Osnabrück Künstler neu im Blick: Wie sich Bernhard Hoetger den Nazis andiente
Kunst und Macht: Bernhard Hoetger liefert das Paradebeispiel für einen Künstler, der im Dritten Reich mitwirken wollte. Sein fragwürdiges Projekt scheitert. Was trieb den Bildhauer eigentlich an?
„Sie dürfen nicht erwarten, Herr Hoetger, daß ihre rassisch-minderwertigen verkrüppelten Jammergestalten deutscher Frauen und Arbeiten unsere Sehnsucht nach gesunden, geistig und körperlich hochwertigen Menschen erfüllen können“, höhnt es dem Architekten und Bildhauer Bernhard Hoetger am 26. Juni 1935 aus der Zeitschrift der SS, „Das schwarze Korps“ entgegen. Dabei wähnt sich Hoetger im Nationalsozialismus angekommen. Er ist Mitglied in Partei und Künstlerbund, hält seine Kunst für den vollkommenen Ausdruck nordischer Weltsicht. Doch die Nazis wollen Hoetger nicht. Das bloße Pech eines Opportunisten?
Wie verhält sich Kunst zu der Gesellschaft, in deren Kontext sie geschaffen wird? Wie passen überhaupt Kunst und Macht zusammen? Der Fall Bernhard Hoetgers (1874-1949) beleuchtet grundsätzliche Fragen. Und ganz konkrete Verhaltensweisen. Auch wenn Hoetgers Name eher Kunstkennern ein Begriff sein mag – seine Bauten sind vielen Menschen bekannt. Hoetger baut an der Bremer Böttcherstraße mit, errichtet im Künstlerort Worpswede die Große Kunstschau. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts prägt er mit seinen expressiven Backsteinbauten den Look der Moderne entscheidend mit.
Hoetger startet um 1900 als Bildhauer in Paris, ist 1930 als viel gefragter Architekt und Bildhauer in der Kunstszene bestens etabliert. Er würdigt die Gefallenen der Bremer Räterepublik mit einem Denkmal auf dem Friedhof im Bremer Stadtteil Walle, errichtet ein Denkmal zu Ehren des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Dortmund-Hörde. Die Nazis zerstören die beiden monumentalen Werke 1933 prompt.
Warum dient sich Hoetger den Nationalsozialisten trotzdem an? Stefan Borchardt gehört zu dem Kuratorenteam, das Hoetgers Schaffen in Worpswede mit einer groß angelegten Überblicksschau beleuchtet. Seine Erklärung für das Hoetger-Paradox: „Hoetger sah die Zerstörung als kleines Opfer. Er hoffte darauf, dass seine Kunst später doch noch verstanden werden würde“. Die Nationalsozialisten sollen ihn wenige Jahre später eines Besseren belehren. 1938 werfen sie den Sympathisanten aus Partei und Künstlerbund. Adolf Hitler selbst wettert gegen „diese Art von Böttcher-Straßen-Kultur“.
Hoetger ist mit seiner aus heutiger Sicht befremdlich anmutenden Haltung kein Einzelfall. Auch der Maler Emil Nolde, ein noch prominenteres Beispiel, dient sich den Nationalsozialisten an, hat mit seiner Strategie der Anbiederung aber ebenfalls keinen Erfolg. Aus heutiger Sicht erscheint sein Werk beschädigt. 2019 lässt die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel Gemälde Noldes aus ihrem Büro entfernen und sorgt so für den spektakulären Absturz des Kunststars aus dem Norden.
Bernhard Hoetgers Name ist nicht so prominent wie derjenige Noldes. Sein Werk gehört gleichwohl gerade in Norddeutschland zum heimeligen Inventar eines vertrauten Lebensgefühls. Hoetger fügt in die Bremer Böttcherstraße mit dem Museum für Paula Modersohn-Becker und dem Haus Atlantis zwei zentrale Bausteine der expressiven Backsteinarchitektur. Passanten und Kulturtouristen nehmen das Ensemble heute als behagliches Ambiente wahr. Die Verbindungen zu einem neuen nordischen Götterglauben sehen sie nicht.
In gleich drei Worpsweder Museen wird Hoetgers Werk nun wie ein Buch aufgeblättert. Hoetger, der Avantgardist des frühen 20. Jahrhunderts im Barkenhoff, Hoetger, der Bildhauer in der Großen Kunstschau, Hoetger als Mitglied der zweiten Generation der Worpsweder Malerkolonie in der Kunsthalle: Zum 150. Geburtstag wird das allgegenwärtige, aber selten einmal genau angeschaute Werk dieses Mannes instruktiv aufgefächert.
Matthias Jäger, Geschäftsführer der Worpsweder Museen, und Beate Arnold, Direktorin des Barkenhoff und der Großen Kunstschau, fügen die Präsentation Hoetgers in eine Serie von Ausstellungen, die sich um Worpsweder Jubiläen gruppieren, von Heinrich Vogeler bis Paula Modersohn-Becker. Hoetger konzipiert 1927 die Große Kunstschau, jenes Haus, in dem die Moderne der Zeit um 1900 bereits früh musealisiert und damit zu einem neuen kulturellen Standard gemacht wird.
Das Kuratorenteam hat kostbare Leihgaben zusammengetragen, von jenem eleganten Porträtkopf, den Hoetger von seiner Frau Lee formt, über ein eher wuchtiges als filigranes Silberbesteck bis hin zu jenen Gemälden, die der Künstler in Worpswede malt. Von 1918 bis 1923 lebt und arbeitet Hoetger in der Künstlerkolonie, steht in engem Austausch mit dem Jugendstilklassiker Heinrich Vogeler, der 1923 den Künstlerort verlässt, um in der Sowjetunion am Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft mitzuwirken.
Vogeler in der jungen Sowjetunion, Hoetger im Dritten Reich: Gehen hier zwei berühmte Künstler jeweils auf ihre Weise einem totalitären Regime auf den Leim? „Bernhard Hoetger hat sich weniger mit politischen Idealen identifiziert als Heinrich Vogeler“, erläutert dazu Beate Arnold. Der Effekt bleibt sich hingegen gleich: Beide Künstler scheitern bei ihrem Versuch, sich in neuen politischen Umgebungen als nützlich zu erweisen.
Das gilt besonders für Bernhard Hoetger, der für seine monumentalen Entwürfe auf großzügige Mäzene oder politische Helfer angewiesen bleibt. Erst Unternehmer wie der Bremer Kaffee-Magnat Ludwig Roselius und der Hannoveraner Keks-Fabrikant Hermann Bahlsen, später die Nationalsozialisten? Bei der Suche nach potenten Auftraggebern verliert Hoetger die Orientierung. Er entwirft sogar ein NS-Parteizentrum als monströses Hakenkreuz. Die Nazis lehnen ab. Offenbar ist selbst ihnen ein solches Maß an Identifikation nicht ganz geheuer.
Was sagt das alles heute? Die Leipziger Künstlerin Julia Kiehlmann hat die Ausstellungen mit künstlerischen Interventionen versehen, die eines signalisieren – Gesprächsbedarf. In der Großen Kunstschau steht dafür ein Stuhlkreis aus lauter kaputten Sitzmöbeln. Wir müssen reden, über Politik, Kunst und sicher auch über Selbstüberschätzung.
Worpswede, Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle: Bernhard Hoetger: Zwischen den Welten. 18. März bis 3. November 2024.