Hannover  Darum fürchten Kinder an niedersächsischer Schule den Gang zur Toilette

Maximilian Matthies
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Von Maximilian Matthies
| 05.04.2024 13:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Weil unter Tür hindurch gefilmt und fotografiert wird, trauen sich Schüler an einer Brennpunktschule in Hannover nicht mehr auf die Toilette zu gehen. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Weil unter Tür hindurch gefilmt und fotografiert wird, trauen sich Schüler an einer Brennpunktschule in Hannover nicht mehr auf die Toilette zu gehen. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
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Reizgas und Situationen mit Messern: An einer Schule in Hannover eskaliert die Gewalt. „Das ist verheerend“, sagt Schulleiterin Anja Mundt-Backhaus in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“. Einige Kinder trauten sich nicht mal mehr, auf die Toilette zu gehen.

An der IGS Stöcken in Hannover herrscht eine zunehmende Unsicherheit unter den Schülern: Gewalttaten und Bedrohungen auf dem Schulweg sorgen für Angst. Schulleiterin Anja Mundt-Backhaus gibt am Donnerstagabend bei „Markus Lanz“ im ZDF Einblicke in den erschreckenden Schulalltag.

Einige Heranwachsende trauen sich demnach nicht mehr auf die Toilette zu gehen, weil mit Handys unter den Türen hindurch oder darüber hinweg fotografiert oder gefilmt wird. Aufnahmen davon landen in den sozialen Netzwerken. Auf dem Schulweg kommt es zu Reizgasangriffen. „Da passiert viel, was den Kindern Angst macht“, sagt Lehrerin Imke Ebbing in einem Einspieler.

Im TV-Studio bei Markus Lanz ist Schulleiterin Anja Mundt-Backhaus zu Gast. Sie bestätigt die Schilderungen der Lehrerin an der Brennpunktschule und ergänzt: Eine Reizgasattacke habe es auch in einem Klassenraum gegeben. Am örtlichen Gymnasium sei es zu ähnlichen Vorfällen gekommen. „Es greift um sich“, stellt Mundt-Backhaus fest.

Wegen des Filmens und Fotografierens in den Toiletten, seien Gespräche mit dem Schulträger über bauliche Maßnahmen zum Schutz geführt worden. Dabei sei herausgekommen, dass viele Schulen über derartige Probleme klagten. Mundt-Backhaus urteilt: „Das ist verheerend, weil sich Kinder deswegen nicht mehr auf die Toilette trauen“.

Damit nicht genug: Konflikte, verbale Gewalt und Machtspiele unter den Schülern gefährdeten den Schulfrieden, sagt Mundt-Backhaus. Schüler hätten Gewaltsituationen erlebt, bei denen auch Messer im Spiel waren. Sie fühlten sich nicht mehr sicher. Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht bei „Markus Lanz“ von „einem neuen Phänomen“. Die Schulen seien mit der Situation „komplett überfordert“.

Was sind die Gründe für die ausufernde Gewalt? Mundt-Backhaus hatte sich bereits Anfang des Jahres mit einem Brandbrief an die Stadt Hannover gewandt. Die Pädagogin sagt, die Gesellschaft und Familien hätten sich in den vergangenen Jahren verändert.

An der IGS Stöcken sind nach ihren Angaben 900 Kinder aus 40 verschiedenen Nationen, viele Schüler besitzen einen Migrationshintergrund. Es käme vor, dass in einer Klasse bis zu sechs oder acht verschiedene Sprachen vertreten seien. Spracharmut betreffe aber nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Eltern würden zu wenig vorlesen und Kinder zu viel Zeit mit Smartphones verbringen. Aus dem enormen Einfluss der sozialen Netzwerke resultierten Probleme wie verbale Gewalt und Mobbing.

Angesichts dieser Zustände bekräftigt Karin Prien, Kultusministerin aus Schleswig-Holstein, bei „Markus Lanz“ ihre Forderung nach einem Handyverbot an Schulen. Die Nutzung sollte altersgerecht beschränkt sein, verdeutlicht die CDU-Politikerin. Für Grundschulen in ihrem Bundesland gelte dies bereits. Die Einrichtungen könnten dabei selbst entscheiden, ob Handys komplett verboten seien oder eingesammelt werden.

Auch interessant: Vorbild England? Debatte um Handyverbot an deutschen Schulen

Außer Smartphones und soziale Medien sieht Prien die „sozialen Verhältnisse, und zwar unabhängig vom Migrationshintergrund“ als weitere Ursache für zunehmende Gewalt. „Umso mehr Kinder unterschiedlichster Herkunft zusammenfinden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Konflikte stärker werden“, meint sie.

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