Ehrenamt in der Krummhörn  Auf ein Mittagessen mit den Senioren in Visquard

| | 12.03.2024 20:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hanne Waalkes (links), Mathilde Müller, Ingrid Gundlach und Magda Iben kochen ehrenamtlich für die Senioren aus Visquard. Foto: Weiden
Hanne Waalkes (links), Mathilde Müller, Ingrid Gundlach und Magda Iben kochen ehrenamtlich für die Senioren aus Visquard. Foto: Weiden
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Beim „Pott up Füer“ gibt es alle zwei Wochen ein Mittagessen für Senioren in Visquard. Für die ehrenamtlichen Köchinnen und die Senioren selbst steht dabei vor allem die Geselligkeit im Mittelpunkt.

Visquard - Seit 9 Uhr steht Mathilde Müller an diesem Dienstag, 12. März 2024, im Gemeindehaus in Visquard in der Küche. Gemeinsam mit Hanne Waalkes, Magda Iben und Ingrid Gundlach schält sie Kartoffeln, brät Fleisch an und füllt Salate in die Servierschüsseln. Pünktlich um 12 Uhr soll alles fertig sein, ab halb 12 trudeln die hungrigen Gäste ein. Alle zwei Wochen kochen die vier Frauen ehrenamtlich für die Senioren in ihrem Dorf – „Pott up Füer“ nennen sie dieses Angebot, das es seit ziemlich genau zwölf Jahren gibt.

Volle Tafel: Das Angebot kommt gut an. Foto: Weiden
Volle Tafel: Das Angebot kommt gut an. Foto: Weiden

An diesem Dienstag gibt es Snirtjebraten mit Kartoffeln und Rotkohl. Außerdem eingelegte Gurken und Rote Bete aus dem Garten von Hanne Waalkes. Den Nachtisch, Quarkspeise mit Kirschen, hat Mathilde Müller schon am Vortag zubereitet und in kleine Gläschen gefüllt. „Wir kochen hauptsächlich ostfriesische Gerichte“, sagt sie. „Die alten Leute wollen dann doch lieber eine Kartoffel auf dem Teller haben statt Nudeln.“ Die Gäste zahlen dafür fünf Euro je Menü, das deckt die Kosten gerade so. Wenn es mal etwas teurer wird, greifen die Ehrenamtlichen auf Spenden zurück. Geld wollen Mathilde Müller und Co. mit ihrem Angebot nämlich nicht verdienen. Wenn einer der Stammgäste mal nicht teilnehmen kann, meldet er sich bei den Köchinnen ab. „Das klappt eigentlich immer ganz gut“, sagt Mathilde Müller.

Edeltraut Kuhlmann (links), Martha Janssen und Renate Saathoff nutzen das Angebot gern. Für sie steht die Geselligkeit im Mittelpunkt. Foto: Weiden
Edeltraut Kuhlmann (links), Martha Janssen und Renate Saathoff nutzen das Angebot gern. Für sie steht die Geselligkeit im Mittelpunkt. Foto: Weiden

Gespräche gegen die Einsamkeit

Edeltraut Kuhlmann, Martha Janssen und Renate Saathoff haben bereits an der langen Tafel Platz genommen. An diesem Dienstag ist das Gemeindehaus voll, 30 Personen sind erschienen. „Piep, Piep, Piep – Guten Appetit!“, sagen sie nach dem Tischgebet, als das Essen serviert wird. Martha Janssen kommt seit etwa drei Jahren regelmäßig zum Mittagessen, nachdem sie sich von einer Krebserkrankung erholt hatte. „Man freut sich, wenn man hier in der Mitte ist. Man ist ja sonst so viel allein“, sagt sie. Ihre Sitznachbarin, Edeltraut Kuhlmann, ist mit Unterbrechung seit zwölf Jahren dabei. Die Seniorinnen und Senioren kennen sich untereinander und obwohl gegessen wird, sind im Raum jede Menge Gespräche zu hören.

