Ostfriese erinnert sich an NS-Zeit Zeitzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg – Appell gegen rechts
Aloys Krahe hat einen Leserbrief gegen rechts geschrieben. Der 87-Jährige kann sich noch gut an die Nazi-Zeit erinnern und weiß, welche Auswirkungen rechtes Gedankengut haben kann.
Grimersum - Aloys Krahe ist 87 Jahre alt. Und auch, wenn er körperlich das eine oder andere Wehwehchen hat, ist er geistig noch komplett fit. Er schaut regelmäßig Nachrichten, liest die Zeitung, nutzt einen Computer und ein Tablet. Vor kurzem hat sich der Grimersumer mit einem Leserbrief an diese Zeitung gewandt. „Gegen rechts“ lautet der Titel seines Meinungsbeitrags. „Ich bin Jahrgang 1936 und habe einen Großteil des 1000-jährigen Reiches mitgemacht und weiß deshalb, was uns blühen würde, wenn solche Leute bei uns Einfluss bekämen“, schreibt er darin.
Gegen Rechts
Ein Leserbrief von Aloys Krahe (87 Jahre alt aus Grimersum)
Es nützt nichts, wenn man bei Demonstrationen gegen „Rechts“ mit auf die Straße geht und bei Wahlen, egal, aus welchem Grund, nicht mit für eine demokratische Partei stimmt. Ich bin Jahrgang 1936 und habe einen Großteil des 1000–jährigen Reiches mitgemacht und weiß deshalb, was uns blühen würde, wenn solche Leute bei uns Einfluss bekämen. Geht Bitte wählen und macht Euer Kreuz bei einer demokratischen Partei und nicht bei den Braunen!
Menschen wie Aloys Krahe, die als Zeitzeugen etwas über den Zweiten Weltkrieg erzählen können, werden immer weniger. Deshalb haben wir uns für ein Gespräch mit dem 87-Jährigen verabredet. „Ich bin 1936 geboren und 1939 ging der Krieg los“, sagt der Grimersumer bei einer Tasse Tee. „Ich bin in Bottrop im Ruhrgebiet aufgewachsen, mein Vater war Bergmann.“ Als der Krieg im September 1939 losging, musste sein Vater zunächst noch unter Tage arbeiten, obwohl er unter einer Steinstaub-Lunge litt – einer Krankheit, die damals unter Bergleuten weit verbreitet war. Weil in Deutschland massiv aufgerüstet wurde, wurde auch mehr Kohle benötigt. „Der Bergbau war wichtig, die Männer wurden zunächst nicht eingezogen“, sagt Krahe.
Zugeschüttet nach Bombenangriffen
In den ersten Jahren des Kriegs war Krahe noch zu jung, um sich heute an jedes Detail erinnern zu können. Doch ein Ereignis aus dem Winter 1942 hat sich in sein Gedächtnis gebrannt: „Wir wurden Anfang `42 verschüttet“, sagt er. „Das habe ich noch genau vor Augen.“ Bei Bombenangriffen auf seine Heimatstadt Bottrop kamen auch die Häuser in seiner Straße zu Schaden. „Wir hatten im Keller Schutz gesucht, doch wir kamen nicht mehr heraus, weil der Eingang zugeschüttet war“, sagt er. „Sie haben dann die Wand zum Nebenraum durchgehauen, so dass wir wieder rauskamen.“ In den Folgetagen spielten er und die Nachbarskinder in den Trümmern, die dieser Angriff hinterlassen hatte. „Wir hatten ja auch nicht verstanden, was das bedeutete. Für uns war das eher ein Abenteuer.“ Die Phosphorspuren der Bomben auf den Straßen seien hervorragendes Zündel-Material für kleine Jungs wie ihn gewesen.
