Berlin „Mord mit Aussicht“-Star Petra Kleinert: Ich will die Zuschauer nicht verarschen
Seit der ersten Folge ermittelt Petra Kleinert bei „Mord mit Aussicht“ – auch wenn sie mit dem eigenen Format nicht immer glücklich war. Im Interview spricht die Schauspielerin sehr offen über die Höhe- und Tiefpunkte ihrer gut 30 Jahre im deutschen Fernsehen.
Petra Kleinert war Sascha Hehns Sprechstundenhilfe und die Frau von „Unserem Lehrer Doktor Specht“. Und im Fernsehkrimi hat die 56-Jährige vom Killer bis zur Kommissarin jede Rolle durch. Gerade ist Petra Kleinert in neuen Folgen der ARD-Reihe „Mord mit Aussicht“ zu sehen. Im Interview beschwert Kleinert sich über die mangelnde Offenheit in der Unterhaltungsbranche – und spricht selbst umso unverblümter über schlecht geschriebene TV-Gynäkologen, die Casting-Regeln im TV-Krimi und den Lebenstraum einer Rolle im ZDF-Klassiker „Ein Fall für zwei“.
Frage: Frau Kleinert, eins Ihrer ersten großen Engagements war die ZDF-Serie „Frauenarzt Dr. Markus Merthin“.
Antwort: Haben Sie die mal gesehen? Nein? Dann seien Sie froh.
Frage: Mit 30 Jahren Abstand staunt man jedenfalls, dass ein von Sascha Hehn gespielter Frauenarzt mal als Vorabend-Traummann galt. Heute würde man eine Gynäkologie-Serie, wenn überhaupt, wohl eher um eine Frau herum schreiben.
Antwort: Dieser ganze Gender-Aspekt lässt mich kalt. Diese aufgerüschte Sorge, was man noch wie sagen darf oder sollte, interessiert mich nicht. Zu welchem Frauenarzt man selbst lieber geht, ist wohl ganz unterschiedlich. Viele ältere Frauen, habe ich mir sagen lassen, gehen sogar lieber zu einem männlichen Frauenarzt – weil der selbst einen anderen Körper hat und mit Frauen deshalb respektvoller und vorsichtiger umgeht. Andere gehen lieber zu einer Frau, weil sie sich so intim keinem Mann zeigen wollen. Beides hat was für sich.
Frage: Hat sich irgendwas von dieser realen Lebenserfahrung in der ZDF-Serie wiedergefunden?
Antwort: Nein, und zwar, weil die Serie sehr schlecht geschrieben war. Dabei haben richtig gute Schauspieler mitgemacht. Adriana Altaras war die Laborantin und Martina Gedeck die Empfangsdame, glaube ich. Ich selbst war die Sprechstundenhilfe von Sascha Hehn. Sie sehen: Wir haben alle unsere dunkle Vergangenheit. Die Geschichten waren leider vollkommen absurd. Das Bild von den Halbgöttern in Weiß funktionierte damals noch und drumherum konnte man einfach alles erzählen. Nach einer Staffel bin ich ausgestiegen. Was soll’s! Jede Erfahrung macht einen reicher – sogar die mit dem Frauenarzt Markus Merthin.
Frage: Ihr Mann, lese ich, ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Clowndoktor. Was ist bei Ihnen zu Hause los, wenn Sie mal krank sind?
Antwort: Clowndoktor kennen Sie, oder? Das sind ausgebildete Clowns, die Kinder und ältere Leute im Krankenhaus ablenken. Mein Mann ist selbst leicht hypochondrisch veranlagt. Und wenn ich krank bin, kümmert er sich sehr lieb – aber eher ohne Clown. Gelacht wird bei uns sowieso sehr viel. Auch, wenn wir gesund sind.
Frage: Nach der Frauenarztserie waren Sie dann die Ehefrau von „Unserem Lehrer Doktor Specht” – gleiches Männerbild, anderer Beruf?
