Osnabrück Was die Cannabis-Legalisierung für die Narkose bedeuten könnte
Mit der bevorstehenden Legalisierung von Cannabis könnten auch auf Narkose-Ärzte neue Herausforderungen zukommen. Wir haben bei einem Facharzt für Anästhesie nachgefragt.
„Wir wissen erstaunlich wenig darüber, ob und in welchem Ausmaß THC und andere Cannabinoide relevante Einflüsse auf die Narkose haben“, sagte Andreas Leffler von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie auf Anfrage unserer Redaktion. Relevant scheine aber „auf jeden Fall die Dosis, das heißt der Umfang des Cannabiskonsums zu sein, aber auch, ob es sich um eine akute oder chronische Einnahme der Substanzen handelt“, so der Leiter des Bereichs Forschung und Oberarzt Schmerzdienst an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Nach dem jüngst vom Bundestag mit Ampel-Mehrheit verabschiedeten Gesetz sollen Besitz und Anbau von Cannabis mit zahlreichen Vorgaben für Volljährige zum Eigenkonsum ab dem 1. April legal sein. Erlaubt sein sollen zum 1. Juli auch nicht-kommerzielle Vereinigungen zum gemeinschaftlichen Anbau von Hanf-Pflanzen. Ist der Zeitplan zu halten? Von den Bundesländern kommen Einwände.
Tatsächlich sprechen sich bis heute zahlreiche Politiker, Gesundheitsexperten und Ärztevertreter gegen die Legalisierung von Cannabis aus. So kritisieren sie unter anderem zu wenig Präventionsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche sowie Schwierigkeiten bei der Kontrolle durch Polizei und Justiz.
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Für Anästhesisten ändere sich aufgrund der Legalisierung wahrscheinlich vorerst nichts, beschwichtigt Narkose-Experte Leffler; man behandele bereits seit vielen Jahren Patienten, von denen man wisse, dass sie Cannabis konsumieren.
„Die Legalisierung könnte aber dazu führen, dass Patienten und Patientinnen einen regelmäßigen Cannabiskonsum nicht mehr verschweigen, sondern dies im Rahmen unserer Aufklärungsgespräche bereitwillig angeben. Das wäre sogar ein positiver Effekt”, betonte Leffler. Sollte sich das Konsumverhalten infolge der Legalisierung stark verändern, könne sich Handlungsbedarf im Rahmen der Narkosevorbereitung ergeben.
Tatsächlich interagieren Cannabinoide mit einer Vielfalt von Mechanismen im Körper, die auch bei der Narkose relevant sind. So können sie die Wirkung von Hypnotika sowohl verstärken als auch abschwächen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Patienten mit einem bekannten Cannabiskonsum eine erhöhte Dosis von Opioiden zur Schmerztherapie brauchen.
„Cannabinoide scheinen auch einen Einfluss auf die Hirnströme zu haben, die mittels EEG während der OP aufgezeichnet werden, um die Narkosetiefe zu kontrollieren. Das könnte bedeuten, dass wir uns bei der Steuerung der Narkose bei betroffenen Patientinnen und Patienten nicht auf dieses Instrument verlassen können“, sagte Leffler.
Es gebe also „mehrere Hinweise auf relevante Einflüsse von THC auf die Narkose“. Inwiefern diese Einflüsse wirklich klinisch relevant oder sogar besorgniserregend seien, wisse man aktuell jedoch nicht.
Da das Sicherheitsdenken bei der Durchführung von Narkosen stark ausgeprägt sei, so Leffler, würden keinerlei Hinweise vernachlässigt: „Aktuell ist aber kein konkretes Problem zu erkennen, was direkt mit der Legalisierung von Cannabis verknüpft ist“.
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