Suwalki Der labilste Punkt der NATO: Unterwegs im Suwalki-Korridor
Aktuell läuft das größte NATO-Manöver seit 1988: „Steadfast Defender 2024“. Dabei wird die Verteidigung gegen einen Angriff der Russischen Föderation auf ein NATO-Land geübt. Unsere Reporterin war dort, wo der Dritte Weltkrieg so greifbar ist wie sonst nirgends: im polnisch-litauischen Grenzgebiet.
Es ist nur ein schmaler Streifen, der die beiden NATO-Staaten Polen und Litauen verbindet. Rund 65 Kilometer breit, links das russische Kaliningrad, rechts Weißrussland. Und mittendrin: Suwalki, eine kleine polnische Stadt, die diesem Korridor, in NATO-Sprache Suwalki Gap genannt, ihren Namen gab. Spätestens seit dem Fulda Gap weiß man: Wenn die Amerikaner etwas „Gap“ nennen, ist Vorsicht angebracht. Denn dann kann es im Ernstfall schnell gefährlich werden.
Würde Russland hier – im Suwalki Gap – angreifen, dann wären die baltischen Staaten vom Rest der NATO abgeschnitten. Auch der Seeweg ist keine wirkliche Alternative, denn von Kaliningrad aus kann Russland den empfindlich stören. Es ist ein Szenario, das in der NATO schon lange problematisiert wird und durch den Angriff auf die Ukraine zunehmend an Brisanz gewinnt.
Suwalki selbst ist eine ganz normale, etwas langweilige kleine Stadt: Es gibt ein ausgedehntes Areal mit ehemals zaristischen Kasernen, in denen – stilvoll saniert – ein Hotel liegt und unsaniert eine Reihe von Wohnungen. Es gibt eine Innenstadt mit einem riesigen Marktplatz, der von niedrigen, teils klassizistischen Häusern umgeben ist. Und dahinter schimmern die sozialistischen Plattenbauten in der Abendsonne.
Nach Suwalki kommt man, wenn man die Natur genießen will: Hier liegt der Wigry-Nationalpark, es gibt Seen, Wälder, Wanderwege.
Und dann gibt es eben in etwa 60 Kilometern Entfernung die Oblast Kaliningrad. Das ist Russland, seit 1946 eine Enklave. Bis an die Zähne bewaffnet, im Hafen Baltijsk, den manche Ältere noch als Pillau kennen, liegt die Baltische Flotte. U-Boote liegen hier, es gibt Fregatten, Zerstörer, Kampfbomber und Landungsboote und seit 2018 die atomar bestückbaren Iskander-Mittelstrecken-Raketen. Auch die jetzt in der Ukraine zum Einsatz gekommene Hyperschallrakete „Kinschal“ ist dort stationiert.
Per Rakete wäre man in wenigen Minuten in Berlin, mit dem Auto dauert es bedeutend länger. Hinter Goldap wird die Straße immer breiter und der Verkehr immer weniger. Es ist ein merkwürdiger Kontrast: Auf der schlecht ausgebauten polnischen Landstraße mit vielen Schlaglöchern herrscht reger Verkehr. Hier, auf der neuen Umgehungsstraße, an deren Ende Russland liegt: Nichts. Kein Auto mehr, keine Menschen sind zu sehen. Links noch ein Supermarkt, rechts die letzte Abfahrt in die Stadt. Dann geht es durch den Wald, der sich schließlich zu einem großen Parkplatz und der Grenzanlage öffnet.
Der Parkplatz liegt verlassen da, es gibt eine stillgelegte Verkaufsbude, eine leere Wechselstube, eine rote Ampel. Irgendwo da müssen Menschen sein: Grenzer, Zöllner, doch zu sehen sind sie nicht. Die russische Flagge weht im Wind neben der Europa-Flagge, es ist total still – und bedrückend. Wer hier alleine hinkommt und ein paar Tom Clancy-Romane zu viel gelesen hat, könnte es mit der Angst zu tun kriegen: Willkommen, Paranoia!
Die Grenze zur Oblast Kaliningrad ist in Teilen eine grüne und außerdem im Umkreis von einigen Kilometern Sperrgebiet. Jenseits der Grenzanlage stehen in unregelmäßigem Abstand Grenzpfähle als Markierungen. Wer hier versehentlich ein paar Meter russischen Boden betritt, muss mit russischen Grenzern und einer Haftstrafe rechnen. Auch vor legalen Einreisen mit Visum in die Russische Föderation warnt das Auswärtige Amt.
Was der Mensch nicht schafft – ohne Visum beziehungsweise Propusk nach Kaliningrad zu kommen – , übernimmt das Mobiltelefon: „Willkommen in Russland! Mit Ihrem ReisePaket World Tag können Sie mit 500 MB surfen“, schreibt Vodafone in seiner Roaming-Info. Lieber nicht. Zwei Zigaretten und zwei Fotos später der Rückweg. Aufatmen. Goldap.
Die nächste Grenze ist nicht weit – die von Polen und Nato-Partner Litauen. Hier ist deutlich mehr los: Durch eine Riesenbaustelle wälzen sich Lkw und Autos einspurig zwischen Erdhaufen hindurch. Auf dem ersten Parkplatz hinter der Grenze dann ein Konvoi: Transportpanzer, Haubitzen, Tankfahrzeuge stehen auf Lkw verladen in Kolonne. Die Fahrer dösen hinter ihren halb zugezogenen Gardinen.
Ein litauischer Grenzsoldat nimmt sich kurz Zeit: Wo das Material hingeht, will er nicht verraten, nur, dass es NATO-Ausrüstung ist. Sorgen mache er sich keine. Und die Bevölkerung? „Die schon“, sagt er. „Die Leute hier haben Angst.“
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So geht es auch der 25-jährigen Aleksandra, die in Suwalki in einem Hotel arbeitet. „Seit dem Angriff auf die Ukraine reden wir im Freundeskreis über nichts anderes mehr“, sagt sie. Alle hätten wahnsinnige Angst: Wenn Putin und Lukaschenko es so wollten, seien sie hier abgeschnitten. „Lukaschenko hat im Fernsehen seinen Landsleuten gesagt, wir würden Soldaten an der Grenze versammeln, um anzugreifen. Aber das stimmt überhaupt nicht!“
Seit dem Angriff auf die Ukraine malen sich die Menschen hier Szenarien aus, was noch alles passieren könnte, erzählt Agnieszka, die aus Suwalki stammt und inzwischen in Bialystok lebt. Putin sei unberechenbar: „Meine Oma hat noch den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie sagte immer: Du kannst den Russen nicht trauen.“ Gerüchte machen in der Stadt die Runde: Keller sollten verstärkt werden, der Bürgermeister habe mehrere Generatoren geordert, um im Notfall die Infrastruktur aufrechtzuerhalten, sagt Anna, die eigentlich aus Donezk stammt und schon seit mehreren Jahren in Suwalki lebt. Ob die Gerüchte stimmen, lässt sich nicht verifizieren: Der Bürgermeister antwortet nicht auf Mails.
Aleksandras einzige Beruhigung ist ihre Oma, die in Hessen lebt: „Wenn hier etwas passiert, können meine Mutter und meine Schwestern dorthin.“ Sie selbst wolle hierbleiben: „Ich komme aus Suwalki, und das einzige, was ich will, ist in Frieden hier zu leben.“
Hinweis: Dieser Text ist erstmals im März 2022 erschienen und wurde von uns erneut veröffentlicht.