19-Jährige angeklagt Prozess gegen Video-Pöblerin aus Wittmund hat begonnen
Das Video einer Pöbel-Attacke vor dem Wittmunder Edeka-Markt ging im Herbst 2023 viral. Nun muss sich eine 19-Jährige dafür vor Gericht verantworten. Bei weitem nicht ihr einziges Vergehen.
Wittmund - Vor dem Wittmunder Amtsgericht muss sich seit Mittwoch, 20. März 2024, eine Frau verantworten, die im Herbst 2023 durch ein Pöbelvideo vor dem Wittmunder Edeka-Markt bundesweit bekannt geworden war. Die Liste ihrer Vergehen und Straftaten ist allerdings viel länger, wie sich gleich zu Prozessbeginn herausstellte: Der Staatsanwalt brauchte für die Verlesung aller Anklagepunkte gute 20 Minuten – und damit deckte er praktisch nur das vergangene Jahr ab.
Der Frau wird unter anderem Körperverletzung, Sachbeschädigung, Bedrohung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen. Und Beleidigung, sehr viel Beleidigung. Die meisten der Straftaten haben sich im Nordwesten ereignet, in Wittmund, Aurich, Leer, Esens und Wilhelmshaven. Die Angeklagte selbst wollte sich anfangs vor Gericht eigentlich gar nicht äußern und überließ ihrer Pflichtverteidigerin Irene Gonsalvas die Erwiderung auf die Vorwürfe des Staatsanwalts. Im Laufe des Prozesstages ließ sie aber immer wieder von sich hören, auch während Zeugenvernehmungen.
Die Angeklagte
Die Angeklagte ist eine 19 Jahre alte Frau, die aus dem Libanon stammt, und 2015 zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern als Flüchtling nach Deutschland kam. Sie landete in Wittmund und besuchte hier die Schule. Einen Beruf hat sie nicht. Die 19-Jährige ist eine eher kleine und kompakte Frau mit dunklen Haaren und tiefer Stimme. Vor Gericht machte sie keinen schüchternen Eindruck und meldete sich ungefragt zu Wort, wann immer sie ihre Meinung sagen wollte.
Dabei machte sie auch vor Kritik am Staatsanwalt keinen Halt. Als der sie anging, weil sie während der Verhandlung immer wieder auf arabisch mit ihrer Schwester tuschelte, die nur wenige Meter entfernt auf einem der Gästestühle saß, wollte die Angeklagte sich das nicht gefallen lassen. Die 19-Jährige erschien in Handschellen und verließ das Gericht an diesem ersten Prozesstag auch wieder in Handschellen.
Der Edeka-Vorfall
In der langen Vorwurfsliste der Staatsanwaltschaft spielt der Edeka-Vorfall nicht die größte Rolle, er erregte aber durch ein etwa halbminütiges Video bundesweit enormes Aufsehen. In dem selbst aufgenommenen Handyvideo steht die Frau vor dem Edeka-Markt in Wittmund und pöbelt mehrere Edeka-Mitarbeiter an. „Arbeitest hier die ganze Woche, verdienst nicht mal vernünftig Geld“, ist zu hören. Sie sei Flüchtling und gebe 200 Euro am Tag aus. Das Video landete im Internet und ging viral.
Tatsächlich begann der Ärger schon ein paar Tage vorher. Die Angeklagte war am 5. Oktober 2023 im Edeka-Markt erschienen. Eine als Zeugin geladene Edeka-Mitarbeiterin berichtete vor Gericht, wie die Angeklagte sich ohne Bezahlung ein Getränk aus einem Regal genommen, es geöffnet und getrunken habe. Als sie die Angeklagte darauf angesprochen habe, habe diese sie beschimpft und geschlagen, als sie die Polizei rufen wollte. Die Angeklagte erhielt Hausverbot, erschien aber drei Tage später wieder vor dem Markt. Als die Mitarbeiter sie wegschicken wollten, entstand das Handyvideo.
Die anderen Vorwürfe
Durch viele der vorgetragenen Vorwürfe zieht sich wie ein roter Faden das ungebremste Anwenden von Gewalt. So soll die Angeklagte im September 2023 bei einem Besuch ihrer Mutter gegen deren Wohnungstür getreten und anschließend den Kopf der Mutter gegriffen und mehrfach auf den Boden geschlagen haben. Kurz vorher, im August, hatte sie einen Notruf abgesetzt, in dem sie behauptete, ihre Mutter umbringen zu wollen. Als die Polizei kurz darauf bei ihr vor der Tür stand und sie mitnahm ins Wittmunder Krankenhaus, eskalierte die Situation schnell in Beleidigungen, Tritte und Schläge.
Im Oktober erschien die Angeklagte auch plötzlich bei der Polizei in Aurich und forderte, dass man sie in den Libanon zurückbringen solle. Als daraus nichts wurde, folgten Beleidigungen, Tritte und Schläge. Auch der Besuch des Gallimarktes in Leer eskalierte: Als sie an den vor ihr laufenden Besuchern nicht schnell genug vorbeikam, endete auch das in Beleidigungen und Schlägen. In der Summe lassen die vorgetragenen Vergehen vermuten, dass die Frau über ein großes Aggressionspotenzial und keine nennenswerte Affektkontrolle verfügt.
Was die Angeklagte selber sagt
Die 19-Jährige räumte viele der Vorwürfe ein, vor allem die vielen Beleidigungen. Über ihre Verteidigerin ließ sie ausrichten, dass ihr die Beleidigung der Polizisten und der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalten (JVA) leid täte und sie sich gern persönlich bei ihnen entschuldigen möchte. Tatsächlich war auch eine JVA-Mitarbeiterin aus Zweibrücken als Zeugin geladen, die einen gewaltsamen Vorfall in der dortigen Haftanstalt schilderte. Auf die Frage des Richters, ob die Angeklagte sich bei ihr entschuldigt habe, erklärte die Zeugin, das sei tatsächlich der Fall gewesen.
Über die Vorwürfe, die ihre eigene Familie betreffen, schwieg die Angeklagte sich bisher aus. Mehrere Anklagepunkte drehten sich um Gewaltausbrüche und Drohungen gegen Familienmitglieder. Die sollen später im Prozess noch angehört werden. Der nächste Verhandlungstag ist für Dienstag, 26. März, vorgesehen.