Wohnen in Aurich  Wie sich ein Unternehmer im XXL-Baugebiet eingerichtet hat

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 05.04.2024 20:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Enno Kruse hat sein Heim stilvoll möbliert. Fotos: Ortgies
Enno Kruse hat sein Heim stilvoll möbliert. Fotos: Ortgies
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Enno Kruse ist im November vergangenen Jahres in das neue Wohngebiet Im Timp eingezogen. Er war der Zweite, der dort Fuß gefasst hat. Wie lebt es sich zwischen Baumaschinen und halbfertigen Straßen?

Aurich - Wer sich einen Weg zu Enno Kruse bahnt, darf keine Angst um die Stoßdämpfer seines Autos haben − und um seine sauberen Schuhe auch nicht. Die Recha-Freier-Straße ist zwar befestigt, aber noch ein Provisorium. Sie zieht sich durch einen Teil des Auricher XXL-Wohngebiets Im Timp, das 2022 erschlossen wurde. Links und rechts von der Fahrbahn breitet sich dunkler Kleiboden aus. Vereinzelt ragen Grassoden aus der Fläche hervor. Der Regen der vergangenen Tage hat kleine Tümpel ins Erdreich gewaschen. Schön für Frösche und andere Tiere. Enno Kruse möchte die Natur lieber dort lassen, wo sie ist. Deshalb hat er vorgesorgt. Vier Matten liegen hintereinander an der Eingangstür seines Bungalows und im Flur. „Wenn Sie sich die Sohlen ordentlich abstreifen, dürfen Sie reinkommen, ohne die Schuhe ausziehen zu müssen“, sagt der Hausherr.

Das Umfeld des Bungalows von Enno Kruse ist noch eine Baustelle.
Das Umfeld des Bungalows von Enno Kruse ist noch eine Baustelle.

Ein Rundblick im Inneren des Gebäudes löst den Impuls aus, vielleicht doch zusätzlich in Überzieher aus Filz schlüpfen zu wollen. Das sind Schutzschuhe, wie man sie aus Museen kennt, die es aber in der Privatwohnung nicht gibt. Im geräumigen Flur stehen Stilmöbel, antike Schränke mit gedrechselten Säulen und reichem Schnitzwerk. Sie seien von einem Fachmann sorgfältig aufgearbeitet worden, erläutert Enno Kruse ganz nebenbei. Die Antiquitäten seien das Steckenpferd seiner Frau gewesen, die leider verstorben sei. Um besser auf das Alter mit seinen möglichen Einschränkungen vorbereitet zu sein, habe er vor etwas mehr als zwei Jahren den Entschluss gefasst, das gemeinsame Haus in Ochtelbur zu verkaufen und sich ein Grundstück im Wohngebiet Im Timp auszusuchen. 185 Grundstücke standen zur Auswahl − theoretisch.

Die Terrasse muss noch aufgemauert werden.
Die Terrasse muss noch aufgemauert werden.

Einige waren damals bereits verkauft oder reserviert. Investor ist Udo Fuhrmann mit seiner Auricher Projektentwicklungs-GmbH. Er hat der Stadt Aurich 2019 aus der Verlegenheit geholfen, als diese händeringend jemanden für das 22 Hektar große Areal suchte. Der ursprüngliche Investor war überraschend abgesprungen. Die Stadt selbst wollte das Baugebiet nicht entwickeln. Udo Fuhrmann wurde mit Kusshand genommen.

Aufteilung des Bungalows stand schnell fest

Durch verwandtschaftliche Kontakte erhielt Enno Kruse Kenntnis von dem neuen Baugebiet. „Ich wäre niemals in einen Wohnblock gezogen“, stand für den 83-Jährigen fest. Da fühle man sich doch schnell sehr eingeengt. Der aus Ostersander stammende Baustoffhändler wählte ein Grundstück aus, das nach hinten hinaus vom Haxtumer Schlot begrenzt wird. Es sei ihm wichtig gewesen, später nicht an allen vier Seiten von Gebäuden umgeben zu sein, sagt er. Er kaufte das 539 Quadratmeter große Grundstück im Sommer des vergangenen Jahres. Dann machte er sich Gedanken darüber, wie der Bungalow aufgeteilt werden sollte. „Das habe ich alles selbst erarbeitet und mir ausgedacht“, erklärt er nüchtern. Er habe Grundrisse gefertigt, Skizzen gemacht, sich Rat geholt und schließlich stand die Aufteilung der Räume fest.

