Vor 75 Jahren starb Johann Friedrich Dirks  Seine Platt-Pointen funktionieren auch im Whatsapp-Zeitalter

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 06.04.2024 17:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Johann Friedrich Dirks, dargestellt auf einem Ölgemälde von Ulfert Lüken aus dem Jahre 1937. Foto: privat
Johann Friedrich Dirks, dargestellt auf einem Ölgemälde von Ulfert Lüken aus dem Jahre 1937. Foto: privat
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Er war Journalist, Autor, Dichter: Johann Friedrich Dirks aus Emden. Als Sohn eines Zigarrenherstellers kam er zur Welt. Etliche seiner Sätze hielten Einzug ins Alltagsplatt.

Emden - Manches von dem, was er einst aufschrieb, hat sich bis heute in der plattdeutschen Alltagssprache als geflügeltes Wort gehalten; beispielsweise der Spruch: „Well weet, waar’t gaud för is.“ So lautete der Titel einer Erzählung von Johann Friedrich Dirks, der vor 75 Jahren am 31. März 1949 starb. 2024 wäre er 150 Jahre alt geworden. Seit 2013 gibt es einen nach ihm benannten Literaturpreis, der nun wieder ausgelobt wird.

Welche Rolle spielte Hermann Löns?

Johann Friedrich Dirks wurde am 9. Februar 1874 in Emden als Sohn eines Zigarrenherstellers geboren. Zunächst wollte er Buchdrucker werden und absolvierte die entsprechende Lehre. Als ihn das nicht mehr ausfüllte, fing er an zu schreiben und erregte damit die Aufmerksamkeit eines Verlegers, der ihm eine Ausbildung zum Journalisten ermöglichte.

In jungen Jahren hielt sich Johann Friedrich Dirks oft im Raum Hannover auf und machte dort die Bekanntschaft der Heimatschriftsteller Hermann Löns und Friedrich Freudenthal. Beide ermutigten den aufstrebenden Autor aus Ostfriesland, seine Texte zu veröffentlichen. Viele seiner frühen Werke erschienen deshalb in den Zeitschriften wie „Hannoverland“ oder „Niedersachsen“.

Die Rückkehr in die Heimat

Nachdem er mit seiner Frau, die er am 1. September 1900 in Bremen geheiratet hatte, nach Ostfriesland zurückgekehrt war, sollte seine Geburtsstadt Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens werden. „Johann Friedrich Dirks war Redakteur, Autor, Dichter. Vor allem aber war er Emder“, meint die Journalistin Ina Wagner in einem Blog-Beitrag über den Schriftsteller.

Diese Skulptur erhält der Preisträger des Johann-Friedrich-Dirks-Preises für Literatur. Archivfoto: Stadt Emden
Diese Skulptur erhält der Preisträger des Johann-Friedrich-Dirks-Preises für Literatur. Archivfoto: Stadt Emden

„Das alte Emden ist in seinen Erzählungen und Gedichten immer die Hintergrundfolie, vor der er die Menschen agieren lässt: den eitlen Snieder Fink, den honorigen Senator Klockgeter, den konservativen Ratsherren Hero Thiemen oder auch den Seemann Käp’t Pott. Dirks bevölkert seine Erzählungen mit Typen, die ihm seine Phantasie eingibt – und doch sind es auch Charaktere, wie man sie in der Hafenstadt antreffen könnte.“ Zwar verfasste Dirks auch hochdeutsche Texte. Am Herzen lag ihm aber das Emder Platt, so wie es um 1900 in der Hafenstadt gesprochen wurde.

Wenn Gedichte zu Liedern werden

Die literarischen Arbeiten von Johann Friedrich Dirks wurden außer in Kalendern und Sammelbänden hauptsächlich in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt und eroberten schnell einen umfangreichen Leserkreis. Einige seiner Gedichte wurden sogar vertont. Der Schöpfer des „Niedersachsenliedes“ Hermann Grote lieferte ihm die Melodie zu „Heimat am Meer“, das nach wie vor zum Standardrepertoire zahlreicher norddeutscher Chöre gehört.

