Eine Lebensgeschichte  Wie eine Ostfriesin mit viel Hightech das Hören lernte

| | 04.04.2024 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Meike Hillers hat mit zehn Jahren ein Cochlea-Implantat bekommen. Der Sender wird am Kopf mit einem Magneten befestigt und sitzt normalerweise unter den Haaren. Foto: Ortgies
Meike Hillers hat mit zehn Jahren ein Cochlea-Implantat bekommen. Der Sender wird am Kopf mit einem Magneten befestigt und sitzt normalerweise unter den Haaren. Foto: Ortgies
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Meike Hillers ist taub und hat mit zehn Jahren ein Cochlea-Implantat bekommen. Seitdem erobert sie die Welt der Hörenden. Ihre Chefin Tomke Schulze aus Wiesmoor unterstützt sie dabei.

Wiesmoor/Wittmund/Oldenburg - Manchmal taucht Meike Hillers ab in eine Welt, die ganz ohne Geräusche auskommt. „Das ist für mich wie Meditation“, sagt die 24-Jährige. Dann verlässt sie die Welt der Hörenden. Bei ihrem Urlaub in Sri Lanka gab es diesen wertvollen Moment, als sie den Sprachprozessor ihres Cochlea-Implantats (CI) zum Baden im Indischen Ozean abgenommen hatte. Um sie herum waren nur noch die Wellen des salzigen Meerwassers, die Sonne und die unendliche Stille. Nichts lenkte sie ab. Dann ist taub sein eine Wohltat.

Das ist die der Welt, in der die gebürtige Wittmunderin seit ihrer Geburt lebt. Als sie etwa zwölf Monate alt war, stellten ihre Eltern fest, dass etwas nicht stimmte. Wenn ihre Mutter sie rief, reagierte sie nicht. Mit 15 Monaten bekam Meike Hillers ihre ersten Hörgeräte, bis auch die nicht mehr ausreichten. „Ich hatte meiner Mutter irgendwann erklärt, dass ich das Hörgerät auf der linken Seite nicht mehr tragen will, weil ich auf dem Ohr nichts mehr höre“, sagt Hillers.

Der Sprachprozessor besteht bei der Hörprothese von Meike Hillers aus einem Sender und einem Mikrofon mit Batteriefach, das sie sich hinter das Ohr klemmt. Foto: Ortgies
Der Sprachprozessor besteht bei der Hörprothese von Meike Hillers aus einem Sender und einem Mikrofon mit Batteriefach, das sie sich hinter das Ohr klemmt. Foto: Ortgies

Von den Lippen liest sie trotzdem noch

Damals begannen ihre Eltern dafür zu kämpfen, dass ihre Tochter ein Cochlea-Implantat bekam. Seit inzwischen etwa 40 Jahren werden diese Hörprothesen in Deutschland implantiert, selbstverständlich war der Eingriff damals trotzdem noch nicht. Im Alter von zehn Jahren bekam Meike Hillers schließlich ihr erstes Cochlea-Implantat. „Das CI war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist“, sagt sie heute und blickt ihrem Gegenüber dabei so fest in die Augen, das klar ist, wie ernst sie diesen Satz meint. Wer mit der schlanken jungen Frau redet, merkt nicht, dass sie eigentlich taub ist.

„Wenn man mir sagt, dass es nicht auffällt, ist das für mich die höchste Auszeichnung“, sagt sie und lächelt. Dafür hat sie hart trainiert, das Hören und das Sprechen – auch wenn es manchmal schwer war. Eine besondere Herausforderung beim Hören sind zum Beispiel der Unterschied zwischen „dem“ und „den“ oder Begriffe mit weichen H-Lauten – beides kann sie hören, aber nur schwer. „Solche Laute sind besonders schwer zu filtern“, erklärt Hillers. Es fällt nur auf, dass sie ihrem Gegenüber beim Sprechen ganz genau auf die Lippen schaut: „Ich lese noch immer zusätzlich von den Lippen und gleiche es mit dem Gehörten ab.“ Das macht sie zur Sicherheit. Vor allem bei Fremden.

