Hamburg  Energiewende auf See lahmt: Habecks Turbo läuft noch nicht auf Hochtouren

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 12.03.2024 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schon als schleswig-holsteinischer Umwelt- und Landwirtschaftsminister setzte sich Robert Habeck für die Windkraft ein. Foto: dpa/Carsten Rehder
Schon als schleswig-holsteinischer Umwelt- und Landwirtschaftsminister setzte sich Robert Habeck für die Windkraft ein. Foto: dpa/Carsten Rehder
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Nord- und Ostsee als Mega-Kraftwerke für eine CO2-freie Energieversorgung: So stellt es sich die Ampel-Koalition vor. Doch der Ausbau der Windfarmen ist eine Mammutaufgabe. Es fehlt das Tempo.

Am Ausbau der Windenergie auf dem Meer hängt die deutsche Energiewende, darin sind sich Experten einig. Bis Ende 2030, so das erklärte Ziel der Bundesregierung, sollen sich auf Nord- und Ostsee Rotoren mit einer Kapazität von mindestens 30 Gigawatt (GW) drehen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte vor einem Jahr einen „steilen Hochlauf“ beim Ausbau angekündigt und zugesichert, Ökoenergie vom Meer werde „in weiten Teilen die Stromversorgung der Republik sichern“. 

Doch davon ist in den Statistiken bisher wenig zu sehen. Wie der Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Helge Heegewaldt, am Dienstag in Hamburg mitteilte, lag die installierte Gesamtleistung maritimer Windfarmen Ende 2023 gerade einmal bei 8,4 GW – nur 0,3 Gigawatt mehr als im Jahr davor. Die Stiftung Offshore Windenergie hatte kürzlich bereits gemahnt: „Für die Erreichung der gesetzlichen Ausbauziele muss der Zubau bis 2030 drastisch anziehen.“

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Laut Heegewaldt nimmt das Tempo tatsächlich zu. Nach seinen Angaben sind aktuell drei Windparks mit zusammen 1,6 GW in Bau, zwei auf der Nordsee, einer auf der Ostsee. 2024 sollen zudem die Arbeiten für ein weiteres Nordseewindfeld (0,9 GW) beginnen. 

Das BSH mit Sitz am Hamburger Hafenrand ist als Bundesbehörde zuständig für die Ausweisung der Flächen und die Genehmigung der Anlagen. Obwohl die Zeit knapp wird und erst rund ein Drittel des Weges geschafft ist, halten die Verantwortlichen das 30-Gigawatt-Ziel weiterhin für erreichbar. Laut Nico Nolte, Leiter der Offshore-Abteilung „Ordnung des Meeres“, sind die nötigen Flächen für den großen Boom vor den Küsten identifiziert und befänden sich in der Prüfung oder Genehmigung. Das Timing zielt demnach auf einen Turbo-Endspurt kurz vor Toresschluss. Nolte: „Der ganz große Aufwuchs mit insgesamt neun Gigawatt ist für 2029 und 2030 geplant.“

Im Februar hatte das Bundesamt per Verordnung die Eignung von weiteren drei Flächen in der Nordsee für Offshore-Kraftwerke festgestellt. Auf den zur Versteigerung ausgeschriebenen Arealen können Energieunternehmen drei Windparks errichten, Gesamt-Ökostromleistung: 5,5 Gigawatt. 

Zugleich ist klar, dass die bisherige Schlagzahl nicht ausreicht, um die hochgesteckten Zielmarken zu schaffen, die nach 2030 sogar noch ehrgeiziger werden. Bis 2045, so die Vorgabe der Ampelregierung, sollen mindestens 70 GW auf See am Netz sein. Das entspricht in etwa der Leistung von 70 kleineren bis mittleren AKW.

Das BSH verfüge über die nötigen personellen Kapazitäten für einen solchen Boom, beruhigte Heegewaldt. In der erst 2017 aufgebauten Offshore-Abteilung seien inzwischen 150 Mitarbeiter überwiegend damit beschäftigt, der grünen Energie vom Meer den Weg zu ebnen. 

Dabei dürften auf dem begrenzten Platz geeigneter Meereszonen die Interessenkonflikte zunehmen. „Die Energiewende verändert die Nutzung von Nord- und Ostsee in einem nie dagewesenen Umfang“, hielt der BSH-Chef fest. Die Konkurrenz um Flächen mit Fischerei und Seefahrt wachse. Zusätzlich könnten die Pläne des Bundes, das Klimagas CO2 unter dem Boden der Nordsee zu verpressen, die Flächenknappheit weiter verschärfen. 

Obendrein berührt das Aufstellen von immer mehr Windrädern den Naturschutz in Nord- und Ostsee. Zuletzt hatte Habeck mit einem Gesetz für Kritik gesorgt, beim Bau von Windparks künftig keine Prüfungen auf Umweltverträglichkeit und Artenschutz mehr vorzuschreiben. Aus Sicht des Bundesamtes sind die Belange der Energieversorgung und der Meeresökologie aber weiterhin miteinander vereinbar. Nolte versicherte, das BSH mache keine Abstriche beim Naturschutz: „Es wird keine Absenkung der Standards geben.“ 

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