Stade Stich von Stade: Wie Imame und nicht die Polizei weitere Gewalt verhinderten
Erst wird ein Geschäft demoliert, dann ein Auto ausgebremst und der Fahrer am helllichten Tag niedergestochen. Die Polizei befürchtet einen Clan-Krieg in Stade – und wundert sich, warum es dann doch ruhig bleibt. Welche Rolle spielte ein Imam aus Essen?
Es ist Freitagnachmittag in Stade. Eine Gruppe von Männern dringt in eine Shisha-Bar ein, zerschlägt Scheiben, zerstört Mobiliar, versprüht Pfefferspray. Die Täter fliehen. Die Suche der Polizei bleibt zunächst erfolglos.
Etwa eine Stunde später auf der Brücke „Beim Salztor“ in der Innenstadt von Stade: Auf Höhe eines Imbiss krachen mehrere Autos ineinander. Später wird es heißen, der Unfall sei offenkundig Absicht gewesen und hänge vermutlich mit dem Angriff auf die Shisha-Bar zusammen. Der 35 Jahre alte Fahrer hätte gestoppt werden sollen.
Männer steigen aus. Es kommt zum Tumult, Fäuste fliegen. Auf Videoaufnahmen von Passanten sind Polizisten zu erkennen, die in der Situation arg hilflos wirken. Sie waren offenbar zufällig nach dem Ramm-Manöver schnell zur Stelle. Die Beamten können aber nicht verhindern, was passiert: Ein Messer wird gezogen und in den Kopf des 35-Jährigen gestochen. Er wird unmittelbar vor einem Streifenwagen schwer verletzt, stirbt später im Krankenhaus. Der Messerstecher entkommt.
In Stade und Umgebung herrscht Ausnahmezustand. Die örtliche Polizei ruft nach Unterstützung, die Einsatzbereitschaft aus Lüneburg rückt an. Beamte sichern die Eingänge von Krankenhäusern, in denen Verletzte der Auseinandersetzung liegen. Überall im Stadtgebiet sind Sirenen zu hören und Uniformen zu sehen. Die Polizei fürchtet offenbar, dass die Lage noch weiter eskaliert; Straßenkampf nach dem Mord auf offener Straße, eine Blutfehde in Stade.
Der mutmaßliche Täter und das Opfer gehören zwei arabisch-stämmigen Großfamilien an: den Miris, so heißt es, und den El Zeins. Beide Nachnamen werden von Ermittlungsbehörden und Medien häufig in Verbindung gebracht mit sogenannter Clan-Kriminalität. Beiden Großfamilien werden Tausende Mitglieder in Deutschland zugerechnet, von denen allerdings nur die allerwenigsten tatsächlich auch kriminell sind.
Videos der Tat und erst recht die Todesnachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer in sozialen Netzwerken. Mitglieder der mutmaßlichen Täter-Familie werden darin als Hunde und Köter beschimpft. „Möge Allah euch verfluchen und vernichten“ heißt es. Immer wieder wird betont, dass das Opfer („ein wahrer Löwe“) besonders ehrenlos während der Fastenzeit umgebracht worden sei.
In Stade scheint an diesem Freitag alles möglich, die Nerven liegen blank. Erst vergangenen Herbst hatten Auseinandersetzungen im Ruhrgebiet bundesweit für Diskussionen gesorgt. Große Gruppen von Männern prügelten aufeinander ein. Auch sie wurden – teils vorschnell – dem Clan-Milieu und arabisch-stämmigen Großfamilien zugeordnet. Die Staatsmacht wirkte hilflos angesichts der Gewaltbereitschaft.
Nach der Bluttat in Stade fürchtet die Polizei nun offenbar, dass sich diese Szenen wiederholen. Aus dem Ruhrgebiet – hier leben viele Mitglieder der Familie El-Zein – machen sich tatsächlich Menschen auf den Weg nach Niedersachsen. In der Kolonne fährt auch ein Fahrzeug aus Essen, an Bord: zwei Imame der örtlichen Salâhud-Dîn Moschee. Es scheint, als seien sie es, die in der Folge dafür sorgen, dass es in Stade ruhig bleibt. Das legen gemeinsame Recherchen unserer Redaktion und des „Stader Tageblattes“ nahe.