Beim Fußballspielen bindet Meike Hillers die Haare über dem CI fest zusammen – damit es nicht herunter fällt. Foto: Ortgies
Beim Fußballspielen bindet Meike Hillers die Haare über dem CI fest zusammen – damit es nicht herunter fällt. Foto: Ortgies

Elektroden übernehmen die Aufgabe der Nervenzellen

Vielleicht ist die stille Welt für Meike Hillers jetzt auch deshalb so schön, weil sie jederzeit zurückkehren kann. Dann setzt sie ihren Sender an den Magneten unter der Kopfhaut, klemmt das Mikrofon an das Ohr und ist zurück in der Welt der Hörenden, von der sie schon als Kind unbedingt ein Teil sein wollte. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen hochgradig schwerhörig oder taub. Wie viele von ihnen mit einem Cochlea-Implantat leben, lässt sich ebenfalls nur schätzen. 40.000 sollen es inzwischen laut der Deutschen Cochlea Implant Gesellschaft sein. Jährlich kommen mindestens 5000 hinzu – auch diese Zahl ist geschätzt.

Der Name der Hörprothese kommt vom griechischen Wort für Schnecke und steht für die Hörschnecke im Innenohr. Hier leiten bei normal Hörenden 15.000 winzige Haarzellen Schall als elektrische Impulse über den Hörnerv an das Gehirn weiter. Dort werden sie entschlüsselt – also gehört. Bei Meike Hillers hatten immer mehr dieser Härchen den Dienst eingestellt. Mit dem Implantat übernahmen in die Schnecke eingeführte Elektroden diese Funktion. Die an sie von außen weitergeleiteten elektrischen Impulse stimulieren den Hörnerv und machen, dass Meike Hillers wieder hören kann.

Der Roboter im Kopf

Das Hören ist anders. „Manche sagen, es klingt wie eine Roboterstimme“, sagt sie. Ob das wirklich stimmt, kann sie nicht sagen. Zu lange ist es her: Wie damals die durch ihre Hörgeräte verstärkten Geräusche klangen, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Jemand, der es gut erklären kann, ist der YouTuber Robert Seeger. Er hört mit einem Ohr noch die Originalgeräusche und hat auf der anderen Seite ein CI. In einem Video (https://link.zgo.de/xd1Vmq) erklärt er, wie durch Training mit dem CI aus einem anfangs zusammenhangslosen Rauschen mit der Zeit Worte wurden.

Wie Meike Hillers hört er sie nicht im Ohr, sondern direkt im Kopf. Erst trainierte er Zahlen. Mit der Zeit tauchten diese Zahlen ganz deutlich in dem Rauschen auf. „Es war so, als würde in meinem Kopf jemand sitzen und die Zahl vorlesen, ganz klar, ohne Rauschen“, sagt Seeger. Dann kamen einzelne Worte dazu. Auch er spricht nach einem halben Jahr Training von einem Hören wie mit einem Computer erzeugt. Um das überhaupt wahrzunehmen, muss er sich sehr konzentrieren. Denn in seinem Kopf hat sich das Gehörte mit dem normal hörenden Ohr und das Hören mit Prothese miteinander verwoben.

Das Hören ganz neu lernen

Auf der Seite mit dem Implantat sei das Hören noch immer anstrengender, sagt Steeger. Meike Hillers weiß, wovon er spricht. Genau deshalb tut es ihr so gut, manchmal einfach in die Stille abzutauchen. Trotzdem: Als ihr Implantat etwa einen Monat nach der Operation eingeschaltet wurde, öffnete sich ihr eine ganz neue Welt. „Ich habe auf dem Rückweg nach Hause das erste Mal gehört, wie Autoreifen auf einer Straße im Regen klingen“, erinnert sie sich. Diese Frequenzen konnte sie vorher nicht hören, da konnten auch ihre Hörgeräte nicht helfen. „Sie verstärkten nur das, was ich noch hören konnte. Alles andere fiel weg.“

Mit ihrem CI lernte Hillers das Hören noch einmal ganz neu. Das ging noch einmal von vorne los, als sie mit 13 Jahren das zweite Implantat auf der anderen Seite bekam. „Aber damals wusste ich ja schon, was auf mich zukam“, sagt Hillers. Beim Verstehen der Sprache und auch beim Sprechen musste sie mit dem CI viel aufholen. Lange war durch ihre Schwerhörigkeit nur eingeschränkt möglich, was für andere Kinder ganz normal ist.

