Sauberkeit in Aurich  Kauffrau kämpft gegen Kaugummispucker

Gabriele Boschbach
|
Von Gabriele Boschbach
| 08.03.2024 09:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gerade eben noch ausweichen konnte diese Passantin dem Kaugummi, das bräsig zwischen den Fugen lauert. Foto: Ortgies
Gerade eben noch ausweichen konnte diese Passantin dem Kaugummi, das bräsig zwischen den Fugen lauert. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Eine Auricher Buchhändlerin ärgert sich über Passanten, die achtlos Kippen und Kaugummis entsorgen. Sie fordert, dass das geahndet wird. So sieht das Ordnungsamt die Sache.

Aurich - Graubraun und unbefleckt breitet sich der neue Nadelfilz-Teppich in der Auricher Buchhandlung am Wall aus. Im Winter hatte das Team von Inhaberin Susanne Kranz beschlossen, dem Geschäft in der Burgstraße einen neuen Look zu geben. Also wurden im Februar ein paar Möbel umgestellt. Die Dekoration erhielt einen frischen Pfiff − und schon wirkte der Raum lichter, transparenter und großzügiger. Natürlich verfehlte auch der neue Teppichboden seine Wirkung nicht. „Auf dem alten hatten sich tatsächlich ein paar Kaugummis festgetreten“, sagt Susanne Kranz. Das wollte und will man jetzt verhindern. Doch wie lässt sich das umsetzen? Eine Sohlenkontrolle vor dem Betreten des Geschäfts? Wohl kaum.

„Tatsächlich hat eine meiner Mitarbeiterinnen dann nur wenige Tage, nachdem der Teppichboden verlegt war, einen Kaugummifleck entdeckt. Geistesgegenwärtig hat sie ihn gleich entfernt, bevor er trocknen und sich hartnäckig festsetzen konnte“, sagt Susanne Kranz. Wie das aussieht, hat sie jeden Tag in der ersten Etage ihres Geschäfts vor Augen. Dort ist der Teppich nicht ausgetauscht worden. Nach wie vor ziehen sich Schlieren von Kaugummis über den Boden. Sie haben sich im Lauf der Monate und Jahre dunkelbraun verfärbt.

Auch Fußgängerzone wird verschmutzt

Die Geschäftsfrau ist froh darüber, dass die Säuberungsaktion im Parterre geglückt ist. Andererseits ärgert sie sich konstant darüber, dass von öffentlicher Seite nichts unternommen wird, um gegen diejenigen vorzugehen, die ihr Kaugummi einfach achtlos aufs Pflaster in der Burgstraße spucken. Das führe nämlich unter anderem dazu, dass die eben erst neu gestaltete Fußgängerzone wieder etliche Gebrauchsspuren aufweist, unter anderem von Kaugummis, hat Susanne Kranz beobachtet. Sie hat das ziemlich genau im Blick.

So kann sie aus dem Stand Plätze nennen, die häufig ziemlich gummiert und dreckig aussehen. Der Eingang beim Combi-XL am Pferdemarkt etwa oder der Synagogen-Gedenkplatz am Hohen Wall. Die Buchhändlerin ärgert sich nicht nur über die Kaugummis, sondern auch über Zigarettenstummel. Die entsorgten Raucher oft, indem sie diese einfach in die Gegend schnipsten. Dabei gebe es in der Innenstadt eine ganze Reihe von speziellen Aschenbechern, die an einigen Papier- oder Abfallkörben befestigt seien. Doch sie habe oft beobachtet, dass sich gerade um diese Behältnisse herum Tüten, Müll, Kippen und anderer Unrat sammele. Es sei also offensichtlich vielfach nicht der Mangel an Entsorgungsmöglichkeiten, der die Menschen zu diesem Verhalten treibe, sondern etwas anderes.

