Appen Ernährungs-Doc Riedl erklärt, wie Ernährung und Depressionen zusammenhängen
„Du bist,was Du isst“ ist eine uralte Weisheit. Wir haben uns von NDR-Ernährungs-Doc Matthias Riedl erklären lassen, ob Ernährung wirklich unsere Psyche beeinflusst und ob man mit dem richtigen Essen Depressionen heilen kann.
„Wir haben ein Empathieproblem“, sagt Matthias Riedl. Mit „wir“ meint der NDR-Ernährungs-Doc nicht sich und einzelne, sondern die Welt oder mindestens Deutschland. Dieses sei auch auf die Ernährung zurückzuführen, vermutet der Experte aus Appen. Dass sich die Ernährung auf unser Gehirn auswirkt, zeigen auch Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem, was wir zu uns nehmen und psychischen Erkrankungen beziehungsweise der Stressresistenz untersuchen.
„Wir gehen davon aus, dass Ernährung und Depressionen zu 30 Prozent miteinander zusammenhängen“. Riedl bezieht sich damit unter anderem auf eine Studie, die ergeben hat, dass der chronische Konsum von Zucker sich ähnlich wie frühkindlicher Stress auf das Gehirn auswirkt – und die Entwicklungen von psychischen Krankheitsbildern, wie einer Depression, im Erwachsenenalter bedingt.
Eine australische Studie von 2017 hat die Wirksamkeit eines Programms zur Verbesserung der Ernährung zur Behandlung schwerer depressiver Episoden untersucht. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass sich die richtige Ernährung positiv auswirke.
Hilfreich soll sein, das Bauchfett zu reduzieren, weil dieses entzündungsfördernde Hormone produziert. Bei Personen mit Übergewicht sowie bei Menschen mit Depressionen konnten erhöhte Zytokinwerte – das sind Entzündungsbotenstoffe – nachgewiesen werden, die unter anderem die Produktion von Serotonin im Gehirn beeinflussen.
Er habe bereits diverse Patienten mit Depressionen behandelt und konnte schwere Depressionen in mittlere und mittlere in leichte Depressionen verwandeln, erzählt Riedl. Es sei sogar gelungen, eine mittelschwere Depression zu heilen: Der Ernährungs-Doc berichtet von einer Long-Covid-Patientin, die auch im Format „Die Ernährungs-Docs“ gezeigt wurde.
„Sie ist erschöpft, depressiv, kurzatmig und wird von heftigen Kopfschmerzen geplagt. Für die 35-jährige ist damit nichts mehr, wie es mal war“, heißt es in der Folgenbeschreibung. Nach einem halben Jahr der Ernährungsumstellung seien von 25 Long-Covid-Symptomen nur drei übrig geblieben, berichtet Riedl im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die Depression war komplett verschwunden, die Antidepressiva konnten abgesetzt werden.“
Im Umkehrschluss bedeutet das aber ja, dass es Ernährungsformen gibt, die eine Depression begünstigen. Welche das sind, weiß Riedl: „Eine Ernährung, die arm ist an Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren- und Gemüse“.
Da es Menschen mit Depressionen durch die Erkrankung schwerfallen kann, den Alltag zu bewältigen, kommt es vor, dass gerade das Essen oder die Zubereitung einer gesunden Mahlzeit – und damit die Aufnahme wichtiger Nährstoffe – zu kurz kommen.
In diesem Fall Supplemente, also Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate, zu sich zu nehmen sei allerdings auch keine richtige Lösung. Riedl rät grundsätzlich vom Konsum dieser ab, sofern es keine ärztliche Absprache dazu gibt. Und das hat seinen Grund. Nahrungsergänzungsmittel zählen als Lebensmittel und fallen demnach nicht unter das Arzneimittelgesetz. Daher gibt es bei Supplementen, die in der Drogerie oder im Internet erhältlich sind, anders als bei Arzneimitteln keine Zulassungsverfahren, in denen klinische Studien zur Wirksamkeit vorgelegt werden müssen.
Das alleine ist aber nicht der Grund, wie Riedl erklärt. Ist die Einnahme nicht ärztlich abgesprochen, kann es zu Überdosierung kommen, weiß der Experte. Zur Überdosierung von Vitamin D schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) beispielsweise: „Neben einem Mangel kann es ebenfalls zu einer Vergiftung (Intoxikation) mit Vitamin D kommen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Vitamin D als fettlösliches Vitamin im Fett- und Muskelgewebe gespeichert werden kann“. Im schlimmsten Fall kann die Überdosierung zu Herzrhythmusstörungen, Nierenschädigung, Bewusstlosigkeit führen. Laut RKI kann sie sogar tödlich enden.
Bei Depressionen können, wie Riedl sagt, unter anderem Omega-3-Fettsäuren helfen. Statt diese aber als Nahrungsergänzungsmittel zu konsumieren, sollten sie besser in Form von Fisch, Nüssen, Gemüse wie Spinat, Bohnen oder Avocado oder Samen aufgenommen werden.
Wichtig ist: Auch wenn eine Ernährungsumstellung sich positiv auf Depressionen auswirken kann, eine Therapie ersetzt sie nicht. Die gesunde Ernährung wirkt ergänzend.
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