10 Jahre Ehrenamt  Wie eine pensionierte Lehrerin Geflüchtete und Senioren unterstützt

Lotta Groenendaal
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Von Lotta Groenendaal
| 01.03.2024 19:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ingrid Mensch (rechts) engagiert sich beim Nettwark Hinte, hier mit Seniorin Renate und Helferin Angelika (von links). Foto: Groenendaal
Ingrid Mensch (rechts) engagiert sich beim Nettwark Hinte, hier mit Seniorin Renate und Helferin Angelika (von links). Foto: Groenendaal
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Als ehemalige Lehrerin und Schulleiterin hat Ingrid Mensch aus Hinte bereits ein langes Berufsleben hinter sich. Sie erzählt uns, warum sie sich trotzdem weiterhin ehrenamtlich engagiert.

Hinte - „Anno 1980“ steht an ihrem Haus in Hinte. So lange schon wohnt Ingrid Mensch mit ihrem Mann in der kleinen Gemeinde. Ursprünglich kommen sie beide aus Friesland, sagt sie. Aber als sie als Lehrerin in der Hinteraner Schule anfing und ihr Mann in Norden eine Anstellung bei der Berufsschule bekam, wurde Hinte ihr neues Zuhause. Doch hier arbeitete sie nicht nur, hier ist sie auch seit vielen Jahren ehrenamtlich tätig.

Im Wintergarten ihres Hauses, bei einer Tasse T ee und Gebäck, erzählt sie von ihren Anfängen als ehrenamtliche Unterstützerin beim Nettwark Hinte. Vor knapp zehn Jahren habe sie eine Handwerksmesse in der heutigen IGS in Hinte besucht. Mit Ehrenamt hatte sie damals noch nichts zu tun. Dort wurde sie von Wolfgang Hildebrandt, Initiator des Nettwark Hinte, angesprochen. „Er fragte mich, ob so eine ehrenamtliche Tätigkeit nicht etwas für mich wäre. Und da dachte ich mir, das schaue ich mir mal an,“ sagt Mensch.

Ihre Erfahrung als Lehrerin ist nützlich

Bei dem Anschauen blieb es nicht. Seit fast zehn Jahren ist Ingrid Mensch nun fest beim Nettwark Hinte involviert. Ihren Anfang als ehrenamtliche Helferin hatte sie als Deutschlehrerin für Schutzsuchende, die im Rahmen der ersten großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 nach Deutschland kamen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine offiziellen Angebote zum Deutschlernen in der Gemeinde. „Und da kamen die Männer aus Eritrea, und der damalige Bürgermeister meinte, sie müssten Deutsch lernen,“ erinnert sich Mensch. Darin sah sie ihre Chance.

Seit Beginn der ersten großen Flüchtlingswelle hat sich Ingrid Mensch (zweite von rechts) um Schutzsuchende in Hinte und Umgebung gekümmert. Foto: Klock
Seit Beginn der ersten großen Flüchtlingswelle hat sich Ingrid Mensch (zweite von rechts) um Schutzsuchende in Hinte und Umgebung gekümmert. Foto: Klock

„Ich habe meinen Job immer gern gemacht,“ sagt Mensch. Lange war sie als Lehrerin für Englisch und Mathematik in der Schule in Hinte tätig. Durch diese Aufgabe habe sie ein Verständnis dafür bekommen, anderen Menschen eine Fremdsprache beizubringen. „Und da dachte ich mir: Ich habe die nötigen Qualifikationen, ich habe das mein ganzes Leben lang gemacht. Warum sollte ich diese Erfahrung nicht nutzen?“

Deutschunterricht privat finanziert

Die Rolle lag ihr stets am Herzen. Knapp drei Jahre betreute sie Schutzsuchende in Hinte intensiv als Deutschlehrerin, im Wechsel mit einer weiteren freiwilligen Unterstützerin. „Ich gab einmal pro Woche Unterricht, zwei Stunden lang. In den langen Teepausen zwischendurch haben wir uns viel miteinander ausgetauscht,“ sagt Mensch. Ihre Kollegin gab ebenfalls einmal pro Woche Deutschunterricht, an Samstagen haben sie sich abgewechselt.

Aber es war nicht nur ihre Zeit, die Mensch in diese intensiven Deutschkurse investierte. Auch alle nötigen Unterrichtsmaterialien, darunter Schulbücher, haben die Freiwilligen privat finanziert. Doch die Wertschätzung der Leute, denen Mensch in dieser Zeit geholfen hat, mache das Ehrenamt so bedeutsam für sie.

