Hamburg  Åland und Gotland: Das sind die neuen Nato-Inseln in der Ostsee

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 29.03.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eindeutig: Plakate vor dem russischen Konsulat in Mariehamn. Foto: IMAGO/Lehtikuva/Niclas Nordlund
Eindeutig: Plakate vor dem russischen Konsulat in Mariehamn. Foto: IMAGO/Lehtikuva/Niclas Nordlund
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Hotspot Ostsee: Bis auf Russland sind nun alle Anrainerstaaten Teil der Nato. Doch was bedeutet das strategisch, und ist die Ostsee nun wirklich ein „Nato-Meer“? Experten meinen: auf keinen Fall.

So hatte sich Wladimir Putin das eher nicht gedacht: Sein Angriffskrieg auf die Ukraine hat nicht (nur) in Deutschland, sondern vor allem an der Nordflanke der Nato zu einer wahren Zeitenwende geführt. Mit zwei skandinavischen Ländern, die jahrzehntelang viel auf ihre Neutralität gaben, sind Finnland und Schweden nun Teil der Nato. Damit verdoppelt sich nicht nur schlagartig die russische Landgrenze zur Nato mit 1300 zusätzlichen Kilometern in Finnland, sondern auch die Ostsee ist jetzt von Nato-Anrainern fast umringt. Fast – denn mit St. Petersburg hat Russland immer noch einen bedeutenden Ostseehafen und mit seiner militärisch hochgerüsteten Exklave Kaliningrad einen starken Flotten- und Luftwaffenstützpunkt.

Dem gegenüber stehen mit dem schwedischen Gotland und dem zum Finnland gehörigen Åland-Archipel einige strategisch günstig gelegene Inseln, die nun Teil der Nato sind.

Das schwedische Gotland galt schon zu Zeiten der Hanse als „Tor zur Ostsee“. Von hier lassen sich unter anderem die wichtigen Seewege ins Baltikum kontrollieren. Seit 2005 waren in Gotland nur Kräfte der Heimwehr, der Freiwilligentruppe innerhalb der schwedischen Streitkräfte, stationiert. Das änderte sich nach der russischen Annexion der Krim: 2015 begann Schweden mit einer Re-Militarisierung und schickte Soldaten auf die Insel. Seit dem russischen Vollangriff auf die Ukraine ist auch die Nato in dem Seegebiet um Gotland wieder präsenter.

Anders ist die Lage auf den Åland-Inseln. Das Archipel am Eingang zum Bottnischen Meerbusen ist aufgrund völkerrechtlicher Verträge demilitarisiert. Die Inseln haben innerhalb Finnlands einen Sonderstatus und genießen weitgehende Autonomie. Außenpolitisch werden die aus historischen Gründen stark schwedisch geprägten Inseln von Finnland vertreten, es gibt zudem Verteidigungspläne der finnischen Armee, die im Ernstfall schnell dort hinverlegen könnte. Die Bewohner der Inseln sind von der finnischen Wehrpflicht befreit – tatsächlich aber steigt die Zahl derer, die freiwillig ihren Wehrdienst in der finnischen Armee leisten wollen, seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine an. Regelmäßig finden in der Hauptstadt des Archipels Mariehamn Demonstrationen vor dem russischen Konsulat statt, das es tatsächlich dort noch gibt. Ironischerweise wollte die damalige Sowjetunion mit ihrem Konsulat angeblich die Demilitarisierung der Inseln überwachen – obwohl sie die Verträge, die den Status der Ålands als entmilitarisierte Zone festschreiben, als einzige nie ratifiziert hat. In Wahrheit diente der diplomatische Stützpunkt auch während des Kalten Krieges wohl eher der Informationsgewinnung.

Nach dem finnischen Nato-Beitritt gab es Forderungen, das russische Konsulat in Mariehamn endlich zu schließen. Doch angesichts der Tatsache, dass ohnehin nur noch der russische Konsul und seine Frau dort leben, hat Finnland beschlossen, das Kuriosum weiter zu tolerieren.

Doch auch wenn mit Gotland und Åland nun zentrale Punkte der Ostsee sowie fast alle Anrainerstaaten der Nato angehören, warnen Experten davor, von ihr als einem „Nato-Meer“ zu sprechen: „Das wird oft salopp so behauptet“, sagt etwa der Historiker Michael Jonas. Er ist Professor an der Helmut Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg und forscht als Experte für Sicherheitspolitik im Ostseeraum am German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). Mit dem Politikwissenschaftler Julian Pawlak kommt er in einer gemeinsamen Analyse zu dem Schluss: „Die Vorstellung von der Ostsee als Nato-Binnenmeer lässt die militärische Bedrohung etwa durch die russische Exklave Kaliningrad völlig außer acht. Sie suggeriert eine sehr weitreichende Kontrolle der Region durch die Nato, die sie dort so aber nicht hat.“ Zudem gehe eine solche Vorstellung auch recht nonchalant darüber hinweg, dass es „immer noch die Freiheit der See und das Recht zur friedlichen Durchfahrt gibt“, sagt der Experte im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Allerdings erfährt die Nato mit den vorhandenen finnischen und schwedischen Ressourcen schon einen beträchtlichen Fähigkeitsgewinn im Ostseeraum, sowohl militärisch als auch nachrichtendienstlich“, sagt Michael Jonas. Beide Länder, vor allem aber Finnland, verfügten durch die jahrelange Beobachtung erst der UdSSR und dann des postsowjetischen Russlands über eine „hochentwickelte Russland-Expertise“, die der Nato nun zugute komme.

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