Bünde  Was Flipper mit Rockbands und Kühen zu tun haben – und welcher am teuersten ist

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 31.03.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Auch dieser Flipper steht bei Pinball Universe in Bünde zum Verkauf. Kiss-Sänger Gene Simmons freut sich schon auf ein neues Zuhause in einem Man Cave. Foto: Oliver Krato
Auch dieser Flipper steht bei Pinball Universe in Bünde zum Verkauf. Kiss-Sänger Gene Simmons freut sich schon auf ein neues Zuhause in einem Man Cave. Foto: Oliver Krato
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In jedem Flipper gibt es eine Kuh – sichtbar oder nicht. Kleiner Gag, den die Entwickler aller Hersteller sich seit 30 Jahren erlauben. Solche Insider erfährt man im nordrhein-westfälischen Bünde. Dort ist Pinball Universe zuhause; das Unternehmen verkauft gebrauchte und neue Flipperautomaten, die bis zu 25.000 Euro kosten.

Pinball Universe, das bedeutet viel Bling Bling. 45 verkaufsbereite Geräte blinken allein im Showroom, insgesamt können Interessenten 90 Automaten ausprobieren. Wer gedacht hat, dass Flipper blinken, damit es so schön bunt ist, liegt nur halb richtig. „Die Geräte kommunizieren mit dir“, erklärt Dirk Elzholz (47), der Leiter des Geschäftsbereichs Pinball Universe der J. Schwarz GmbH. Sie zeigen an, wo man die Kugel hinspielen sollte, welche Aufgaben in welcher Reihenfolge zu erledigen sind, wo es einen Bonus gibt.

Flipperautomaten haben sich bei Videospielen mittlerweile einiges abgeschaut, verfügen über ein komplexes Regelwerk, sodass viele nie zu Ende gespielt werden. Bei „Der Pate“ zum Beispiel gilt es, zwölf Aufgaben zu absolvieren, bevor man endlich den Skill Shot zum Finale initiieren darf, wie das Einschießen der Kugel genannt wird. Zuerst schließt man sich einer Familie an, dann müssen so viele Soldaten als möglich eingesammelt werden, bevor man in den Gangkrieg eintritt, der – wie im echten Leben – mit der Kugel ausgetragen wird. In vielen Apparaten gibt es sogar Eastereggs, geheime Tastenkombinationen, mit denen man zum Beispiel zusätzliche Videos oder Spielmodi freischaltet.

Elzholz, der eine Zeitlang in den Top 100 auf diesem Globus gespielt hat und immer noch an Weltmeisterschaften teilnimmt, hat seit zweieinhalb Jahren „Godzilla“ in seiner Wohnung in Osnabrück stehen, „aber ich habe immer noch alles durchgespielt“. Sagt jemand, der an einem guten Tag mit drei Kugeln durchaus anderthalb Stunden flippert.

Das ist wegen der Standardhöhe der Flipper nicht gerade förderlich für eine gute Haltung. Elzholz: „Flipper bedeutet immer krummer Rücken.“ Da sich grundsätzlich so ziemlich alles an den Geräten anpassen lässt, könnte man natürlich höhere Beine anschrauben. Ist aber verpönt in der Szene, die von überschaubarer Größe ist. Um die 40 Ligen, womit Gruppen gemeint sind, kennt Elzholz in Deutschland. In München frönen rund 70 Mitglieder dem Flippersport, in Osnabrück acht.

Flippern ist offenbar was für mittelalte weiße Männer, jedenfalls zieren erstaunlich oft Rockbands die Geräte: Led Zeppelin, AC/DC, Kiss, Metallica, Foo Fighters, Guns N‘ Roses. „Man braucht Platz, Geld, einen festen Wohnsitz“, fasst Elzholz das zusammen. Wer jung ist und öfter umzieht, hat wahrscheinlich nicht die finanziellen Mittel und wohl auch wenig Lust, so ein 120 bis 150 Kilo schweres Gerät umherzuschleppen. „Wenn Frauen kommen, suchen sie oft was für ihren Mann oder Chef, aber zunehmend auch für sich selbst oder die Familie“, stellt Elzholz allerdings eine Entwicklung fest. Ein weiteres Kundenmerkmal: IT-Affinität. Der Abteilungsleiter erklärt sich das so: „Wer in der IT arbeitet, freut sich über geschlossene Systeme.“

