Wohnen im Grünen  Baugebiet Im Timp stellt Klimaschützer nicht zufrieden

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 08.04.2024 13:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Gebäudekomplex mit Mehrfamilienwohnungen ist im Wohngebiet bereits fertiggestellt. Foto: Boschbach
Ein Gebäudekomplex mit Mehrfamilienwohnungen ist im Wohngebiet bereits fertiggestellt. Foto: Boschbach
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Das XXL-Baugebiet zwischen Extum und Haxtum gilt als „grünes“ Wohngebiet. Die Redaktion wollte wissen, welche Standards dort tatsächlich erfüllt werden müssen.

Aurich - Rasen, Acker, Wallhecken, so weit das Auge reichte. Dieser Anblick bot sich dem Betrachter noch vor wenigen Jahren, wenn er in der Straße Im Timp in Richtung Norden schaute. Jetzt erstreckt sich an dieser Stelle auf 22 Hektar zwischen Extum und Haxtum ein Baugebiet. Als vor mehr als sechs Jahren mit dessen Planung und Entwicklung begonnen wurde, stand der Verwaltung ein Balanceakt bevor. Das neue Wohngebiet sollte nachhaltig sein, aber nicht so rigoros nachhaltig, dass die Auflagen für eine Erschließung und Vermarktung später für Investoren zu hoch waren. Das heißt: So viel Grün wie möglich sollte bewahrt werden, gleichzeitig aber auch so viel Fläche zur Bebauung angeboten werden, dass es sich für den Geldgeber lohnte, aktiv zu werden. Das Ergebnis: Erhalten wurden ein Wäldchen in der Straße Am Timp, die Wallheckenstruktur sowie ein üppiger Grüngürtel, der sich durch das Baugebiet zieht.

Macht das schon ein nachhaltiges Baugebiet aus? Eines, das klimaschonend und sozial durchmischt ist? Und: Wie wird sichergestellt, dass alles, was an Vorgaben und Strukturen im Bebauungsplan klar und unproblematisch aussieht, auch tatsächlich umgesetzt wird? „Die Stadt hat keine Prüfpflicht“, sagt Planungsamtsleiter Mirko Wento auf Anfrage der Redaktion. Abgesehen davon dürfte es auch problematisch sein, regelmäßig über Monate, ja über Jahre jemanden abzustellen, der darüber wacht, dass beim Bau die Mindestabstände zu den Wallhecken eingehalten werden. „Wir prüfen aber natürlich den Bauantrag und erteilen eine Genehmigung“, sagt Mirko Wento, der derzeit auch Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß vertritt. Bisher seien 35 Bauanträge genehmigt.

Das Baugebiet Im Timp ist in vier verschiedene Quartiere eingeteilt. Der Bereich um die Recha-Freier-Straße herum heißt Wasserquartier.
Das Baugebiet Im Timp ist in vier verschiedene Quartiere eingeteilt. Der Bereich um die Recha-Freier-Straße herum heißt Wasserquartier.

Elmshorn will es besser machen

Seines Wissens nach gebe es keine verbindliche Bewertungsmatrix für nachhaltige Baugebiete. „Was soll man darunter verstehen?“, fragt der Planungsamtsleiter und macht damit klar, wie schwierig es ist, Standards zu formulieren. Aktuell gibt es indessen einige Städte, die mit gezielten Vorgaben versuchen, zukunftsfähige neue Quartiere zu entwickeln. So soll etwa im schleswig-holsteinischen Elmshorn an der Wilhelmstraße ein Baugebiet mit Sozialwohnungen, Wohngemeinschaften und Platz für Senioren sowie Spiel- und Sportflächen entstehen. Geheizt werden soll mit regenerativen Energien, gewünscht sind nachhaltige Baustoffe, Sharing-Angebote und E-Mobilität. „Um dieses schöne neue Wohngebiet zu entwickeln, will die Stadtverwaltung eine neue Methode ausprobieren. Konzeptvergabe lautet das Stichwort. Handverlesene Investoren sollen Konzepte vorlegen, was sie auf dem Areal wie bauen wollen. Mithilfe einer Bewertungsmatrix entscheidet die Stadt dann, wer den Zuschlag erhält“, berichteten die „Elmshorner Nachrichten“ am 25. April 2023. Bonuspunkte soll es für Ideen geben, die ins Konzept passen wie Dachbegrünung, Gemeinschaftsraum oder Fotovoltaik.

Der ehemalige Bauernhof von Landwirt Fleßner am Rande des Baugebiets wird in den nächsten Wochen abgerissen.
Der ehemalige Bauernhof von Landwirt Fleßner am Rande des Baugebiets wird in den nächsten Wochen abgerissen.

So ausgewiesen „grün“ und nachhaltig ist das Baugebiet Im Timp nicht. Die Stadt hat dort die Wahl der Wärmeversorgung offengelassen. Fossile Brennstoffe sind nicht verboten. Es gibt auch keine Verpflichtung, die Dachflächen nach Osten oder Westen auszurichten, um die Sonnenenergie optimal einzufangen. Diese Punkte waren von Mitgliedern der Grünen und der Linken bei der Verabschiedung des Bebauungsplans kritisiert worden. Grünen-Fraktionschefin Gila Altmann hat sich deshalb auch nicht weiter mit der Entwicklung zwischen Extum und Haxtum beschäftigt, wie sie auf aktuelle Anfrage der Redaktion erklärte: „Das ist vergossene Milch.“ Sie bedauere es nach wie vor, dass man das ökologische und touristische Kleinod geopfert habe. Das Areal Im Timp sei ein intaktes, in sich geschlossenes Stück Natur gewesen, ein Rückzugsort. Gerade ökologisch denkende Touristen schätzten Refugien, wie es die Fläche östlich und westlich der Straße Im Timp mal war.

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