewesen und merkte, wie sehr sich das Verfahren verändert habe. Heute müsse man regelrecht um potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werben. Auch sei die Gesellschaft viel vielfältiger geworden. Gesetzlich gehe es bei der Gleichstellung noch um Mann und Frau. Das soll erneuert werden, um die neue Vielfalt auch darzustellen. Klar sei auch: Beim akuten Fachkräftemangel werde es rein faktisch nicht ohne Frauen gehen. „Wir werden da ganz anders gucken müssen und flexibler werden“, sagt sie.

Allgemein sei sie an allen Themen mit Gleichstellungsbezug in der Stadtverwaltung beteiligt - das könne beispielsweise die Stadtplanung betreffen, wenn ein neues Parkhaus gebaut werde. Wie wird dieses für Frauen sicherer gestaltet? Es gehe in der Stadtgesellschaft um Themen wie Gewalt gegen Frauen, Frauen in Führung, Frauen in Arbeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Berufsorientierung für junge Menschen. Zukunftstag, Weltfrauentag, Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Diese und andere Veranstaltungen koordiniert sie in Emden. Gleichzeitig ist sie Teil eines Netzwerks und knüpft stetig neue Kontakte.

Warum ist das überhaupt noch nötig?

In Deutschland haben Frauen doch alle Rechte, wieso braucht es überhaupt eine Gleichstellungsbeauftragte? Diese Frage hat Gaby Philipps auch schon gehört. „Ja, wir sind gesetzlich gut aufgestellt in Deutschland“, sagt sie - und stellt eine Gegenfrage: „In Emden sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung weiblich, wie viele Frauen sitzen im Rat?“ Es sind neun - von insgesamt 42 Mitgliedern. Auch heute noch entscheiden also größtenteils Männer darüber, was in der Stadt für alle gilt.

Wie viele Frauen gehen in Teilzeit, wenn das erste Kind da ist, weil der Mann auch heute noch meist deutlich mehr verdient? Die Anzahl arbeitender Frauen in Ostfriesland sei verhältnismäßig gering. „Ich sage nicht, dass generell alle Frauen arbeiten sollten. Es geht darum, dass sie frei entscheiden.“ Ist das Gehalt ungefähr gleich oder die Frau verdient mehr, ist die Entscheidung freier. Die Konsequenz davon, dass früher aber auch noch heute viele Frauen in Teilzeit arbeiten oder gar nicht mehr nach dem ersten Kind ist klar: Altersarmut trifft Frauen deutlich häufiger als Männer. „Da müssen wir dran arbeiten“, sagt Gaby Philipps.

Auf die Sinnhaftigkeit des Weltfrauentags angesprochen, nennt sie eine Statistik: „In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt; etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder durch ihren früheren Partner.“ Weltweit gebe es auch heute außerdem erschreckende Beispiele, bei denen die Rechte von Frauen beschnitten werden: etwa beim Thema Abtreibung in den USA, in Polen, Indien und Kriegsgebieten. „Wir sind noch längst nicht da, wo wir sein sollten“, betont sie.

Wie ist die Frauenquote bei der Stadt Emden?

Behörden und Verwaltungen sollen in Sachen Inklusion und Gleichstellung oft eine Vorbildfunktion etwa für die freie Wirtschaft einnehmen. Wie gut gelingt das der Stadt Emden? Gaby Philipps hat uns die Zahlen für 2023 genannt. Demnach lag der Anteil der Mitarbeiterinnen insgesamt bei 56 Prozent. Insgesamt arbeiten mehr als 1200 Menschen bei der Stadt.

Aber: Frauen in Führung in den Fachdiensten machten nur 19 Prozent aus. In den Stabsstellen, Fachbereichen und Betrieben liegt das Verhältnis von Männern und Frauen hingegen bei 50:50. Im Verwaltungsvorstand sind zwei Männer neben Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos), nämlich Kämmerer Horst Jahnke und Stadtrat Volker Grendel, und eine Frau, nämlich Stadtbaurätin Irina Krantz.

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