Osnabrück  Von Berlinale bis Biennale: Wie antisemitisch ist der Kulturbetrieb?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 06.03.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jüdische Filmschaffende demonstrieren vor dem Zoo Palast gegen die Berlinale-Gala 2024. Foto: IMAGO/Funke Foto Services/Maurizio Gambarini
Jüdische Filmschaffende demonstrieren vor dem Zoo Palast gegen die Berlinale-Gala 2024. Foto: IMAGO/Funke Foto Services/Maurizio Gambarini
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Mit der Documenta 15 fing es 2022 an: Antisemitische Bildmotive und Statements verunsichern das Publikum. Wie antisemitisch ist der Kulturbetrieb? Die Debatte läuft. Eine Kartierung der Kampfzone.

Der aktuelle Skandal: Roter Teppich für blanken Antisemitismus? Die Berlinale ehrt ihre Preisträger. Die nehmen zum Konflikt in Gaza nicht nur Stellung, sie ergreifen eindeutig Partei. Bei der Preisverleihung des internationalen Filmfests am 24. Februar 2024 stehen die Filmemacher Ben Russell und Servan Decle mit dem Palästinenserschal auf der Bühne. Filmemacher sprechen im Hinblick auf Israels Vorgehen in Gaza von „Genozid“, bezichtigen den Staat der „Apartheid“.

Nur Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek spricht den Überfall der Hamas auf Israel an, verweist auf Israelis, die als Geiseln in Gaza festgehalten werden. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Die Grünen) sitzt im Publikum, bleibt stumm.

Der Kern des Problems: Wie antisemitisch ist der Kulturbetrieb? Die Abschlussgala der Berlinale spitzt ein Problem zu, das die Kultur zu lähmen droht: der Vorwurf, unter dem Deckmantel der Kritik an der Politik Israels antisemitische Ressentiments zu schüren. Ausgerechnet die Kultur, ein Hort der Judenfeindlichkeit?

Der Vorwurf eines Antisemitismus auch der Linken kursiert seit Jahren in Diskussionen. Skandale wie jene der Abschlussgala der Berlinale scheinen ihn zu bestätigen. Der Ruf der Kulturwelt nimmt Schaden. Als gesellschaftliche Sphäre der Offenheit und Aufklärung, so ihre Selbstwahrnehmung, darf sie eines gewiss nicht sein – antisemitisch und damit auch rassistisch.

Der 7. Oktober als Zeitenwende: Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 markiert eine Zeitenwende. Für die internationale Kulturszene scheidet er wie ein Lackmus-Test die Parteien. Die Kulturwelt reproduziert das Bild der Demonstrationen auf der Straße: Unterstützer der Palästinenser drängen jene in die Defensive, die um die 1200 Opfer des Massakers der Hamas trauern und entsetzt sind über Antisemitismus in Deutschland.

Jüdische Kulturmacher wie Hannovers Opernintendantin Laura Berman oder Meron Mendel von der Anne-Frank-Bildungsstätte in Frankfurt beklagen, dass der Kulturbetrieb die Mordaktion der Hamas mit Schweigen quittiert. Ein Schock, nicht nur für Juden.

Chronologie einer Krise: Antisemitismus im Kulturbetrieb? Das Problem schwelt schon seit Jahren. Einige Beispiele: 2022 präsentiert die indonesische Künstlergruppe Taring Padi das Bildbanner „People´s Justice“ auf der Documenta. Das Wimmelbild enthält unverkennbar antisemitische Karikaturen. Die Weltkunstschau versinkt in einem Konflikt um Kunstfreiheit und Antisemitismus.

2023 sorgt die Deutschland-Tournee von Rockmusiker Roger Waters für eine Debatte um antisemitische Motive der Bühnenshow.

2024 unterzeichnet Annie Ernaux die Petition Strike Germany, in der gefordert wird, Deutschlands Kulturbetrieb wegen der Unterstützung Israels zu boykottieren. Im selben Jahr verlangen 8000 Künstler von der Biennale in Venedig, Israel von der internationalen Kunstschau auszuschließen.

Was ist daran antisemitisch? Kritik an der Politik Israels oder Hass gegen Juden? Nicht nur Aktivisten, die für die Palästinenser eintreten, reklamieren für sich, die Politik des Staates Israels kritisieren zu dürfen, ohne deshalb gleich als antisemitisch bezeichnet zu werden. Aber ist nicht der generelle Boykott israelischer Künstler, zu dem die Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) aufruft, schon deshalb antisemitisch, weil sie an den Slogan „Kauft nicht bei Juden“ der Nationalsozialisten erinnert?

Das Wort Antisemitismus meint ein Bündel negativer Zuschreibungen, die an Juden als Gruppe gerichtet werden. Die Vokabel Antisemitismus stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie meint einen Judenhass, der dazu führt, dass Juden diskriminiert, verfolgt oder gar getötet werden. Antisemitismus besteht aus Stereotypen, mit denen Feindschaft gegen Juden vermeintlich legitimiert wird. Kritik an der Politik Israels gehört nicht dazu.

