Osnabrück Forscher aus Osnabrück: Wenn Kinder für die Kita nicht mehr tragbar sind
Sind einige Kinder in den vergangenen Jahren so anstrengend geworden, dass Erzieher nicht mehr mit ihnen klarkommen? Oder sind Erzieherinnen so überlastet, dass ihnen öfters der Geduldsfaden reißt? Vielleicht stimmt beides. Zumindest hat das Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung mit Sitz in Osnabrück gerade eine neue Qualifizierungsinitiative gestartet – und die Nachfrage ist enorm.
„Wir hören von Kitas, dass Kinder aus der Einrichtung exkludiert werden müssen, weil sie sozial-emotional nicht mehr handelbar erscheinen“, sagt Karsten Herrmann vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe). In einem Grundlagenpapier verweist das Institut auf mehrere Studien, die insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie psychische Belastungen und Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen feststellen. Besonders betroffen seien Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund.
„Durch die Corona-Zeit müssen Kitas und Schulen mit ganz anderen Herausforderungen arbeiten“, sagt Marcus Luttmer vom Fachbereich für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Osnabrück. Wenn man sich die Statistik ansehe, sei die Zahl der Kinder, die vom Schulbesuch zurückgestellt wurden, also ein Jahr länger in der Kita blieben als geplant, auffällig: „Diese Zahl ist sehr stark nach oben gegangen“, so Luttmer. So wurden 2018 in Osnabrück nur 21 Kinder zurückgestellt, 2022 waren es 52.
Ein Weg, um emotional-sozial herausfordernden Kindern gerecht zu werden, ist sicherlich eine enge, persönliche Betreuung – doch der Personalschlüssel ist vom Land vorgegeben. Allerdings können Träger Regelgruppen in sogenannte Integrationsgruppen umwandeln, also in Kindergartengruppen, in denen Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen betreut werden. Hier ist der Betreuungsschlüssel höher. In Osnabrück ist die Zahl der Integrationsgruppen von 41 (2019) auf 54 (2022) angestiegen. Die Kehrseite der Medaille: Da I-Gruppen kleiner sind als Regelgruppen, fallen auch Plätze weg. Dabei sind Betreuungsplätze ohnehin knapp.
Auf der anderen Seite wurde in Niedersachsen und in vielen anderen Bundesländern im vergangenen Jahr ein Anstieg an grenzverletzendem Verhalten in Kitas gegenüber Kindern gemeldet. 2022 gingen dem Kultusministerium zufolge 338 Meldungen von Verdacht auf ein Fehlverhalten von Beschäftigten ein, ein Jahr zuvor waren es noch 223. Dabei sei es etwa ums Schlagen, Kneifen, Zerren, sexuelle oder verbale Übergriffe sowie um Zwangsfütterung gegangen.
„Verletzendes Verhalten durch Fachkräfte ist ein Riesenthema“, sagt Herrmann. Daher lautet die erste Säule der landesweiten und kostenlosen Qualifizierungsinitiative von Nifbe auch: schützen. Die zweite und dritte Säule sind fördern und beteiligen. Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag, das sowohl die erste als auch dritte Säule betrifft, ist das Thema Essen. „Kinder sollten selbstständig entscheiden, was sie essen und wie viel“, sagt Karsten Herrmann. Aber in vielen Einrichtungen sei der „Probierhappen“ Standard, auch das Fixieren auf Stühlen in Krippen, damit die Kinder beim Füttern stillhalten, komme immer noch vor.
Der Stadt Osnabrück liegen derzeit keine Beschwerden über Erzieher vor. Um dennoch Erzieher und Kinder künftig besser unterstützen zu können, hat die Stadt bei der NBank einen Förderantrag für ein trägerübergreifendes und multiprofessionelles Frühwarnsystem gestellt. Zu dem Team sollen unter anderen Heilpädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen und die Osnabrücker Familienbegleitung gehören.
Karin Hooper ist Leiterin der Familienbegleitung, die quasi als Scharnier zwischen Kita und Eltern fungiert. Oft komme es aufgrund von Missverständnissen oder falschen Vorstellungen zu Konflikten zwischen Familien und Einrichtungen, weiß sie. „Wenn von dem SPZ, also dem Sozialpädiatrischen Zentrum, die Rede ist, befürchten manche Eltern, dass man ihre Kinder direkt in einer Psychiatrie einsperren oder unter Medikamente setzen möchte“, sagt Karin Hooper.
Die Familienbegleiter drehen an vielen kleinen Stellschrauben. Sie vermitteln zum Beispiel bei Bedarf Hospitationen in inklusiven Kitas, damit die Familien diese Einrichtungen erst einmal kennenlernen können. Und sie haben eine Spielgruppe eingerichtet, um Eltern eine Plattform zum Austausch zu bieten. „Wir sehen, dass sich die Problemlage verändert hat“, sagt Karin Hooper. „Früher haben wir vor allem bei der Anmeldung in einer Einrichtung geholfen. Jetzt haben wir immer öfter mit Frühförderung, Therapie oder dem Autismuszentrum zu tun.“
Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung scheint mit seiner Qualifizierungsinitiative „Kinder schützen, fördern und beteiligen!“ jedenfalls einen Nerv getroffen zu haben: Aus ganz Niedersachsen kommen Interessensbekundungen, das Angebot ist bereits komplett ausgebucht.