Antwort: Das war richtig schön! Die Geschichten waren leicht überhöht, aber es gab immer die ehrliche Überlegung: Wie sollten Lehrer sein, wenn sie ein bisschen anders wären als das, was wir so erlebt haben? Wie können Lehrer gut mit den Problemen von Jugendlichen umgehen? Das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Auch, weil Robert Atzorn so ein feiner Mensch ist. Ein Hauptdarsteller wie er prägt die Atmosphäre einer ganzen Produktion. Nach dem Studium war Mathilde Möhring meine erste große durchgehende Rolle. Ich habe unglaublich viel gelernt: die Technik, das Spiel vor der Kamera, alles. Doktor Specht hat mich geprägt – und das bis heute.
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Frage: Dann ging es Ihnen also wie sämtlichen Frauen der Serie: Die waren schließlich alle in den Helden verliebt: die Schülerinnen, deren Mütter und Spechts alte Hauswirtin auch. Könnte man so einen Mann heute noch erzählen?
Antwort: Ich glaube, sowas entwickelt sich in Wellen. Rollenbilder kommen wieder. Und was Robert in der Serie verkörpert hat, finde ich gar nicht schlecht. Er war ja kein strahlender Ritter mit weißem Pferd. Doktor Specht hat Schwächen gezeigt, er hatte Humor und eine weiche Seite, ohne eine Memme zu sein. Das ist die tödliche Mischung, die Fantasien auslöst. Natürlich haben wir alle auch mal eine Bad-Boy-Phase und stehen dann auf diese schwierigen Männer, die man von ihren interessanten Konflikten erlösen will. Aber wirklich verlieben tut man sich in Doktor Specht.
Frage: Waren Sie sauer, als Robert Atzorn später als Kommissar zum „Tatort” gegangen ist – ohne Sie mitzunehmen? Immerhin waren Sie beim ZDF mehrere Jahre verheiratet?
Antwort: Ach, nein, überhaupt nicht. Alle denken immer, der „Tatort” ist der Olymp des deutschen Fernsehens. Für mich ist das Format nicht so wichtig; ich gucke immer nur auf meine Rolle.
Frage: Bei „Doktor Specht” sind Sie auf große Ost-Kolleginnen gestoßen, die hier kurz nach der Wende im Westfernsehen Fuß gefasst hatten: Corinna Harfouch hat damals mitgemacht, Jenny Gröllmann auch.
Antwort: Corinna Harfouch war schon ausgestiegen, als ich dazukam. Aber an Jenny Gröllmann erinnere ich mich gut. Das war eine sehr besondere Begegnung. Sie war eine von den älteren Kolleginnen, denen ich zugeguckt habe, um zu lernen. Ich habe sie später noch mal im Kino getroffen. Da war sie noch ganz hoffnungsvoll und positiv. Es hat mich sehr getroffen, als sie dann an Krebs gestorben ist.
Frage: Als Sie 1987 in Leipzig auf die Schauspielschule gegangen sind, war Ihre Berufsperspektive noch die DEFA und das Ost-Fernsehen. Den Abschluss haben Sie dann in Gesamtdeutschland gemacht. Wie war das für Sie?
Antwort: Mein Jahrgang hat die Wende mitten in der Ausbildung erlebt. Einerseits dachten wir: O Gott, o Gott, jetzt müssen wir gucken, wo wir bleiben! Auf der anderen Seite war es eine Riesenchance. Und ich sehe immer erst die Chancen. Die Rückmeldungen waren auch gar nicht schlecht. Wir sind in der DDR sehr gut ausgebildet worden. Das haben alle gesagt und es stimmte. Dazu gehörte auch die Idee: In der Kunst geht es um das große Ganze und nicht nur um Selbstverwirklichung. Der Gedanke hilft einem sehr. Aber natürlich haben wir auch absurde Sachen erlebt. Wir hatten nicht die richtigen Klamotten und wurden von oben herab behandelt. Die Leute dachten, wir haben im Osten in Erdhöhlen gelebt. Innerlich habe ich oft die Augen verdreht.
