Frankfurt Adidas und der DFB: Die Geschichte einer Liebesbeziehung
Seit 70 Jahren sind der deutsche Fußball und die Marke Adidas eng verbunden. Der DFB ohne die drei Streifen - kaum vorstellbar. Ab 2027 soll es aber so sein. Aber wie kam es eigentlich zu der Tradition zwischen dem DFB und dem Unternehmen aus Herzogenaurach?
Wie alles gekommen wäre, wenn Rudolf Dassler mit seiner Meinung über den ersten deutschen Auswahltrainer Otto Nerz bloß hinter dem Berg gehalten hätte? Man möchte es nur zu gerne wissen. Jedenfalls saßen Dassler und Bundestrainer Sepp Herberger einige Wochen vor dem ersten Länderspiel nach dem Krieg anno 1950 zusammen, um eine Zusammenarbeit von DFB und Schuhausrüster Puma zu diskutieren.
Als Herberger sich dabei etwas abfällig über seinen erfolglosen Vorgänger Nerz geäußert hatte, gab ihm Dassler contra und meinte sinngemäß, er könne selbst schnell wieder aus dem Amt fliegen, denn er sei „auch nur ein kleiner König“. Ob das den Ausschlag gab, wie es der Spiegel 1959 suggerierte, sei dahingestellt. Doch Fakt ist, dass die Nationalmannschaft am 22. November 1950 in den Schuhen des anderen der verfeindeten Dassler-Brüder aus Herzogenaurach spielte.
Dessen Marke war ein Spiel mit seinem Namen und ist heute weltbekannt: Adidas – nach Adolf, vulgo Adi, Dassler.
In seinen Schuhen mit den berühmten drei Streifen wurde Deutschland dreimal Weltmeister, wegen ihnen zumindest einmal. So will es die Legende, denn das Wunder von Bern 1954 ist nicht vollständig erzählt ohne den Befehl Herbergers an Dassler, der als Zeugwart zum Betreuerstab gehörte: „Adi, stoll auf!“, rief der Chef nach der Inspektion des Regen durchtränkten Rasens vor dem Finale gegen die Ungarn.
Das war der Trumpf der Deutschen, sie hatten dank Dasslers 1953 in der Jugendnationalmannschaft getesteten Schraubstollenschuhen einen Standvorteil. Je nach Bodenbeschaffenheit wählten sie die Stollen und, um es für die Nachwelt noch einmal festzuhalten: Fritz Walter blieb bei den kurzen, Werner Liebrich nahm die längsten und die anderen neun wählten den Mittelweg.
Die Arbeit nahm ihnen der Firmenchef Dassler, der schon seit 1925 Sportschuhe produzierte, die einen gewissen Jesse Owens 1936 zu seinen Goldmedaillen in Berlin verhalfen, ab. Die Generation vor Fritz Walter musste sich ihre Stollen noch selbst annageln.
Noch während des Spiels zog Dassler bei Max Morlock die Stollen fester und dann fiel auch der Nürnberger nicht mehr auf die Nase. Die Ungarn schon. „Unsere Stollen waren angenagelt, wir konnten die Länge nicht verändern. Unsere Spieler rutschten aus, die Deutschen standen stabil, das wirkte sich in der zweiten Halbzeit immer deutlicher aus“, klagte Ungarns Keeper Gyula Grosics.
Die noch junge Partnerschaft von DFB und Adidas hatte ihren Höhepunkt früh. An Liebesbeweisen hatte es schon vorher nicht gemangelt. 1953 pries der DFB in seiner Zeitschrift die Adidas-Schuhe auf 92 Zeilen und ihren Erfinder „als rechte Hand von Bundes-Fußballlehrer Herberger“.
So also begann es und es schien nie mehr zu enden. Mit Adidas-Schuhen bestritt Deutschland sämtliche Länderspiele nach dem Krieg, inklusive der Frauen- und Jugendteams. Auch wenn in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung Spieler wie Lothar Matthäus (Puma) vor 30 Jahren wegen eigener Verträge davon abzuweichen wagten. Es blieben Ausnahmen.
Als Adidas sein Portfolio erweiterte und ab 1967 Trainingsanzüge herstellte, lief Franz Beckenbauer als erster damit herum, das Modell war ja auch nach ihm benannt – und gehörte 1970 in Mexiko zur WM-Ausstattung, auch wenn die Mannschaft Umbro-Trikots trug. Dass die Schuhe drei Streifen trugen, geriet kurzfristig in Gefahr, weil Rivale Puma im WM-Quartier mit einem Schuh- und einem Geldkoffer auftauchte. 16 der 22 WM-Spieler hatten keinen Vertrag mit Adidas und sollten also kostenlose Werbung machen, während Puma 2000-3000 DM pro Spiel bot. So blöd wollte keiner sein. Da war er, der erste Liebeskummer in dieser lange so glücklichen Beziehung. Bundestrainer Helmut Schön sprach ein Machtwort: „Wer die Forderung stellt, in einer bestimmten Schuhsorte zu spielen, kann sofort nach Hause fliegen. Bei uns gehört der Adidas-Schuh zur Ausrüstung wie die schwarze Hose und das weiße Trikot.“
Der Aufstand war beendet und nach der grandiosen Werbung für ihren Schuh durch zwei Jahrhundertspiele zahlte Adidas den Spielern eine eigene WM-Prämie: 15.000 DM pro Kopf. Schon 1966 ließ sich der Ausrüster, der damals bereits die meisten WM-Teams belieferte, einen Goldbarren pro Spieler kosten. Kleine Geschenke, die die Freundschaft erhielten. 1972 wurde Deutschland dann sogar in Adidas-Trikots Europameister und nach einer kurzen Unterbrechung durch Erima sind die drei Streifen, meist auf der Schulter, seit 1980 das Markenzeichen für das Outfit der Nationalelf, welches Design auch immer den Modeschöpfern einfiel. Die Marke und ihre bekannteste PR-Lokomotive führten noch lange nach dem Tod der Ehestifter Herberger (1977) und Dassler (1978) eine glückliche Beziehung.
Bei all seinen Heimturnieren ließ der DFB adidas-Bälle rollen (1974, 1988, 2006) und er blieb auch bei der Stange, als das Unternehmen 1992 von Insolvenz bedroht war. Ein sichtbares Zeichen der ungetrübten Allianz war das Mini-Stadion in Berlin 2006 für Fans ohne WM-Eintrittskarten: die Adidas World of Football, 8.000 Sitzplätze vor zwei Großleinwänden.
Adidas profitierte stark von der Heim-WM und tat dafür womöglich auch etwas. Laut eines vom DFB 2021 in Auftrag gegebenen Untersuchungsberichts zur Sommermärchenaffäre war Adidas mit Ausrüstung im Wert von vier Millionen Dollar behilflich, die, warum auch immer, an den Süd-und Mittelamerika-Verband Concacaf ging. Der Untersuchungsbericht schloss eine Einflussnahme auf die WM-Vergabe nicht aus.
Um die machte sich im WM-Ok des DFB besonders Franz Beckenbauers Berater Fedor Radman verdient, vormals Adidas-Direktor. Der Verband und sein Ausrüster – gute Freunde, die scheinbar niemand trennen konnte, auch nicht der sportliche Misserfolg, der sich zum Ende der Ära Löw häufte und bis in die Gegenwart reicht. Noch während der EM 2021 nahm der DFB-Kader Quartier im Adidas Camp von Herzogenaurach und dort bereitet er sich auch auf die Heim-EM vor. Falls der enttäuschte Liebhaber es sich nun nicht noch anders überlegt…
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