Minimaler Verbrauch, maximaler Profit  Die Jagd nach versteckten Energiekosten – ein Besuch beim „Stromspar-Check“

| | 02.03.2024 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hans Kremer, Johanna Riedel und Günter Drieling (von links) bauen regelmäßig im Rathaus Leer ihren Stand auf. Foto: Terhorst
Hans Kremer, Johanna Riedel und Günter Drieling (von links) bauen regelmäßig im Rathaus Leer ihren Stand auf. Foto: Terhorst
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Im Leeraner Rathaus bietet der Arbeitskreis Schule Rhauderfehn (AKSR) einmal im Monat eine Beratung zum Energiesparen an. Volontärin Deike Terhorst hat sich Tipps für ihre Wohnung geben lassen.

Leer - Alle Jahre wieder ... heben Strom- und Gasversorger zum Jahresstart ihre Preise an. Das bringt viele Verbraucher finanziell an ihre Grenzen. Deswegen bietet der Arbeitskreis Schule Rhauderfehn (AKSR) an jedem vorletzten Dienstag im Monat eine Beratung zum Thema Energiesparen im Leeraner Rathaus an. Im Rahmen des bundesweiten Projektes „Stromspar-Check“ werden erste Tipps gegeben und ein Termin für einen Hausbesuch vereinbart. Start war am Dienstag, 23. Januar 2024.

Lokalkoordinator Hans Kremer und die Serviceberater Günter Drieling und Johanna Riedel haben ihren Infostand direkt im Bürgerbüro platziert. Hier sprechen sie vor allem mit Beziehern von Bürgergeld, Grundsicherung, Sozialhilfe, Wohngeld, Kinderzuschlag, niedriger Rente und Menschen mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 1402,28 Euro netto – denn für diese ist der Stromspar-Check kostenlos.

Win-win-Situation für alle Beteiligten

Angesichts hoher Abschläge und Nachzahlungen soll der Stromspar-Check also vor allem Energiearmut verhindern. Das Projekt des Deutschen Caritasverbandes und des Bundesverbandes der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschlands (eaD) wird seit 2008 vom Bundesumweltministerium gefördert. Mittlerweile sind die geschulten Stromsparhelfer in mehr als 150 Städten und Gemeinden im Einsatz. Im Landkreis Leer bildet der AKSR hierfür Langzeitarbeitslose zu Energie- und Wasserspartechnikern aus. Der Stromspar-Check wird somit zur Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Zusätzliche finanzielle Unterstützung kommt – auch in Zukunft – vom Landkreis Leer. Der Kreisausschuss hat im vergangenen Jahr beschlossen, das Projekt fortzusetzen. „Der Landkreis wird in diesem Jahr 15.000 Euro zur Verfügung stellen und sich mit der gleichen Summe auch 2024 und 2025 beteiligen“, teilte Landkreissprecher Philipp Koenen dieser Zeitung seinerzeit mit.

Mit Rückenwind zum Erfolg

Alles nahm seinen Anfang, als der Rhauderfehner Verein „Rückenwind“, der Menschen in finanzieller Not unterstützt, auf den Stromspar-Check aufmerksam geworden ist und den AKSR mit der Umsetzung beauftragte. Nach Gesprächen mit den Bürgermeistern aus Westoverledingen und (Ost-)Rhauderfehn wurden Förderanträge auf Kommunal- und Bundesebene gestellt.

Mit ihrem weißen Flitzer sind die Serviceberater des Stromsparchecks im ganzen Landkreis unterwegs. Foto: Terhorst
Mit ihrem weißen Flitzer sind die Serviceberater des Stromsparchecks im ganzen Landkreis unterwegs. Foto: Terhorst

Im März 2020 ging es los, wenn auch mit Einschränkungen. „Durch Corona hatten wir einen denkbar schlechten Start“, berichtet Hans Kremer. Durch die intensive Zusammenarbeit mit Kirche, Bauverein, Tafel, Sozial- und Arbeitsamt habe man sich aber mittlerweile in der Region etabliert. So sei man in den Rathäusern in (Ost-)Rhauderfehn, Hesel, Jümme, Uplengen, Westoverledingen, Jemgum, Moormerland und neuerdings eben auch in Leer präsent. Bereits am ersten Tag habe man dort mit 20 Leuten gesprochen und fünf Hausbesuche vereinbart. Diese Gelegenheit habe auch ich beim Schopfe gepackt und den Energieverbrauch für meine Wohnung analysieren lassen.

