Gestohlenes Van-Gogh-Bild Sechs Millionen Euro in einer Ikea-Tasche
2020 wurde es gestohlen, nun ist ein wertvolles Gemälde des Künstlers Vincent van Gogh wieder in Groningen zu sehen. Das Bild wiederzubeschaffen, erforderte echte Detektivarbeit.
Groningen - Schnell ein paar Bilder aufhängen und das war’s dann auch fast schon? Dass hinter den Kulissen einer Ausstellung wesentlich mehr passiert, zeigt das aktuelle Beispiel „Behind the Scenes“, mit dem das Groninger Museum sein 150-jähriges Bestehen feiert. Gleichzeitig gibt es darin einen Vorgeschmack auf eine im selben Haus Ende November beginnende Ausstellung mit Werken von Vincent van Gogh.
Eines seiner Ölgemälde, das gestohlen und über drei Jahre verschwunden war, kann nun erstmals wieder besichtigt werden. Während einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung von „Behind the Scenes“ verrieten der niederländische Kunstdetektiv Arthur Brand und der deutsche Direktor des Groninger Museums, Andreas Blühm, wie sie mit der Polizei das Gemälde aufgestöbert und zurückgeholt haben. Dabei spielte eine Ikea-Tasche eine buchstäblich tragende Rolle.
Dieb zertrümmerte mit einem Hammer die Vitrine
Das gestohlene Ölgemälde von van Gogh, auf dem der väterliche Pfarrgarten in dem Örtchen Neuen abgebildet ist, entstand 1884. In den frühen 1960er Jahren gelangte es in den Besitz der Kommune Groningen und wurde 2020 an ein Museum in Laren ausgeliehen. Dort zerschlug ein Täter in der Nacht zum 30. März – sinnigerweise dem 167. Geburtstag von van Gogh – mit einem Vorschlaghammer zwei gläserne Türen und entwendete gezielt nur dieses eine Bild, dessen Wert Fachleute auf mindestens sechs Millionen Euro schätzen.
Die Ausstellung
Die Schau „Behind the Scenes“ im Groninger Museum läuft bis zum 1. Juni 2025. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.
Bei solchen Diebstählen geht es jedoch selten ums Verkaufen oder Lösegeld. Meistens stecken dahinter „organisierte Banden, die über die Rückgabe eines wertvollen Gemäldes Strafmilderungen für ihre Mitglieder erpressen wollen“, erklärt Brand, der sich in und mit dieser Szene bestens auskennt. Er hat bereits mehr als 200 Werke im Gegenwert eines dreistelligen Millionenbetrags wiederbeschafft. Der Kunstdetektiv gilt in der Branche als eine Art Indiana Jones, dem selbst manche seiner kriminellen Kontrahenten Respekt zollen.
Ein einst überführter Kunstdieb half bei der Suche
Ein von ihm überführter Dieb, der einst unter anderem auch Gemälde von van Gogh gestohlen hatte, bot ihm prompt seine Hilfe an, nachdem der Raub in Laren publik geworden war. „Er wollte nicht erneut unter Verdacht geraten“, erzählt Brand. „Und ich glaube, er fühlte sich außerdem wohl ein bisschen in seiner Ehre gekränkt, dass jemand so dreist war, ihn zu kopieren.“
Tatsächlich konnte der wahre Täter im April 2021 dingfest gemacht werden. Er wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. „Dass die Strafe so hart ausfiel, lag nicht zuletzt an dem hohen Wert des Bildes“, betont Brand. Allein schon deswegen lohne sich Kunstraub eigentlich nicht, zumal die Deals um Strafmilderung ohnehin kaum noch praktiziert würden, so der Experte.
Das Bild lag zwischen mit Blut befleckten Kissen
Allerdings blieb das besagte Gemälde von van Gogh verschwunden, bis sich im Zuge der Recherchen irgendwann jemand, der nachweislich nichts mit dem Raub zu tun hatte, bei Brand meldete, um ihm das Bild im September 2023 in seiner Wohnung in Amsterdam zu übergeben; verpackt in einer Ikea-Tasche zwischen mit Blut befleckten Kissen. Der Mittelsmann meinte, „er habe sich geschnitten“, erinnert sich Brand. „Ich bin da aber lieber nicht weiter drauf eingegangen.“
Anschließend informierte er den Groninger Museumschef Andreas Blühm, der in einem nahe gelegenen Café wartete. Dieser bestätigte die Echtheit des Werks und brachte es mitsamt Verpackung zum Amsterdamer Van-Gogh-Museum. „Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, mit einem Millionen Euro teuren Gemälde in so einer Tasche zwischen nichts ahnenden Passanten durch die Gegend zu laufen“, gesteht Blühm während der Pressekonferenz.
„Pfarrgarten von Neuen“ ist wieder in Groningen zu sehen
Mittlerweile ist „Der Pfarrgarten von Neuen im Frühjahr“ nach Groningen „heimgekehrt“. Die Wände des Ausstellungsraums sind verziert mit einem riesigen Comic-Strip von der renommierten niederländischen Cartoonistin Barbara Stok. Sie hat die wechselvolle Geschichte des Bildes, das im Laufe der Jahre noch einiges mehr hat durchmachen müssen, in 26 Szenen nachgezeichnet, angefangen mit Vincent van Gogh im Jahr 1884 beim Malen über den spektakulären Raub bis hin zur Wiederbeschaffung.
Ergänzend dazu können Besucher sich an einem Monitor Skizzen des Künstlers und Fotos mit der Restaurateurin anschauen. Ein paar kleine Macken, die zum Teil auch nach wie vor sichtbar sind, hat das Werk durch den Diebstahl nämlich abbekommen. Ebenfalls zu sehen ist die Ikea-Tasche, in der es transportiert wurde. Sie befindet sich ähnlich wie das Pfarrgarten-Gemälde in einer gesicherten Vitrine, und in beiden Fällen gilt: Nur gucken, nicht anfassen.
Besucher erhalten Zugang zum Depot
An anderer Stelle von „Behind the Scenes“ dürfen und sollen die Besucher hingegen interaktiv eingreifen. So können bei bestimmten Exponaten unterschiedliche Bilderrahmen und Beleuchtungseffekte ausprobiert werden. Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung diverse Höhepunkte aus dem reichhaltigen Fundus des Hauses, wie etwa ein um 1610 entstandenes Gemälde des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens, eine Spiegel-Skulptur des US-Künstlers Jeff Koons und ein Porträt des Jazz-Trompeters Miles Davis von dem legendären Fotografen Anton Corbijn.
In einem weiteren Raum stehen Möbel und Bilder aus dem alten Groninger Museum, das im 19. Jahrhundert zunächst in einem Zimmer der städtischen Provinzverwaltung untergebracht war und anfangs als „Raritätensammlung“ firmierte. Der heutige Standort in dem futuristischen Gebäude auf der Museumsinsel gleich gegenüber vom Hauptbahnhof wurde 1994 eröffnet. Schließlich gewährt die aktuelle Ausstellung auch noch einen Blick ins Depot, das sonst nicht zugänglich ist, weil es normalerweise als Lager dient. Jetzt werden dort verschiedene Skulpturen und Designer-Objekte gezeigt.