Der Hörnerv muss trainiert werden

Nachdem sie die Kindergartenzeit in einer Gruppe unter Schwerhörigen verbracht hatte, kam sie an eine Regelschule und blühte auf. „Wenn du nur unter Menschen mit einer Hörbehinderung bist, hast du nur Menschen um dich, die auch Sprachfehler haben, wie du selbst“, sagt Hillers. Wie sollte sie da besser werden? Dann kamen die Implantate und je länger sie unter normal Hörenden trainierte, desto größer war der Lernerfolg. Als sie 15 Jahre alt war, konnte sie dank Reha und Hörtraining schon richtig gut hören. „Der Hörnerv wurde immer stärker“, sagt Meike Hillers.

Jetzt ist sie genau da, wo sie immer sein wollte. Sie bewegt sich in der Welt der Hörenden – obwohl sie taub ist. Die Einschränkungen durch das Implantat hat sie aus dem Weg geräumt. „Als Kind wurde mir anfangs Sport mit dem CI verboten, damit der Magnet des Implantats nicht kaputt geht“, erinnert sie sich. Handball spielen war plötzlich für sie tabu. Aber damit wollte sie sich nicht abfinden. Heute wohnt sie mit einer Freundin in Oldenburg, spielt in der Frauenmannschaft der SV Post Oldenburg Fußball, fährt Longboard und war in Sri Lanka sogar Surfen – aber in aller Stille, weil ihre Hörprothesen nicht wasserfest sind.

Es gibt kaum noch Grenzen

Grenzen gibt es für sie kaum noch. Auch im Berufsleben ist sie angekommen. Nach einer Ausbildung bei Möbel Buss in Wiesmoor zur Gestalterin für visuelles Marketing arbeitet sie inzwischen für ihre damalige Ausbilderin Tomke Schulze aus Wiesmoor. „Sie ist meine Mentorin und gibt mir viel Sicherheit“, sagt Hillers. Schulze habe ihr geholfen, sich immer selbstbewusster in der Welt der Hörenden zu bewegen. „Inzwischen fällt es mir auch nicht mehr schwer zusagen, wenn ich einmal etwas nicht verstanden habe“, sagt Hillers.

Vor anderen zu sprechen, einen Vortrag zu halten – sei für Meike Hillers eine Überwindung gewesen, sagt Tomke Schulze und fügt dann lachend hinzu: „Manchmal muss man Meike daran erinnern, wie gut sie inzwischen ist.“ Als Schulze Möbel Buss verlassen hatte und sich mit dem Unternehmen Wohnraumstory selbstständig machte, stellte sie Meike Hillers ein. „Ich konnte nicht ohne sie sein“, sagt Schulze. Meike Hillers hilft Tomke Schulze jetzt dabei, Wohnkonzepte nach Kundenwunsch für Privatwohnungen, Geschäftsräume, Ferienwohnungen und Hotels zu entwickeln.

Die immer bessere Technik des CI macht dabei vieles leichter. „Anfangs habe ich nur ungern telefoniert“, sagt Hillers. Das hat sich geändert – inzwischen mag sie es sogar richtig gerne. Vor allem, weil sie ihr Telefon direkt über Blue Tooth mit dem Implantat verbinden kann – dann hört sie die Worte nicht mehr aus dem Raum, sondern sie werden direkt auf das Implantat übertragen. Das macht vieles leichter. Hillers greift zu ihrem Handy und spielt eine Sprachnachricht ihrer Mutter ab. „Ich höre sie nicht wie du, sondern direkt in meinem Kopf“, sagt Hillers und tippt sich oberhalb der Schläfe an den Kopf. Eine Sprachnachricht für einen tauben Menschen, das klingt vielleicht seltsam. Meike Hillers grinst. Für sie ist sowas inzwischen normal. Sie hat sich eine ganz neue Welt erobert – die Welt der Hörenden.

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