Es sind die kleinen Dinge

Eine Anmeldung zur Rathaus-Sprechstunde ist nicht notwendig, der erste Hausbesuch kann ebenfalls telefonisch vereinbart werden. Bei diesem wird zunächst ein Fragebogen ausgefüllt, mit Grunddaten zur Wohnungsgröße, Personenanzahl, dem Alter der Elektrogeräte und wie oft diese benutzt werden. Um einen individuellen Energiesparplan erarbeiten zu können, werden sämtliche Strom- und Wasserverbräuche aufgenommen. In meiner Wohnung misst Günter Drieling einen Durchlauf von zehn Liter pro Minute. Sein Plan für das Bad: „Da machen wir fünf Liter draus.“ In der Küche soll der Verbrauch auf acht Liter gesenkt werden.

Mit einem Wasserbecher wird der Verbrauch an Litern pro Minute gemessen. Foto: Terhorst
Mit einem Wasserbecher wird der Verbrauch an Litern pro Minute gemessen. Foto: Terhorst

Beim Thema Strom weiß der Ostrhauderfehner Hans Kremer, dass es oft die kleinen Dinge sind: „Nicht etwa die Spül- oder Waschmaschine haben den höchsten Stromverbrauch. Vielmehr sind es der Fernseher, die Spielekonsole oder der Computer.“ Oft sei der Verbrauch auch „Einstellungssache“, ergänzt Günter Drieling. So mache schon eine Anpassung der Kühlschrank-Temperatur um ein Grad einen erheblichen Unterschied.

„Irgendwas geht immer“

Beim zweiten Termin ein paar Tage später erhält man – ebenfalls kostenlos – die jeweils sinnvollen Energie- und Wassersparartikel. Zu diesen „Soforthilfen“ gehören zum Beispiel LEDs, schaltbare Steckdosenleisten, Zeitschaltuhren, Zugluftstopper, Strahlregler und wassersparende Duschköpfe. In Einzelfällen werden sogar ganze Elektrogeräte ausgetauscht.

Der Durchschnittswert aller Artikel, die von den Stromsparhelfern direkt eingebaut werden, liegt bei 70 Euro. Bei mir wurden ein Strahlregler, ein neuer Duschkopf und fünf LED-Lampen im Wert von 44 Euro installiert. „Wir hatten noch keinen Termin, bei dem wir überhaupt nichts verbessern konnten. Irgendetwas geht immer“, berichtet Hans Kremer. Wichtig ist ihm vor allem, dass seine Kunden „ohne Einschränkungen“ und damit unbewusst sparen.

Alle Glühlampen werden gegen energiesparende LED-Leuchten ausgetauscht. Foto: Terhorst
Alle Glühlampen werden gegen energiesparende LED-Leuchten ausgetauscht. Foto: Terhorst

Nach dem Einbau der Soforthilfen geben die Serviceberater individuelle Tipps für weitere Einsparmöglichkeiten im Alltag. Im sogenannten „Monitoring“ ein paar Monate später werden dann Abrechnungen geprüft und es findet eine Nachbesprechung statt. Sollte das Ergebnis dabei weniger positiv als erhofft ausfallen, wird den Teilnehmern nicht auf die Finger geklopft. „Gewohnheiten ändern sich nur langsam, das ist völlig menschlich“, weiß Hans Kremer.

Enthusiasmus und Empathie

Man merkt den AKSR-Mitarbeitern im Gespräch an, wie sehr sie hinter dem Stromspar-Check stehen. Auf Fragen haben sie im Nullkommanix eine ausführliche Antwort parat, ihre eigenen Wohnungen und Häuser sind bestens gegen hohe Strom- und Gaskosten gewappnet. Dazu kommen die überwiegend positiven Erfahrungswerte. „Manche Leute haben sogar geweint“, berichtet Kremer. Denn: „Im Durchschnitt konnte unter allen Personen im Landkreis Leer zwischen 180 und 240 Euro jährlich gespart werden.“

Nach rund 350 Hausbesuchen hat das Team Routine entwickelt. Mit gekonnten Blicken identifizieren sie Typenschilder im Handumdrehen und Lampen direkt als LED oder „Funzel“. Neue Geräte werden von ihnen teilweise sogar selbst geliefert und installiert. „Wir können von einer älteren Dame nicht erwarten, dass sie sich ihren neuen Kühlschrank selbst einbaut“, erklärt Drieling.

Die Serviceberater des Arbeitskreises Schule Rhauderfehn stehen voll und ganz hinter ihrem Angebot. Foto: Terhorst
Die Serviceberater des Arbeitskreises Schule Rhauderfehn stehen voll und ganz hinter ihrem Angebot. Foto: Terhorst

Meine bisherigen Gas- und Stromverbräuche wurden am Ende der Analyse als „sparsam“ bewertet. Durch die eingebauten Soforthilfen spare ich trotzdem noch einmal 223 Euro zusätzlich pro Jahr ein. Ein Kurztrip sitzt dafür auf jeden Fall drin. Fazit: Hans Kremer hatte vollkommen recht, als er sagte: „Irgendwas geht immer.“

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