Filmkunst nur für Metropolen? Oscarnominierter Film läuft zum Kinostart nicht in Ostfriesland
Der Auschwitz-Film „The Zone of Interest“ sorgt seit Wochen für Schlagzeilen. Ostfriesen können den Film erst im April in Aurich und Leer sehen, vorher müssen sie nach Oldenburg fahren. Warum ist das so?
Aurich - Noch vier Tage, dann heißt es im Dolby Theatre in Los Angeles: „And the Oscar goes to...“. Zum 96. Mal werden dort die Academy Awards verliehen. Der englische Film „The Zone of Interest“, der am 29. Februar 2024 in den deutschen Kinos angelaufen ist, wurde allein fünfmal nominiert, unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“. Jonathan Glazer hat auf der Grundlage eines Buches von Martin Amis einen Film über das Vernichtungslager Auschwitz gedreht, der nach Meinung vieler Kritiker neue Maßstäbe setzt, was die Verfilmung des Holocaust anbelangt.
Wie kann man von der Massenvernichtung erzählen, ohne sie zu zeigen? Wie entgeht man der Gefahr, das Grauen zu verklären? Auf diese Frage hat „The Zone of Interest“ nach Meinung vieler Rezensenten eine schlüssige Antwort gefunden. Das Werk von Jonathan Glazer, in dem die beiden deutschen Schauspieler Sandra Hüller und Christian Friedel die Hauptrollen spielen, schlägt ein ganz neues Kapitel in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie auf. Ein wichtiger Film also. In Ostfriesland ist er allerdings in den nächsten Wochen nicht zu sehen. Wer sich „The Zone of Interest“ anschauen will, muss nach Oldenburg ins „Casablanca“, nach Wilhelmshaven oder nach Groningen fahren. Die Redaktion wollte wissen, warum das so ist, und hat mit Astrid Muckli gesprochen, die unter anderem Kinos in Aurich und Leer betreibt.
Wer hat sich die Verwertungsrechte des Films für Deutschland gesichert?
Leonine Distribution hat den Zuschlag erhalten. Es gehört zum Leonine-Imperium, einem Zusammenschluss von Universum Film und dem Concorde-Filmverleih. Seit dem Einstieg ins Kinogeschäft vor 40 Jahren brachten Universum Film und Concorde Filmverleih erfolgreiche Titel wie Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ und „Immenhof – Das Abenteuer eines Sommers“ auf die deutschen Leinwände. Über Partnerschaften werden die Filme im digitalen Home Entertainment weitervermarktet.
Mit wie vielen Kopien sind Leonine Distribution in Deutschland gestartet?
Laut Astrid Muckli sind 150 Kopien herausgebracht worden. Sie sprach von einem „kleineren Start“. „Der Verleih ist gleich in die Filmkunstvermietung gegangen, weil ,The Zone of Interest‘ sehr speziell ist“, sagt die Kino-Betreiberin. Diejenigen Kinos hätten Kopien erhalten, deren Zuschauer-Profil zu dem Film passt. Generell unterscheidet man bei der Produktion sowie der Vermarktung zwischen Blockbustern und Filmkunst-Produktionen. Die letzteren bestechen durch unkonventionelle, zuweilen sperrige Erzählstrukturen, die sich dem mühelosen Konsum bewusst entziehen. Eine außergewöhnliche Bildsprache unterstreicht den künstlerischen Anspruch. Im Mittelpunkt steht nicht die Unterhaltung des Publikums, sondern eher die Behandlung von gesellschaftskritischen Fragen.
Hatten die Muckli-Kinocenter keine Chance, eine Kopie zu bekommen?
„Wir kennen unser Publikum und den Markt“, sagt Astrid Muckli und ergänzt: „Wenn ich einen Film neu buche, muss ich ihn mindestens drei Wochen lang im Programm halten.“ Dafür gebe es in Ostfriesland kein Potenzial: „Dafür sind wir keine Mainstream-Region.“
Befeuert die mehrfache Oscar-Nominierung die Film-Vermarktung?
Das sieht Astrid Muckli eher kritisch: „Auch die Tatsache, dass die Hauptdarstellerin Sandra Hüller nominiert wurde, ist kein Garant dafür, dass wir drei Wochen lang die Säle ausgelastet haben.“
Wird „The Zone of Interest“ später in Ostfriesland zu sehen sein?
„Wir haben den Film in unsere Filmbar-Reihe aufgenommen. Am Montag, 15., und Dienstag, 16. April, wird er um 17 Uhr und um 19.30 Uhr in Aurich zu sehen sein“, sagt Astrid Muckli. Die Filmbar bietet die Möglichkeit, besondere Filme abseits des Mainstreams jeden Montag und Dienstag zu sehen. „Das Publikum verlässt sich darauf, dass ich die richtige und eine gute Auswahl treffe“, sagt die Kinobetreiberin.