Magda Iben serviert eingelegtes Gemüse. Foto: Weiden
Magda Iben serviert eingelegtes Gemüse. Foto: Weiden

Die meisten Visquarder, die zum „Pott up Füer“ kommen, leben allein. „Bei den meisten sind die Ehepartner verstorben“, sagt Mathilde Müller. „Manchmal müssen wir sie auch dazu überreden, herzukommen. Aber danach kommen sie fast alle immer wieder.“ Viele Menschen müssten sich in der Zeit nach dem Tod ihres Partners erst einmal neu zurechtfinden – die Gespräche untereinander seien da besonders viel wert. „Man kennt die meisten ja auch im Dorf“, so Müller. Es habe auch schon Anfragen aus den Nachbarorten gegeben, aber das könnten die vier Frauen nicht leisten. „Dafür wäre unsere Küche auch zu klein.“ Neben den Mittagessen organisieren die Ehrenamtlichen auch Teenachmittage sowie Grill- und Weihnachtsfeste.

„Man fühlt sich hier wie in einer großen Familie“

Das Essen schmeckt den Senioren in Visquard eigentlich immer, sonst kämen sie wohl auch nicht alle zwei Wochen wieder. „Besonders die Nachtische von Mathilde sind immer ein kleines Kunstwerk“, sagt Rolph Schaper, Organist der Visquarder Kirchengemeinde. Für ihn stehen neben dem leckeren Essen aber vor allem die Geselligkeit und das Miteinander im Mittelpunkt. „Man fühlt sich hier wie in einer großen Familie“, sagt er. „Jeder kennt jeden und alle passen aufeinander auf.“

"Die Zwillinge aus Köln" - So werden Trudi Dusch (links) und ihre Zwillingsschwester Klara Kieven in Visquard oft genannt. Die beiden 82-Jährigen kommen seit vielen Jahren zum Mittagessen in das Gemeindehaus. Foto: Weiden
"Die Zwillinge aus Köln" - So werden Trudi Dusch (links) und ihre Zwillingsschwester Klara Kieven in Visquard oft genannt. Die beiden 82-Jährigen kommen seit vielen Jahren zum Mittagessen in das Gemeindehaus. Foto: Weiden

Auch die Zwillinge Trudi Dusch und Klara Kieven kommen alle zwei Wochen in das Gemeindehaus zum Mittagessen, „weil es einfach Freude bringt“, wie sie sagen. Die gebürtigen Kölnerinnen wohnen seit 2002 beziehungsweise 2014 in Visquard – nachdem ihre Männer verstorben waren, sind sie zusammengezogen. „Alle nennen uns im Dorf eigentlich nur ‚die Kölner Zwillinge‘“, sagt Klara Kieven. Am „Pott up Füer“ schätzen sie besonders die Gemeinschaft und den Zusammenhalt. „Das ist immer so wunderbar. Hier sprechen die Leute noch miteinander. Das würde man in Köln heutzutage nicht mehr finden.“

Nach dem Essen geht’s mit dem Rollator nach Hause

In Visquard fühlen die beiden sich pudelwohl – dazu trägt auch das gemeinsame Mittagessen mit den anderen Senioren bei, wie sie sagen. „Wir haben guten Kontakt zu den Leuten hier. Alle sind so freundlich. Mehr braucht man nicht zum Glücklichsein“, sagt Trudi Dusch. Um ein bisschen was von dieser Geselligkeit zurückzugeben, sind die Zwillinge an Karneval nach Kölner Tradition im Kostüm beim „Pott up Füer“ aufgeschlagen – sehr zum Amüsement der anderen Gäste. „Das kommt immer mal wieder vor, dass hier jemand einen Lachanfall bekommt“, sagt Edeltraut Kuhlmann.

Als alle aufgegessen haben, wird noch kurz weitergequatscht, ehe die Gäste wieder nach Hause gehen. Viele haben Fahrgemeinschaften gebildet, andere laufen mit ihrem Rollator zurück nach Hause durch das Dorf oder werden von Angehörigen abgeholt. Für Mathilde Müller, Hanne Waalkes, Magda Iben und Ingrid Gundlach beginnen dann der Abwasch und das Aufräumen. „Wir machen das, weil wir da Spaß dran haben“, sagt Mathilde Müller. An ein Aufhören ist für die vier Frauen nicht zu denken.

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