Gleichzeitig verschärfte sich die Kriegslage in Deutschland und immer mehr Männer aus dem Bergbau mussten an die Front. „Mein Vater wurde im März 1942 eingezogen“, sagt Aloys Krahe. „Zunächst musste er sechs Wochen zur Auffrischung, sein Wehrdienst war ja schon ein bisschen was her.“
Vater kam in Kriegsgefangenschaft
Aloys Krahe wurde im April 1942 eingeschult, konnte aber nur wenige Wochen zur Schule gehen: „Es kamen wieder große Bombenangriffe“, sagt er. Zu dieser Zeit wurden viele Kinder und ihre Mütter aus den Städten auf das Land gebracht, um sie vor den Bombenangriffen zu schützen. „Uns sollte ja nichts passieren, sie brauchten uns für ihr 1000-jähriges Reich“, sagt Krahe. Für ihn und seine Geschwister ging es nach Bayern auf einen Bauernhof, seine Mutter war mit dem jüngsten Sohn bei einem anderen Bauern untergebracht. „Da haben wir natürlich die ganze Zeit an unseren Vati gedacht.“
Wenig später wurde auch Bayern bombardiert. „Da hat meine Mutter gesagt, dann können wir auch wieder nach Hause fahren“, sagt Aloys Krahe. In einem Güterzug voller Flüchtlinge ging es für die junge Familie wieder zurück in das Ruhrgebiet. „Ich konnte dann sogar ein paar Wochen zur Schule gehen, bevor die Angriffe wieder losgingen. Da mussten wir evakuiert werden ins Sauerland.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten er, seine Geschwister und ihre Mutter bereits seit Monaten nichts von ihrem Vater beziehungsweise Ehemann gehört. „Irgendwann hat man uns dann mitgeteilt, dass er an der Westfront in Kriegsgefangenschaft gekommen ist.“ Es hätte auch schlimmer kommen können, so Krahe, denn an der berüchtigten Ostfront waren die Überlebenschancen deutlich schlechter.
Familie sah Vater erst nach vier Jahren wieder
Die Briefe, die sie aus dieser Zeit von ihrem Vater bekommen hatten, waren zu großen Teilen geschwärzt. So sollte verhindert werden, dass die Familien etwas über den genauen Aufenthaltsort erfahren konnten. „Als der Krieg dann endlich zu Ende war, sind wir mit einem offenen Lkw zurück nach Bottrop gefahren. Wir Kinder waren so klein, dass wir nicht herausschauen konnten“, erinnert sich der 87-Jährige. „Wir kamen zu Hause an, doch Vater hat gefehlt.“
Große Teile des Ruhrgebiets wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört, das Haus von Familie Krahe aber zum Glück nicht. „Es hat eine Zeit lang noch eine Mutter mit zwei Kindern bei uns gewohnt.“ Im Herbst 1946 – also knapp 1,5 Jahre nach Kriegsende – kam Aloys Krahes Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. „Mitten in der Nacht stand er plötzlich vor der Tür. Wir haben ihn aber nicht erkannt“, sagt Aloys Krahe. Die Familie hatte ihren Vater zu diesem Zeitpunkt vier Jahre lang nicht gesehen, die Kinder waren teilweise noch klein, als ihr Vater an die Front musste.
Ein Appell gegen rechts
Wenig später musste sein Vater wieder zurück in das Bergwerk – die Kohle wurde für den Wiederaufbau des Landes benötigt. „Er hat sogar manchmal Doppelschichten gemacht, damit wir etwas zu essen bekamen“, sagt Aloys Krahe. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was die alles für uns auf sich genommen haben damals.“ Sein Vater starb 1962 an den Folgen seiner Steinstaublunge. „Wenig später wäre er 54 Jahre alt geworden“, sagt Aloys Krahe. „Mein Vater hat bis zu seinem Tod nie etwas über seine Erfahrungen als Soldat oder aus der Gefangenschaft erzählt.“
Aloys Krahe machte eine Lehre zum Konditor und zog später in den Norden, wo er Fischer wurde. Er arbeitete viele Jahre in Greetsiel und machte auch in Hamburg oder auf Borkum Halt, ehe er sich in Grimersum niederließ. Einige dürften ihn vielleicht noch als Schwimmmeister oder als Fahrer des Kanalboots von Greetsiel in Erinnerung haben. „Ich hab viel erlebt in meinem Leben“, sagt er. „Über den Krieg habe ich aber erst später so richtig nachgedacht“, sagt er.
„Wenn wir die Braunen noch hätten, hätte ich meine Geschichte jetzt gar nicht erzählen können. Deswegen bin ich so sehr dagegen, weil es damals so sehr schiefgegangen ist. Und weil es immer noch Leute gibt, die die Geschichte falsch interpretieren.“ Das sei auch der Grund dafür, dass er nun den Leserbrief verfasst hat. „Die stärkste Fraktion in Deutschland sind schon immer die Nichtwähler gewesen. Und wenn diejenigen jetzt alle demokratisch wählen würden, dann hätten die Braunen auch keine Chance mehr.“
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