Der Flur des Bungalows wirkt mit seinen Antiquitäten schon sehr einladend.
Der Flur des Bungalows wirkt mit seinen Antiquitäten schon sehr einladend.

Von dem großzügig bemessenen Flur aus sind weitere Zimmer erreichbar. Außer dem Schlafzimmer und dem Wohn-Essbereich ist das noch ein Gästezimmer, das derzeit vorwiegend als Büro genutzt wird. Durch die Küche gelangt man zur Speisekammer, dem Wirtschaftsraum und einer Werkstatt, bevor man in der Garage steht. Das Tor öffnet sich fast lautlos per Fernbedienung, wie es heutzutage Standard ist. Errichtet wurde der Bungalow in Holzrahmenbauweise von der Pewsumer Firma Lejo, die mit vormontierten Modulen arbeitet. Diese werden vor Ort aufgestellt und miteinander verbunden. Das Gebäude ist auf die Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen Einschränkungen abgestimmt. Es gibt keine Schwellen, die Türen sind breiter als gewöhnlich.

Der Blick geht weit in die Landschaft hinein

Auf 115 Quadratmetern kann sich Enno Kruse seit seinem Einzug im November vergangenen Jahres entfalten. Er war der Zweite, der sich in diesem Teil des Wohngebiets niederließ. Es wird wegen des Haxtumer Schlots als Wasserquartier bezeichnet. Reicht ihm der Platz aus? Der Hausherr deutet kommentarlos auf ein Foto, das an der Wand in der Küche hängt und das Umfeld seines ehemaligen Einfamilienhauses in Ochtelbur im Bild festhält. Es wurde im August 2023 aufgenommen und zeigt ein teilweise von Hecken gesäumtes Grundstück. Der Blick geht weit in die Landschaft hinein.

Enno Kruse führt sich anhand einer Bauskizze die Entwicklung des Gebiets Im Timp vor Augen.
Enno Kruse führt sich anhand einer Bauskizze die Entwicklung des Gebiets Im Timp vor Augen.

Früher habe er fast das Fünffache der Fläche zur Verfügung gehabt, die er jetzt nutzt, nicht zu reden von dem Grundstück, das rund 5000 Quadratmeter umspannte. „Man kann nicht mitten in der Stadt und auf dem Land wohnen“, ist er sich sicher. Man müsse Kompromisse machen. Es gebe Vorteile: So seien etwa die Energiekosten stark gesunken. Er heize mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe. Im Monat zahle er mit Strom im Schnitt rund 200 Euro. Dagegen könne man keine Einwände erheben, findet er. Früher habe er alleine für Gas im Monat 300 bis 400 Euro gezahlt.

Die Lage ist ideal

Wie sehr schränkt es sein Lebensgefühl ein, auf Betonmischer und Baufahrzeuge anschauen zu müssen? Also quasi mindestens noch die nächsten Monate, wahrscheinlich aber noch länger auf einer XXL-Baustelle zu leben? Enno Kruse winkt ab. Das mache ihm nichts aus. Er sei Realist. Derzeit stagniere die Bautätigkeit naturgemäß, weil viele Menschen wegen der hohen Zinsen und der Preisentwicklung zurückhaltend geworden seien. Aber: „Meine Erfahrung sagt mir, dass es nach einem Abwärtstrend auch wieder nach oben geht. Da bin ich ganz zuversichtlich.“ Derzeit seien rund 30 Häuser im Wohngebiet im Bau.

Seinen Esstisch hat Enno Kruse im Wohnzimmer aufgestellt.
Seinen Esstisch hat Enno Kruse im Wohnzimmer aufgestellt.

Er nimmt eine Planskizze des Baugebiets zur Hand. Dort sind alle bereits verkauften Grundstücke mit einem roten Punkt markiert. Enno Kruse blickt zufrieden auf die Zeichnung. Die Lage des Baugebiets rund zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt ist ideal. Der Radweg entlang des Ems-Jade-Kanals ist nur wenige Hundert Meter entfernt. Mit Touren auf seinem E-Bike hält sich Enno Kruse fit. Nach ausgedehnter Bewegung leistet er es sich gerne guten Gewissens, in einem der vielen Auricher Cafés zu sitzen und ein Stück Kuchen zu essen. „Als Rentner kann ich mir meine Tage ja einteilen“, sagt er augenzwinkernd und packt den Bauplan wieder in den Schreibtisch. Der Besucher merkt: Hier hat jemand offenbar alles richtig gemacht.

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