Seit einigen Jahren boomt die Branche wieder. Acht bis zehn Geräte erscheinen im Jahr, Durchschnittspreis 10.000 Euro, gebrauchte gibt es in Bünde ab 4500. Ende der Neunziger war das anders. Da flogen die Flipper aus den Kneipen und Spielotheken, um neuen Videogeräten Platz zu machen. Wer Glück hatte, griff einen für 50 Mark (25 Euro) ab. 2000 gab es dann nur noch einen Hersteller: Stern Pinball.

Doch in den vergangenen 15 Jahren hat die Branche stark zugelegt, beobachtet Elzholz. Mit American Pinball und Jersey Jack Pinball traten zwei weitere Player in den Markt ein. Zusammen decken diese drei größten Hersteller, alle mit Sitz in Chicago, 95 Prozent des weltweiten Markts ab, sagt er. Die Entwicklung eines neuen Geräts ist teuer und langwierig, kostet Millionen. „Oft dauert es drei Jahre“, erklärt Elzholz, „allein, um die Lizenzrechte für den Titel zu erhalten, eine Band, ein Film oder eine Serie, können Sie ein Jahr einplanen.“

Schließlich müssen dafür viele Beteiligte gefragt werden. Die Plattenfirma, alle Bandmitglieder, Management, das Filmstudio, der Produzent, Regisseur, die Hauptdarsteller. Auch deshalb werden Lizenzen nur befristet vergeben und wenn dann – wie geschehen – Liv Tyler beschließt, dass sie nicht mehr als Arwen auf dem „Herr der Ringe“-Flipper auftauchen möchte, rollt die Kugel eben nur noch auf Altgeräten. Solche Markenrechte werden für Millionen gehandelt. Wer in die Branche einsteigen möchte, ein Tipp: Es gibt noch keinen Muppets-Flipper.

Bei solchen Summen müssen die Automaten enorme Auflagen erreichen, stellt der Laie sich vor, bringt die Kugel damit aber nicht ins Ziel. Zwar geben die Hersteller keine Auskünfte, ein Fachmann und Aficionado wie Elzholz kann aber trotzdem Größenordnungen nennen. Fünfstellige Zahlen werden selten erreicht, schon mit an die 10.000 Exemplaren gilt ein Flipper als Bestseller. Einer der bestverkauften der Neuzeit ist der Guns-N‘-Roses-Automat von 2020, den Slash mitentwickelt hat. Er ist nicht nur Gitarrist der Band, sondern auch Flipperfan. Auf dem ewigen Spitzenreiter prangt die Addams Family, die in den Neunzigern 21.000 Stück verkauften. Elzholz: „Die Addams Family war damals sehr angesagt und der Flipper war super.“

Der Spielspaß unterscheidet sich nämlich erheblich von Gerät zu Gerät. Selbst innerhalb einer Reihe, weil alle in Handarbeit entstehen. „Jedes Gerät hat seinen eigenen Charakter“, sagt Elzholz, „stell zehn nebeneinander, jeder spielt sich ein bisschen anders.“ Die Antithese zur Addams Family ist der „Star Wars“-Flipper: „Ein super komplizierter Automat, schwer zu verstehen. Außerdem geht nach wenigen Schüssen die Kugel weg. Man fragt sich, warum der überhaupt rausgekommen ist. Reines Franchise.“

Wobei die Spielbarkeit nicht für alle Käufer das entscheidende Kriterium ist. „Manche wollen nur den Beatles-Flipper und den dann nicht mal ausprobieren. Wir sagen zwar immer, das ist jetzt nicht so der geilste, aber die wollen halt einfach nur diesen. Ich bezweifle, dass die alle gespielt werden.“

Wer ein Top-Gerät ins Haus stellen will und das Portemonnaie weit genug aufmachen kann, investiert 25.000 Euro in die James Bond 60th Anniversary Edition. „Der macht total viel Spaß und wurde von einem der Top-Designer gestaltet“, weiß Elzholz, fügt aber an: „Dürfte eigentlich trotzdem nur ein Drittel kosten.“