In der Zeitung war Ingrid Mensch aufgrund ihres Engagements bereits oft vertreten. Foto: Groenendaal
In der Zeitung war Ingrid Mensch aufgrund ihres Engagements bereits oft vertreten. Foto: Groenendaal

Begleitung bei Behördengängen

Auch nach den drei Jahren des intensiven Deutschlernens hat Ingrid Mensch ihre Schützlinge weiter begleitet, zum Beispiel bei Behördengängen und Bewerbungen. „Das ist ja für uns teilweise schon unverständlich, wie sollen sie das schaffen?“ Auch dabei kam ihr die lange Berufserfahrung zu Gute: Seit 1993 bis zu ihrer Pensionierung war Mensch die Schulleiterin der Realschule in Pewsum.

Diese Tätigkeit brachte sie oft mit Behörden in Kontakt, viel Anrufen musste sie auch. Dadurch fiel es ihr nicht schwer, die Geflüchteten auch auf dieser Ebene zu unterstützen. Sie füllte Formulare für die Agentur für Arbeit aus, begleitete Menschen zum Jobcenter, half beim Bewerbungen schreiben. „Einen meiner Schützlinge begleitete ich sogar regelmäßig zum Psychologen,“ sagt Mensch.

Viel Arbeit, aber doch erfüllend

So erfüllend diese Aufgaben auch waren, sie waren immer mit viel Arbeit verbunden. Mensch ist viel rumgefahren, hat viel Zeit in diese Betreuung hineingesteckt. „Die ersten fünf Jahre bei Nettwark waren wie ein neuer Job für mich.“

Auch heute besteht noch reger Kontakt mit einigen Hilfesuchenden. Ingrid Mensch hat die Highlights in einem Buch festgehalten. Foto: Groenendaal
Auch heute besteht noch reger Kontakt mit einigen Hilfesuchenden. Ingrid Mensch hat die Highlights in einem Buch festgehalten. Foto: Groenendaal

Dennoch erlebt sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit als überaus positiv. Viele der Geflüchteten, denen sie damals Hilfe anbot, stehen heute noch in Kontakt mit ihr. „Von einigen bekomme ich mal eine liebe Nachricht, da wird mir ein frohes neues Jahr gewünscht,“ erzählt sie. Sie habe auch schon eine Karte bekommen, in der ein ehemaliger Schützling glücklich die Geburt seines Kindes ankündigte.

Ehrenamt als Erfolgsgeschichte

Ingrid Mensch ist besonders stolz auf diejenigen unter ihren „Schülern“, die nun in Deutschland ihre eigene Erfolgsgeschichte leben. „Da gibt es zum Beispiel Mahmud. Mittlerweile kann er richtig gut Deutsch und hat eine Ausbildung als Anlageninstallateur gemacht,“ schildert Mensch. Sie berichtet von anderen, die mittlerweile in der Emder Matjes-Fabrik tätig sind oder als Psychologe in einer Einrichtung arbeiten.

Nachdem die Flüchtlingsthematik mit der Zeit mehr und mehr von staatlicher Seite übernommen wurde, zum Beispiel durch angebotene Deutschkurse bei den Volkshochschulen, traten für Mensch beim Ehrenamt andere Aufgaben in den Vordergrund. Nun organisiert sie das Senioren-Frühstück, engagiert sich als Lesepatin in einer ortsansässigen Kita, hilft im Repair Café und nimmt an den Spielenachmittagen im Haus Simon in Hinte teil.

Ihre vielen Kontakte in der Gemeinde, begünstigt durch die langjährige Tätigkeit als Lehrerin, holen sie auch beim Ehrenamt ein. Manchmal treffe sie Eltern von ehemaligen Schülern bei Nettwark wieder. „Da heißt es dann, ‚Sie sehen noch genauso aus wie früher!‘ und ich antworte, ‚Ja, dem Friseur sei Dank‘,“ erzählt sie lachend. Ingrid Mensch liebt ihr Ehrenamt. Egal, ob Geflüchtete, Senioren oder Kindergartenkinder: Sie unterstützt jeden, wo sie kann. Und sie denkt noch nicht daran, aufzuhören. „Solange es meine Gesundheit zulässt, mache ich weiter.“

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