„In Dirks Dichtungen vereinen sich Melancholie und unverdrossenes Smüsterlachen mit einem geerdeten Humor“, erklärt Ina Wagner. „Aber auch zur Satire ist er durchaus fähig. Insofern fängt er ein, was er auf der Straße hörte und erlebte. Der Poet in ihm verachtet dieses direkte Wort nicht, aber er veredelt es, und es entsteht Literatur.“

Pointen, die noch heute funktionieren

Häufig thematisiert Johann Friedrich Dirks in seinen hoch- und plattdeutschen Gedichten die Natur und die Jahreszeiten. Dabei verzichtet er auf die Stilmittel der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden experimentellen Lyrik und hält stattdessen an der konventionellen Strophen- und Reimform fest. Auch sonst zeigt er sich in seinen Ansichten als Traditionalist, der sich eher im 19. als im 20. Jahrhundert zuhause fühlte.

Nichtsdestotrotz wirken viele seiner Texte überraschend zeitlos, so wie das Vertellsel „Well weet, waar’t gaud för is“. Es handelt von einem Mann, der sich in eine Frau verliebt hat und nicht weiß, wie er sie am besten ansprechen oder vielleicht doch lieber anschreiben soll, obwohl es ihm eigentlich nicht an Gelegenheiten mangelt – eine Herausforderung, die auch der „Whatsapp“-Generation nicht fremd sein dürfte. Als sich der Protagonist endlich traut, direkt auf die Auserwählte zuzugehen, erlebt er eine faustdicke Überraschung, deren Pointe heute noch genauso wunderbar funktioniert wie im vorigen Jahrhundert.

Eindrücke von Spaziergängen in Emden

In seinen journalistischen Arbeiten gleitet Johann Friedrich Dirks ebenfalls gern ins Erzählerische ab. Paradebeispiele dafür sind seine in einer Emder Lokalzeitung publizierten Eindrücke von Spaziergängen in den 1930er Jahren, verbunden mit Erinnerungen an seine Kindheit. „Dann führt mich mein Weg weiter durch die Große Burgstraße, vorbei an hohen spitzgiebeligen Gebäuden und an kleinen Häusern zur Steinstraße“, heißt es da. „Ich schreite dort durch einen Gang und stehe vor einem alten verwitterten Gebäude. Und während ich in die Betrachtung des Gemäuers versunken bin, wird die Vergangenheit wach. Ein Mann mit sehr ernster Miene kommt langsamen Schrittes die Steintreppe herab. Er hat den Zeigefinger an die Nase gelegt, als wenn er über eine ernste Frage nachdenkt. Er ist gewiss ein Magister. Und ein zweiter kommt und ein dritter. Dann stehen sie zusammen und sprechen eifrig und machen ganz tiefsinnige Gesichter.“

Ein Preis zu Ehren des Dichters

Die Stadt Emden lobt den Johann-Friedrich-Dirks-Preis zu Ehren und zum Gedenken an den Emder Dichter aus. Er soll der Förderung der plattdeutschen Sprache dienen. Der Preis wird von der Familie Dirks gestiftet.

Zum 150. Geburtstag des Literaten wird der Preis in diesem Jahr zum sechsten Mal ausgelobt. Über die Vergabe entscheidet eine Jury. Sie besteht aus der Journalistin und Autorin Silke Arends, der Plattdeutschbeauftragten der Stadt Emden, Heike Dirksen, der Leiterin des Plattdeutschbüros der Ostfriesischen Landschaft, Grietje Kammler, dem Emder Kommunalpolitiker und Autor Erich Bolinius, aus dem Mundartschauspieler Jan Aden und dem gebürtigen Emder Radiomoderator Keno Bergholz. Den Vorsitz der Jury übernimmt künftig Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff.

Weitere Infos gibt es hier.

Ein Stückchen weiter des Wegs taucht plötzlich die breitschultrige Gestalt des längst verstorbenen „Püttgravers“ Rickelt Kujade auf, von dem man sich erzählte, „dass er, wenn er einen Brunnen graben musste, vorher Petroleum oder, wie wir es nannten, ‚Gas‘ trank, damit er gegen etwaige Gasgifte immun war“, berichtet Johann Friedrich Dirks. „Rickelt Kujacke gräbt keine Pütten mehr; er ist schon vor Jahren in die Heimaterde, die er so oft mit seinem Spaten bearbeitete, gesenkt worden. Auch der Deich ist nicht mehr vorhanden. Als der alten Emsstadt das Kleid zu eng wurde, hat man ihn abgetragen. Ebenso ist der Burggraben, auf dem wir im Sommer immer auf den Flöttjes spielten, und im Winter schöfelten oder das waghalsige ‚Schörske over‘ liefen, der Stadterweiterung zum Opfer gefallen. Er wurde zugeschüttet. Beides war notwendig, aber mit Pütten und Deich ging ein Stück aus meiner abenteuerlichen Kindheit dahin.“