BDS – die Bewegung gegen Israel: Die BDS-Bewegung bewegt sich auf der Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus. Die internationale Bewegung gibt es seit 2005. Viele Künstler und Intellektuelle unterstützen ihre Forderung, Israel solle die „Okkupierung und Kolonisierung arabischen Landes“ beenden. Es gibt auch Unterstützer des BDS, denen diese Forderung nicht weit genug geht. Sie bestreiten das Existenzrecht Israels selbst.

BDS setzt auf das Mittel des Boykotts in Wirtschaft, Kultur und Bildung, um den Staat Israel zu isolieren. Prominente Künstler wie der Rockmusiker Roger Waters oder die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux unterstützen die Bewegung oder stehen ihr zumindest nahe.

Hintergrund Postkolonialismus: Was für ein Wortungetüm – postkoloniale Theorie. Deren Vorstellungswelt dominiert allerdings seit Jahren akademische Debatten. Ein Grund dafür, dass die BDS-Bewegung aktuell so viele Unterstützer findet und deshalb erfolgreich ist.

Postkoloniale Theorie untersucht die Machtverhältnisse auf der Welt nach dem Kolonialismus. Der ist für Vertreter dieser Theorie nicht abgeschlossen, sondern sorgt als fatales Erbe weiter für Ungleichheit und damit Ungerechtigkeit. Wer postkolonial denkt, spürt in vielen Feldern des gesellschaftlichen Lebens Spuren von Rassismus und wirtschaftlichem Gefälle auf.

Postkolonialismus versteht sich als kritische Theorie. Fragen nach Machtgefällen aller Art stehen für sie im Zentrum der Analyse. Das Bild vom Gefälle zwischen „weißen“ Kolonisatoren und „indigenen“ Unterdrückten ist typisch für den Postkolonialismus. Mit diesem Bild wird auch das Verhältnis Israels zu Gaza beschrieben – mit entsprechenden Konsequenzen für aktuelle pro-palästinensische Proteste.

Die Reaktion der Politik: Diese Proteste beschäftigen längst die Politik. Und das nicht allein wegen ihrer Vehemenz. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2024 demonstrierten in vielen deutschen Städten zehntausende Menschen für Palästina und gegen Israel, besonders virulent in Berlin.

Der Slogan „Free Palestine from German Guilt“, befreit Palästina von deutscher Schuld, erwies sich als besonders problematisch, weil er die Erinnerung an den Holocaust infrage stellt. Deutschland unterstützt das in den Augen der Aktivisten kolonialistische Israel nur mit Rücksicht auf den Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden.

„Free Palestine from German Guilt“: Danach verlängert deutsche Erinnerungskultur und die daraus resultierende Unterstützung Israels das Leiden der Palästinenser. Deutsche Politiker sehen das anders. 2019 verabschiedet der Deutsche Bundestag eine Resolution, nach der die BDS-Bewegung als antisemitisch eingestuft wird. Die Parlamente Österreichs und Tschechiens haben ähnliche Erklärungen verabschiedet. Kein Steuergeld für Kulturformate mit BDS-Beteiligung: Das ist seitdem die klare Grundhaltung.

Das moralische Dilemma: Aber wie setzt man diese Haltung praktisch um? Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) versuchte es mit einer Verpflichtungserklärung, nach der Kulturmacher, die öffentlich gefördert werden wollen, sich mit ihrer Unterschrift von antisemitischen Haltungen von vornherein distanzieren sollten. Der Vorstoß scheiterte an juristischen Bedenken.

Das Dilemma bleibt: Wie hält man den Kulturbetrieb von Antisemitismus frei, ohne gleichzeitig peinliche Gewissens- oder Gesinnungsprüfungen ansetzen zu müssen? Und was wird unter diesen Umständen aus der Freiheit der Meinung und der Kunst?

Wie geht es weiter? Der Ausblick: Das Dilemma bleibt. Gleichzeitig ist der Kulturbetrieb gefangen in einem Klima allseitiger Verdächtigungen. Die Absage einer Literaturpreisverleihung an die Autorin Adania Shibli auf der letzten Frankfurter Buchmesse brachte das Problem auf den Punkt. Wer sich gegen den Antisemitismus im Kulturbetrieb wehren will, betreibt im Zweifelsfall genau jene Ausgrenzung, die er zugleich an der israelkritischen BDS-Bewegung kritisiert.

Und müssen nicht gerade in der Kultur abweichende Meinungen akzeptiert und ausgehalten werden? Kultur ist ja gerade jener Bereich der offenen Gesellschaft, in dem Kontroversen so ausgetragen werden sollen, dass sie die Gesellschaft als Ganze weiterbringen. Aber genau dieses Anliegen nimmt Schaden, solange der Kulturbetrieb zur Kampfzone des Konflikts um Israel und Gaza wird. Eine Lösung steht aus – zum Schaden der Kultur.

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