Osnabrück  Der kluge Ratgeber: Meron Mendel und sein Kampf gegen Judenhass

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 07.03.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Experte für Fragen des Antisemitismus: Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Foto: picture-alliance/dpa
Der Experte für Fragen des Antisemitismus: Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Foto: picture-alliance/dpa
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Beim Angriff der Hamas hat er selbst Freunde verloren: Meron Mendel ist der wichtigste Ratgeber in den Debatten über Antisemitismus. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank im Porträt.

Eine Zeit der Zeitenwenden: Am 7. Oktober 2023 überfallen Terroristen der palästinensischen Hamas Israel, töten rund 1200 Menschen, verschleppen hunderte in den Gaza-Streifen. Was bedeutet dieser Tag für Juden in Deutschland, zum Beispiel für Meron Mendel?

„Ganz persönlich gesagt: Ich habe an dem Tag gute Freunde verloren, mit denen ich im Kibbuz aufgewachsen bin. Menschen, die ich viele Jahre gekannt und geliebt habe, sind auf brutalste Weise umgebracht worden“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main wahrt dennoch die Contenance, spricht weiter über Antisemitismus und wie ihm beizukommen wäre.

Wenn es um Antisemitismus geht, um das gefährliche Leben von Juden in Deutschland: Meron Mendel ist der Experte. Ob Talkshow oder Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse – der Historiker und Pädagoge ist präsent, leise und doch nachdrücklich, engagiert und zugleich immer präzis. Die mediale Welt drängt zur Selbstvermarktung. Mendel braucht sie nicht. Er bleibt am Thema. Das macht seine Analysen umso wertvoller.

Meron Mendel kommt 1976 bei Tel Aviv zur Welt, wächst im Kibbuz, einer kollektiven Siedlung, auf, geht zur Armee, studiert in Haifa. Mendel wird bei dem berühmten Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik promoviert. Seit 2010 leitet er die seit 1997 bestehende Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, die an das Leben der von den Nationalsozialisten im KZ Bergen-Belen ermordete Anne Frank erinnert und Beratungsstellen für Betroffene von Rassismus und Gewalt unterhält. Mendel hat sie als Lernlabor neu profiliert.

Eine Karriere aus dem Bilderbuch? Vielleicht. Meron Mendel erlebt trotzdem Momente, die ihm zeigen, dass Juden in Deutschland nicht sicher sind. Als er seine Kinder vom Kindergarten abholt, wird er auf einem Frankfurter Hochschulcampus bedrängt. „Free Palestine!“ Jugendliche grölen ihm ins Gesicht. Eine Episode? Vielleicht, aber eine, die eine Stimmungslage markiert.

Meron Mendel bleibt trotzdem klar in der Sache. Als Preisträger der Berlinale zuletzt bei der Abschlussgala des Filmfests im Hinblick auf Israel von Genozid und Apartheid sprechen, reagiert Mendel gewohnt nüchtern. „Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen lernen, solche Debatten auszuhalten. Es wird nicht anders funktionieren“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Im Ton verbindlich, in der Sache klar: Mendel besteht trotzdem auf seiner Diagnose, nach der ein großer Teil der Community des Kulturbetriebes israelfeindliche Positionen mittrage. Mendel hat inzwischen Erfahrung. Er bietet sich als Experte an, als auf der Documenta 15 vor knapp zwei Jahren judenfeindliche Bildmotive auftauchen. Er kündigt die Zusammenarbeit auf, als die Leiter der Documenta, die Mitglieder des Kollektivs Ruangrupa, den Dialog verweigern.

Auf der Frankfurter Buchmesse ist Mendel viel gefragter Redner auf Podien im Frankfurt Pavilion, dem kulturpolitischen Debattenzentrum der Messe. Der Überfall der Hamas auf Israel liegt da gerade zehn Tage zurück. Mendel durchlebt den persönlichen Schmerz über den Tod der Freunde. Aber auf dem Podium bleibt er beherrscht. Ein Innehalten verlangt er, einen Moment der Ruhe für das Gedenken an die Opfer. Während andere routiniert ihre Statements abspulen, setzt er den Maßstab der Menschlichkeit.

Inzwischen denkt Mendel weiter. Der Kampf gegen Antisemitismus entscheidet sich nicht auf Diskussionspodien, sondern in den sozialen Netzwerken. Wie ankommen gegen Influencer mit gefährlichen Botschaften? Diese Frage treibt Meron Mendel um. Lösungen auch. Eine Handreichung gegen Antisemitismus auf TikTok zum Beispiel. Das Bildungszentrum Anne Frank hat es. Meron Mendel bleibt dran – als kompetenter Ratgeber und kluger Ratgeber.

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