Was nach seinem Tod geschah

Als Johann Friedrich Dirks am 31. März 1949 starb, monierte sein langjähriger Freund und Emder Schriftstellerkollege Berend de Vries in einem Nachruf: „Sein Bestes und Eigenstes liegt in Buchform noch nicht vor.“ Tatsächlich dauerte es mehr als 50 Jahre, bis 2002 eine umfassende Werkschau herauskam, bezeichnenderweise mit dem Titel „Well weet, waar ’t gaud för is“. Neben Erzählungen, Gedichten und Liedern enthält sie ein bisher unveröffentlichtes Theaterstück von 1923.

„Raadsherr Hero Thiemen“ ist ein „eernst Spööl“ in vier Akten. Der Inhalt „– eine verleugnete voreheliche Beziehung mit Folgen – mag an Dramatik verloren haben, doch die moralischen Maßstäbe sind solche, dass sie auch heute durchaus noch Anlass zum Nachdenken geben“, steht dazu im Vorwort nachzulesen. „Das Thema, seinerzeit sicherlich für einen Skandal gut, entfaltet sich ohne Umschweife und wird in gebotener Kürze straff und zielgerichtet durchgeführt. Die Personen sind sorgsam gezeichnet, lassen aber dem Spieler genügend Raum, sich auszuleben.“ Warum das Stück in der Schublade verschwand, darüber kann man nur mutmaßen. Fürchtete Dirks wirklich einen Skandal und existierte womöglich ein reales Vorbild, das sich kompromittiert gefühlt hätte? Immerhin spielt das Stück laut Regieanweisung „in en lüttje noorddütse Hafenstadt um’t Jahr 1904“. Auch im Verlauf der 1930er und 1940er Jahre wurden manche seiner Arbeiten „nur zögerlich oder gar nicht gedruckt“, wie es in dem Vorwort weiter heißt, jedoch ohne nähere Begründung.

Vom letzten Gedicht blieb nur ein Fragment

Von seinem letzten Gedicht ist lediglich ein Fragment erhalten. Nach Ansicht von Ina Wagner hat Johann Friedrich Dirks es bewusst auf Hochdeutsch verfasst, „als wolle er es nicht nur den Ostfriesen mitteilen, sondern vielen Menschen darüber hinaus“, so die Journalistin. Es heißt „Ruinen“ und schildert das vom Krieg zerstörte Emden: Ich laufe still mit trüben Sinnen/ durch meine alte, liebe Vaterstadt./ Und links und rechts und vor mir nur Ruinen,/ die ihr ein grauser Krieg geschlagen hat./ Die heimlich-stillen Winkel sind verschwunden,/ die grauen Zeugen der Vergangenheit. /Kein Glockenturm verkündet mehr die Stunden./ Verstummt ist auch das Tag- und Festgeläut.

Markante Zitate aus dem reichhaltigen literarischen Erbe von Johann Friedrich Dirks dienten seit 2013 auch als Leitspruch für den alle zwei Jahre von der Stadt Emden ausgelobten und nach dem Autor benannten Preis. Zuletzt wurden Trophäe und Preisgeld für „herausragende Leistungen im Bereich der plattdeutschen Sprache“ 2021 an die Emder Schriftstellerin Silke Arends, die Wittmunder A-Capella-Gruppe „Friesisch herb“ sowie zwei Grundschulen in Elsfleth und in Norden vergeben.

Die Verleihungszeremonie im Emder Rathaus konnte wegen der Corona-Pandemie erst im Februar 2023 stattfinden. Inzwischen hat sich eine neue Jury konstituiert. Die nächste Ausschreibung für den dann insgesamt sechsten Johann-Friedrich-Dirks-Preis 2025 soll noch im Verlaufe dieses Jahres erfolgen.

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