Krummhörner engagiert sich  Warum Autismus bei Frauen seltener erkannt wird als bei Männern

| | 08.04.2024 17:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund ein Prozent der Weltbevölkerung hat Autismus, Männer erhalten viermal häufiger eine Diagnose als Frauen. Symbolbild: Pixabay
Rund ein Prozent der Weltbevölkerung hat Autismus, Männer erhalten viermal häufiger eine Diagnose als Frauen. Symbolbild: Pixabay
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Nicht nur Männer haben Autismus, auch Frauen sind betroffen. Dennoch gibt es große Unterschiede in der Diagnostik zwischen Männern und Frauen. Die Gründe sind vielfältig.

Pewsum - Stilles Einkaufen ohne Reizüberflutung, Schwimmen für Autisten und regelmäßige Infoveranstaltungen: In der Krummhörn gibt es bereits einige Angebote für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Einer, der betroffen ist, ist Frank Fahr. Der Pewsumer ist Asperger-Autist und gründete 2022 den Verein „Heel wat besünners“ und war auch vorher schon in Selbsthilfegruppen aktiv.

Am 20. April 2024 soll in diesem Rahmen in Pewsum ein Informationsnachmittag stattfinden. Das Thema: Frauen aus dem Autismusspektrum in Schule und Bildung. Diesen Schwerpunkt hat Fahr nicht ohne Grund gewählt, denn noch immer wird Autismus bei Frauen weniger und später als bei Männern diagnostiziert.

Männer vier mal so häufig mit Autismus diagnostiziert

In seiner Tätigkeit hat Fahr bereits viele andere Menschen mit Autismus kennengelernt, darunter auch Frauen. Autismus ist längst keine unbekannte Nischendiagnose mehr. Rund einer von 1000 Menschen hat Autismus, schreibt das Umweltbundesamt. Dennoch wird Autismus bei Jungen viel öfter diagnostiziert als bei Mädchen. Über die Gründe für diese Differenz wird in der Medizin schon lange diskutiert.

Schaut man auf die Zahlen, sind Frauen mit Autismus fast schon eine Besonderheit. Männer werden vier mal so häufig diagnostiziert, manche Mediziner gehen sogar von einem Verhältnis von eins zu sechs oder eins zu acht aus. Fahr sieht in seinem eigenen Umfeld eine andere Verteilung. Seit zwölf Jahren engagiert er sich in Selbsthilfegruppen, hat viele Autisten kennengelernt. Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern sei der Anteil von Frauen und Männern mit Autismus ähnlich groß. „Aus meiner Sicht ist das in der Krummhörn mindestens ein 50/50 Anteil“, sagt Fahr. Das ungleichmäßige Verhältnis zwischen den Geschlechtern kann er sich auch nur mit fehlenden Diagnosen erklären. „Falls doch so viel mehr Männer offiziell mit Autismus leben, dann heißt das vielleicht auch nur, dass noch eine Frau mehr undiagnostiziert lebt“, so Fahr.

Frank Fahr ist stolz auf seine Initiativen, zum Beispiel das Silent Shopping im Pewsumer Combi-Markt. Foto: Lars Penning/dpa
Frank Fahr ist stolz auf seine Initiativen, zum Beispiel das Silent Shopping im Pewsumer Combi-Markt. Foto: Lars Penning/dpa

Autismus bei Frauen oft mit ADHS verwechselt

Über die Ursachen von Autismus ist man sich in medizinischen Kreisen noch nicht ganz einig, viele konkrete Forschungsergebnisse stehen noch aus. Viele Forscher berichten aber von einer familiären Häufung von Diagnosen einer Autismus-Spektrum-Störung. Daher geht man unter anderem von einer genetischen Ursache aus. Unabhängig von den möglichen Ursachen bleibt es jedoch ein Fakt, dass bei Frauen deutlich seltener Autismus diagnostiziert werde als bei Männern, das nimmt auch Fahr wahr. Das Thema Autismus bei Frauen werde stiefmütterlich behandelt, so Fahr. Erst kürzlich habe er eine Tagung in Frankfurt am Main besucht, auch dort sei das Thema Autismus bei Frauen zur Sprache gekommen.