Frage: Corinna Harfouch hat berichtet, dass der Wechsel ihr schwerfiel. Eben hatte sie noch mit Heiner Müller die Lady Macbeth gemacht – und plötzlich war sie ein Vorabend-Star.
Antwort: Für Corinna Harfouch war das sicher ganz anders. Die war zu DDR-Zeiten schon ganz oben. Und auf einmal gehörte sie wieder zu den Neulingen, die sich hinten anstellen mussten. Das muss knallhart gewesen sein. Ich war viel jünger, neu im Geschäft und habe das ganz anders erlebt. Der Wechsel zwischen den Formaten würde mir auch heute keine Probleme bereiten. Ich mache keine Unterschiede, ob ich nun eine Episodenrolle in einer Serie spiele oder die Hauptrolle im Arthouse-Kino. Ich spiele immer so gut und anständig wie möglich.
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Frage: Oft gedreht haben Sie Krimiserien. Außer „Derrick” kennen Sie fast alles.
Antwort: Vielleicht nicht ganz alles. „Derrick” habe ich wirklich nicht gemacht. Dafür habe ich „Ein Fall für zwei” noch in der Originalbesetzung gedreht und mich wahnsinnig gut mit Claus Theo Gärtner verstanden, der den Privatdetektiv Matula gespielt hat. Meine erste Folge war ein großer Moment für mich. „Ein Fall für zwei” gehörte zu den Sendungen, die ich regelmäßig im Westfernsehen angesehen hatte. Und jetzt war ich selbst dabei – was kurz vorher noch völlig undenkbar war.
Frage: Sie machen seit über 30 Jahren Fernsehen. Wie hat Ihr Beruf sich in der Zeit verändert?
Antwort: Wie ich arbeite, hat sich im Grunde gar nicht verändert. Man erarbeitet sich eine Rolle nach einem bestimmten Muster und das vervollkommnet man. Ich versuche natürlich, modern zu denken, gucke viel, streame, schaue internationale Formate und überlege, was ich in meine Arbeit aufnehmen kann. Wie führe ich zum Beispiel im Krimi ein Verhör? Für sowas gucke ich internationale Serien und lerne.
Frage: Die Technik hat sich doch aber bestimmt stark verändert. Was waren da die großen Einschnitte?
Antwort: Ich erinnere mich noch gut, wie HD eingeführt wurde. Mein Gott, was haben wir auf einmal Falten gehabt. Auf den hochauflösenden Bildern sieht man alles. Die Technik ist besser als das menschliche Auge. Will man das wirklich sehen? Gerade erst habe ich einen 20 Jahre alten Fernsehfilm angeguckt. Der ist noch vor HD entstanden. Und die Mittdreißiger in dem Film – alles Bekannte von mir – sahen viel jünger aus als Mittdreißiger heute. Nur, weil die Auflösung wesentlich schmeichelhafter war.
Frage: Sie haben in ganz vielen Ablegern der ZDF-Serie „SOKO” gespielt: Wismar, Donau, Kitzbühel, München, Köln. Bei der „SOKO Leipzig” waren Sie erst in „verschiedenen Rollen” und dann durchgehend als Kommissarin von der Sitte. Was waren Sie denn vorher – die Leiche?
Antwort: Vorher war ich schon mal die Mörderin. Das waren natürlich verschiedene Figuren. Wenn viel Zeit dazwischen liegt, kann man das machen. Es gibt bei Krimiserien diese Faustregel: Wenn du als Schauspieler zwei Jahre nicht mehr dabei warst, darfst du in einer neuen Rolle zurückkommen. Sonst hätte man gar keine Chance mehr auf ein Engagement. Bei der „SOKO” habe ich aber wirklich eine Sonderrolle. Eigentlich darf man mit einer festen Gastrolle, wie ich sie in Leipzig spiele, gar nicht in anderen „SOKOs” auftreten. Die Kollegen fragen immer noch nach, wieso das bei mir möglich ist. Das musste hochoffiziell abgesegnet werden. So oft war ich da nicht zu sehen, deshalb ist die Ausnahme erlaubt.