Während in den USA in Penny Arcades (Spielhallen), Bars, Bowlingcentern und Family Entertainment Centern nach wie vor viel geflippert wird, ist eine breite Renaissance in Deutschland nicht in Sicht. Deshalb verkauft Pinball Universe vor allem an Privatkunden, gebraucht wie neu. Altgeräte fangen bei 4500 Euro an; der teuerste, der Anfang März 2024 im Verkaufsraum steht, ist ein Elvis-Flipper von 2004, der für 15.700 Euro ein neues Graceland finden könnte. „Den werden Sie in diesem Zustand wahrscheinlich nirgendwo anders finden, da sind keine 100 Spiele drauf.“ Wer irgendwo die AC/DC Limited Edition auftreiben kann, sollte mindestens 20.000 Euro einstecken.

Die Lebensdauer der Flipper ist im Prinzip unendlich. „Niemand schmeißt einen Flipper weg“, sagt Dirk Elzholz, „jedes Gerät lässt sich mit etwas Geduld und Zeit wieder instandsetzen.“ Ausreichend Platz ist allerdings erforderlich, weil: „Flipper sind Herdentiere. Ich kenne nahezu niemanden, der dauerhaft nur einen Flipper zuhause hat.“ Elzholz hat derzeit zwei; die größte Sammlung in Deutschland kennt er auch, die umfasst 350 bis 400 Geräte. Zwei bis acht sind der Normalfall. Elzholz: „Da könnte ich Ihnen allein in Osnabrück 250 Geräte in Man Caves und Lofts nennen.“

Sie alle haben eins gemeinsam: Kühe. Irgendwie haben die Schwarzbunten sich zum Running Gag entwickelt, seit ein Designer sie vor 30 Jahren erstmals mitflippern ließ. Als offene oder versteckte Darstellung. Viele Automaten lassen ein lautes Muuuuh hören, wenn man im Highscore als Spielernamen Moo eingibt.

Womöglich könnte man das sogar in Hundebellen oder Schafsblöken ändern – nicht, dass jemals jemand danach gefragt hätte –, aber es lässt sich eben alles modifizieren. Echte Cracks wechseln die Gummis auf den Flipperfingern wie Formel-1-Fahrer die Reifen: Bisschen mehr Grip oder weniger? Mehr Abrieb oder doch lieber nicht so viel? Härter oder weicher?

Im Schnitt weist ein Flipper 3000 Bestandteile auf, alle sind aus Holz, Metall, Glas oder Kunststoff. Außerdem wichtig im Innenleben: Mechanik und Elektronik.

4000 verschiedene Ersatzteile hält Pinball Universe ständig auf Lager. Enthusiasten investieren in entspiegeltes Glas oder einen Spielfeld-Protector, der wie Panzerfolie auf dem Handy wirkt, um zu verhindern, dass sich auf der Spielfläche Dimples bilden, kleine Dellen von den Kugeleinschlägen. Jedes Teil im Flipper kann ersetzt werden, jeder Automat ein Upgrade mit Moddings (Modifikationen) bekommen. Aufbauten ergänzen? Kein Problem, her mit dem Chimichanga-Truck von Deadpool.

Oder einer ruft an: „Irgendwie ist da kein Dampf mehr auf den Kellen.“ Dann gibt es halt neue Flippermechaniken, die oftmals millionenfach gedrückt werden. Kann man sich alles anzeigen lassen. Elzholz schaut schnell mal am „Teenage Mutant Ninja Turtles“-Flipper nach, der unten im Eventbereich steht, den man für Feiern mieten kann: „100 Spiele. Rechts 64.000-mal gedrückt, links 72.000.“

Da ist noch lange kein Update nötig. Aber irgendwann kommt die Zeit, dass bei Oli unten im Lager die Order eingeht. Oli muss nicht auf den Kalender schauen, um zu wissen, welche Jahreszeit ist. Wird es November, steigen die Bestellungen rapide an, „dann kann man draußen nix machen“, sagt er, „und die Leute fangen wieder an, ihren Flipper zu tunen.“