„Man hat erleben können, dürfen, müssen, dass in der Diagnostik bei Frauen einiges anders läuft“, sagt Fahr. Das liege vor allem an den Unterschieden in der Symptomatik zwischen Männern und Frauen. „Ich bin keine Frau, aber ich habe von verschiedenen Erfahrungsberichten einiges mitgenommen. Frauen sagen oft von sich selbst, dass sie hypersensibel seien, oder ADHS haben. Frauen halten sich eher für sensibel“, so Fahr. Dadurch gingen eigentliche Autismusdiagnosen manchmal unter, oder werden fälschlicherweise als ADHS diagnostiziert.

Diagnostik von nicht-autistischer Sprache geprägt

„Es ist schwierig, wenn man in der Diagnostik versucht, eine Frau nach männlichen Kriterien einzuschätzen“, sagt Fahr. Das sei ihm auch auf der Tagung in Frankfurt nochmals klar geworden, als es um das Thema Diagnostik und autistische Sprache ging. Frauen würden mehr umschreiben, mehr zwischen den Zeilen lesen. Solche Besonderheiten müssten dann auch in Gesprächen mit Menschen, bei denen der Verdacht auf Autismus besteht, reflektiert werden.

Allgemein wünscht sich Fahr, dass die Sprache in solchen Diagnosen mehr an autistische Menschen angepasst werde. Bisherige Tests zur Diagnostik verwenden nicht-autistische Sprache, so Fahr. „Oft werden Fragen gestellt, wie ‚Ich mag es nicht, auf eine Feier zu gehen‘, welche dann, vereinfacht ausgedrückt, von Patienten mit ‚trifft zu’ oder ‚trifft nicht zu’ beantwortet werden müssen.“ Besser wäre folgende Fragestellung: ‚Eine Feier mit vielen Menschen besuche ich nicht gerne.‘ Fahr sagt, die zweite Variante sei präziser und würde Menschen mit Autismus eher ansprechen. Deshalb strebt Fahr eine Anpassung der Diagnostik an, auch zum Vorteil von Frauen mit Autismus. „Es geht es nicht darum, den Inhalt der Fragen oder ähnliches zu ändern, sondern lediglich deren Umschreibung“, so Fahr.

Diagnostik hat sich stark verbessert

Doch nicht nur in der Diagnostik selbst, auch in der Bereitschaft zur Diagnostik sieht Fahr Abweichungen zwischen Männern und Frauen. „Wenn man Männer darauf hinweist und sie anspricht, dass gewisse Verhaltensweisen eventuell auf Autismus hinweisen und sie das vielleicht mal mit einem Arzt besprechen sollten, dann stößt das häufig auf Ablehnung“, so Fahr. Frauen seien empfänglicher für solche Hinweise.

Fahr freut sich aber, dass sich die Diagnostik von Autismus im Allgemeinen schon sehr verbessert hat. „Ärzte haben nun mehr Erfahrung mit der Problematik und auch Eltern und Schulen sind sensibilisierter“, sagt Fahr. Auch in der Krummhörn selbst hat Fahr noch viel vor. In der Region bestehe Bedarf an einer Art Lebensberatung für Menschen mit Autismus. „Da würden wir gerne etwas aufstellen, eine Art Anlaufstelle“, sagt Fahr.

Der nächste Programmpunkt des Vereins ist nun erstmal der Informationsnachmittag in der IGS Krummhörn. Am 20. April zwischen 14 und 18 Uhr geben zwei Referentinnen Vorträge über das Zusammenspiel von Autismus, Frauen und Bildung. Daneben gibt es Kaffee und Kuchen, auch zum Klönen ist Zeit. Über eine Anmeldung via heelwatbesuenners@ewe.net wird gebeten. Der Eintritt ist frei, der Verein freut sich über eine Spende.

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