Frage: Jetzt gerade spielen Sie in einer neuen Staffel „Mord mit Aussicht”. Bei der ARD heißt das „Schmunzelkrimi”. Ist das ein Ehrentitel oder können Sie das Wort nicht leiden?
Antwort: Mir ist völlig egal, wie meine Arbeit eingeordnet wird. Aber so sind wir Deutschen eben: Wir brauchen Labels. Wichtig ist mir, dass die Menschen gut unterhalten sind. Das bedeutet: Lachen, aber auch berührt werden und weinen. Wenn eins davon fehlt, ist es nicht gut.
Frage: Gibt es „Mord mit Aussicht”-Episoden, bei denen Sie hinterher dachten: Hier waren Krimi und Schmunzeln schlecht gemischt?
Antwort: Beim Schmunzelkrimi strukturiert der Fall die Geschichte: Erst kommt der Krimi, dann die privaten Befindlichkeiten. Wir wollen vertraute Figuren in ungewöhnlichen Situationen erleben. Dann finden wir uns selbst darin wieder. Wenn nicht genug Handlung da ist, wird es abgehoben. Dann sind wir beim Kommissar, der nur noch mit seinem Alkoholproblem am Imbiss steht und Burger in sich reinschaufelt. Langweilig. Interessant wird es erst, wenn er unter Druck kommt und handeln muss. Um auf der Bananenschale auszurutschen, muss man in Bewegung sein. Leider muss man das immer wieder neu betonen.
Frage: Ach, wirklich?
Antwort: Wirklich – und das nicht nur bei diesem Format. Ich höre immer wieder den Satz: Leute, der Fall ist nicht so wichtig. Ist er doch. Ich will meine Zuschauer nicht verarschen. Ich bin nicht besser als mein Publikum. Unsere Zuschauer sind gestandene Menschen, die haben Lebenserfahrung. Vielleicht kennen sie nicht unser Fachvokabular, aber wenn sie einen schlechten Krimi gucken, merken die das. Es ist auch ein Handwerk, und das sollte man anständig ausüben.
Frage: Bjarne Mädel hat seinen Ausstieg bei „Mord mit Aussicht” mit einem Interview begleitet, in dem er den lieblosen Umgang mit der Serie beklagt hat. Haben Sie heimlich applaudiert – oder haben Sie ihm als „Kollegenschwein” die Freundschaft aufgekündigt?
Antwort: Bjarne Mädel soll bitte immer genau das sagen, was er für richtig hält. Ich finde, dass viel zu selten offen gesprochen wird – gerade in unserer Branche. Was „Mord mit Aussicht” angeht, hatte er völlig recht. Ich bin damals genauso ausgestiegen wie er, aus denselben Gründen. Dann gab es die Idee, das Format doch noch mal neu zu beleben. Und nach und nach habe ich Lust bekommen, zu meiner Figur zurückzukommen.
Frage: Apropos Handwerk: Vor der Schauspielschule haben Sie, wie in der DDR üblich, eine Ausbildung gemacht – als Keramikfacharbeiterin. Haben Sie die Corona-Drehpause mit wunderschönen Töpferarbeiten überbrückt?
Antwort: Nein. Erstens ist mein bildnerisches Talent sehr limitiert. Und zweitens war die Keramikfacharbeiterin Akkordarbeit. Das hat mit Kunst nichts zu tun. Das ist Bestücken, Gießen, Entgraten – alles bei einer Zahl von Tausenden Werkstücken am Tag. Geblieben ist mir davon nichts als eine Vorliebe für schönes Porzellan.
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