Kaugummi ist resistent

„Mich ärgert der Mangel an Achtsamkeit“, macht die Geschäftsfrau ihre Wut deutlich. Es sei respektlos, andere Menschen zur Entsorgung von Müll zu zwingen. Müll, der sich überdies nicht einfach umstandslos aufheben lasse. Bei einem Kaugummi handele es sich schließlich um Material, das sich gegen den unmittelbaren Zugriff sperrt. „Ich bin noch so erzogen worden, dass ich das Kaufgummi ausspucke, es in ein Papier hülle und dann in den Restmüll werfe“, sagt Susanne Kranz. Offensichtlich gebe es Menschen, die das entweder nicht vermittelt bekommen haben oder die sich darüber einfach hinwegsetzen. „Man muss aufpassen, dass man ein paar Werte behält“, sagt die Geschäftsfrau über die Beweggründe, ihren Ärger öffentlich zu machen.

Kontaktbeamte sorgen in der Auricher Innenstadt dafür, dass bestimmte Regeln eingehalten werden. Für Ordnungsfragen sind sie nicht zuständig. Foto: Archiv/Ortgies
Kontaktbeamte sorgen in der Auricher Innenstadt dafür, dass bestimmte Regeln eingehalten werden. Für Ordnungsfragen sind sie nicht zuständig. Foto: Archiv/Ortgies

Welche Chancen sieht die Stadt, des Problems Herr zu werden? Ordnungsamtsleiter Helmut Lücht verweist darauf, dass seine Behörde vor etwas mehr als einem Jahr auf Geheiß von Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) eine Verordnung über die öffentliche Sauberkeit erarbeitet hat. Bisher gab und gibt es etwas Vergleichbares in der Stadt nicht. Darin sind 15 Ordnungswidrigkeiten aufgeführt, die in Zukunft geahndet werden könnten, angefangen vom öffentlichen Urinieren und Koten über das Beschmieren von Wänden oder das nicht vorschriftsmäßige Entsorgen von Müll bis hin zum Füttern von Tauben. Um das Einhalten der Verordnung sicherzustellen, sollten zwei Halbtagsstellen in der Verwaltung geschaffen werden, 50.000 Euro hätten zusätzlich in den Haushalt eingestellt werden müssen.

Verordnung liegt auf Eis

Nicht nur deswegen gab es in den politischen Gremien, in denen die Verordnung diskutiert wurde, massiven Gegenwind. Ein Kritikpunkt: Wie soll man die Aufgaben der Polizei und der Stadt voneinander abgrenzen? „Problematisch waren auch die Überschneidungen mit den Zuständigkeiten des Landkreises“, gibt Helmut Lücht zu bedenken. Der sei nämlich eigentlich für die Entsorgung des Mülls, also im weitesten Sinne für dieses Thema, zuständig. Könnte es deshalb Probleme geben? Fragen wie diese soll das Ordnungsamt jetzt klären. „Die Verordnung ist zunächst auf Eis gelegt worden“, sagt Helmut Lücht. Im vergangenen Jahr habe sein Team nicht die Zeit dafür gefunden, die strittigen Punkte abzuarbeiten und zu klären.

So ein Fleck im Nadelfilz widersetzt sich chemischer und mechanischer Beseitigung. Foto: Boschbach
So ein Fleck im Nadelfilz widersetzt sich chemischer und mechanischer Beseitigung. Foto: Boschbach

Zudem muss die Verwaltung noch die Höhe der Bußgelder festlegen. Die sind in dem Verordnungsentwurf nicht aufgeführt. Der Betrag orientiert sich laut Helmut Lücht unter anderem daran, ob es sich um eine Wiederholungstat handelt oder nicht. Konnte die Stadt sich beim Abfassen der Verordnung an Vorbildern orientieren? „Wir haben uns an Cuxhaven gehalten“, sagt Helmut Lücht. Dort gebe es ein solches Regelwerk bereits seit etwas mehr als zehn Jahren. Alle offenen Fragen habe man durch diesen Austausch nicht klären können. So sei es für kreisfreie Städte immer sehr viel einfacher, Verordnungen zu erlassen, weil sie auf einen Abgleich mit dem Landkreis verzichten könnten.

Für Susanne Kranz sind diese Abwägungsdinge nur bedingt nachvollziehbar: „Kann das nicht mal unbürokratisch gehen?“, stellt sie eine rhetorische Frage. Sie ärgert sich einfach darüber, dass sich in dieser Angelegenheit nichts bewegt. Regelmäßig lässt sie ihre Blicke über den Nadelfilz gleiten und hofft, dass sie keinen verräterischen grau-beigen Farbklecks sieht.

Ähnliche Artikel