Alaá El Sayed ist Vorstand und Sprecher der Moscheegemeinde. Er bestätigt: „Unsere Imame sind noch am selben Abend nach Stade gefahren, um zumindest auf der Seite des Opfers zu deeskalieren. Sie genießen nicht nur als Imame großen Respekt. Sie sind auch die Onkel des Opfers. Das verleiht ihren Worten natürlich besonderes Gewicht.“
Neben den Todesnachrichten und den Verfluchungen macht in den sozialen Netzwerken auch ein Video des Imam-Einsatzes die Runde: Ruhig spricht Shaykh Muhammad Munir El Zein in ein Mikrofon. Vor und hinter ihm sitzen Dutzende Männer. Sie lauschen den Worten des Mannes. Das Video ist bearbeitet worden und ein Schriftzug in die obere Hälfte eingebaut worden: „Stellungnahme der Familie El-Zein“.
„Unser Imam stellt darin klar, dass Deutschland ein Land ist, in dem Gesetze und Ordnung herrschen. Das gelte es zu akzeptieren“, sagt Gemeindesprecher El Sayed. Auch wenn man wisse, wer der Messerstecher ist, oder aus welcher Familie er stammt, sei es Sache von Polizei und Justiz, den Täter festzunehmen und zu bestrafen. Das Video ist allein auf Tiktok mittlerweile mehr als 100.000 Mal angesehen worden. Der Appell scheint Wirkung gezeigt zu haben.
Es sei in der Folge in Stade ruhig geblieben, bestätigte auch die Polizei. „Nach der Auseinandersetzung vom Freitag gab es keine weiteren Vorfälle. Die Polizei geht nicht von einer erhöhten Gefährdung der Bevölkerung in Stade aus“, heißt es in einer Mitteilung. Trotzdem würden verstärkt Streifen im Stadtgebiet unterwegs sein.
Der Bevölkerung soll offenbar das Gefühl von Sicherheit nach der Gewaltexplosion vermittelt werden, die am Ende wohl vor allem Imame eindämmen konnten. Gemeindesprecher El Sayed legt auf eine Sache Wert: „Was der Imam gemacht hat, ist keine Paralleljustiz. Er sagt ja explizit, dass ein deutsches Gericht das Urteil sprechen muss.”
Auch dies war angesichts der Vorgänge im Ruhrgebiet diskutiert worden: Erst ein sogenannter Friedensrichter soll für eine Verständigung zwischen den rivalisierenden Gruppen gesorgt haben. Die aufgeheizte Stimmung im Ruhrgebiet kühlte danach ab. Der Essener Imam sei in dem Sinne auch kein Friedensrichter, sagt Gemeindesprecher El Sayed, „auch wenn er in dem Moment Frieden stiftet. Was wäre die Alternative? Eine Blutfehde?“
So weit kam es nicht. In Stade hat die Mordkommission die Ermittlungen aufgenommen. Vom Täter fehlt weiter jede Spur. Passanten werden aufgerufen, Videoaufzeichnungen und Fotos einzuschicken, die im Umfeld der Tat entstanden sind. Auch die Hintergründe des Konflikts sollen ausgeleuchtet werden.
Gemeindesprecher El Sayed warnt vor vorschnellen Urteilen. „Ich empfinde es als diskriminierend, dass das grauenhafte Verbrechen an dem jungen Mann nun vorschnell dem Bereich der Clan-Kriminalität zugeordnet wird“, sagt er. Beiden Familien gehörten viele vollkommen unbescholtene Menschen an, und auch das Opfer habe nichts mit Clan-Kriminalität zu tun gehabt. Sein Leichnam ist mittlerweile in den Libanon überführt, wo er beigesetzt werden soll.