Osnabrück  Brandbrief an Kanzler Scholz: Larmoyanz allein hilft nicht weiter

Hannah Petersohn
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Von Hannah Petersohn
| 01.03.2024 14:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Bundeskanzler Olaf Scholz hat unzufriedene Wirtschaftsbosse zum Spitzengespräch getroffen und bekam umgehend einen Brandbrief ausgehändigt. Darin beklagen sie den Fachkräftemangel und vergessen dabei ihre Eigenverantwortung. Foto: pda/REUTERS/Michaela Rehle
Bundeskanzler Olaf Scholz hat unzufriedene Wirtschaftsbosse zum Spitzengespräch getroffen und bekam umgehend einen Brandbrief ausgehändigt. Darin beklagen sie den Fachkräftemangel und vergessen dabei ihre Eigenverantwortung. Foto: pda/REUTERS/Michaela Rehle
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In einem Brandbrief erheben Spitzenvertreter der Wirtschaft durchaus berechtigte Forderungen an die Politik. Dabei gerät aus dem Blick, dass auch sie selbst am Hebel sitzen.

Die Spitzenbosse der wichtigsten deutschen Wirtschaftsverbände haben Bundeskanzler Olaf Scholz einen Brandbrief vorgelegt. Und der hat es in sich. In dem Zehn-Punkte-Papier bringen sie ihre Forderungen an die Politik nicht nur eindeutig, sondern auch recht umfassend zur Sprache. Die darin enthaltenen Rufe nach Bürokratieabbau, Steuersenkungen und Investitionen in die Infrastruktur sind überaus nachvollziehbar. 

Die Unternehmen ächzen unter hohen Strompreisen. Innovationen werden durch elendig lange Genehmigungsverfahren blockiert. Deutschland gilt vor dem Hintergrund der miesen Konjunktur im Ausland bereits als „kranker Mann Europas“. Da hilft es auch nicht, wenn Finanzminister Christian Lindner beschwichtigt, Deutschland sei lediglich ein „müder Mann nach einer kurzen Nacht“. 

Ein Grund für die betrübliche Gemengelage ist auch der Fachkräftemangel: Fehlen Arbeitskräfte, nimmt die Produktivität ab. Zudem wird die Arbeit auf immer weniger Köpfe verteilt, was beim Personal zu mehr Stress führt und in einem Rekord-Krankenstand mündet, der wiederum die Wirtschaft ausbremst. Ein Teufelskreis also.

In puncto Fachkräftemangel fordern die Wirtschaftsverbände Scholz dazu auf, alle Hebel in Bewegung zu setzen. Das betreffe die Arbeitsmigration genauso wie „die Aktivierung aller inländischen Potenziale“. Mehr Menschen sollen, heißt es, für die duale Ausbildung gewonnen werden. 

Aber Moment mal. Müssen nicht auch die Unternehmen selbst dafür sorgen, attraktiv für Bewerber zu sein? Das Problem Fachkräftemangel können sie nicht allein auf die Politik abwälzen. In dieser Hinsicht erinnert das Verhalten der Wirtschaftsverbände an das des Finanz- und des Wirtschaftsministers, nachdem die schlechten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt verkündet worden waren. „Das ist wirklich dramatisch schlecht“, maulte Habeck. „Peinlich“, unkte Lindner.

Beide begnügten sich damit, den Ist-Zustand weinerlich zu beklagen - anstatt sich als diejenigen zu sehen, die daran etwas ändern können. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich nun bei den Wirtschaftsverbänden, wenn sie den Fachkräftemangel an die Politik adressieren, aber Selbstkritik und Eigenverantwortung vermissen lassen. 

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