Osnabrück Entlassungen im Profifußball: Die Jahreszeit der Panik ist angebrochen
Neigen sich Spielzeiten im Profifußball dem Ende, geht auch so manches Arbeitsverhältnis zwischen Verein und Trainer in die Brüche. Was das Beispiel Thomas Letsch beim VfL Bochum zeigt: Die Jahreszeit der Panik ist wieder einmal angebrochen, findet Kolumnist Udo Muras.
Das Frühjahr ist nach dem Herbst die zweite gefährliche Jahreszeit für Trainer. Dann werfen Vereine gerne den Rettungsanker, ziehen die Reißleine oder die Notbremse – oder welche Sprachbilder sonst noch so gewählt werden von den Journalisten. Das drohende Verpassen von Saisonzielen verleitet die Getriebenen in der Verantwortung nur zu oft zu Panikaktionen. Da werden Trainer entlassen, die große Verdienste um den Verein haben und gerne welche geholt, die groß verdient haben in ihrer Karriere – was freilich nichts garantiert. Eintracht Frankfurt gönnte sich vor 13 Jahren Christoph Daum, der kein Spiel gewann und die Hessen in die 2. Liga beförderte, Otto Rehhagels Methoden von vorgestern konnten Hertha BSC 2012 auch nicht retten.
Das Gegenbeispiel bei den Berlinern lieferte 2022 Felix Magath kurz vor seinem 70. Geburtstag und Udo Lattek zog Borussia Dortmund anno 2000 quasi aus dem Vorruhestand aus dem Schlamassel. In diesem Jahr ist noch kein Wundermann von früher auf der Bildfläche erschienen, doch die allgemeine Panik greift schon wieder um sich. Wie kann es denn bitte sein, dass der VfL Bochum Thomas Letsch entlässt?
Ja, der Trend war nicht sein Freund, aber mit seiner Sachlichkeit und Bodenständigkeit passte der reflektierte Glatzkopf mit seinem Faible für Mathematik bestens zum Ruhrpottklub, dessen Fans nie etwas anderes von ihrem Verein erwarten würden als Platz 15. Und da stehen sie jetzt! Im Vorjahr hatte Letsch den VfL nach einem katastrophalen Fehlstart unter Vorgänger Thomas Reis gerettet. Ok, die Siege von letzter Saison helfen nichts in der aktuellen Tabelle, aber bis Montag dachte ich immer, Bochum und Schalke verbände außer der Region und den Vereinsfarben nichts. Nun wird auch der VfL, der gewiss jede Umfrage zur beliebtesten grauen Maus unter allen Bundesligisten gewinnen würde, ein normaler Bundesligaklub.
Immerhin holen sie keinen Altmeister aus dem Vorruhestand an die Castroper, obwohl medial manch schillernder Name gespielt wurde, sondern vertrauen wieder mal Ex-Spieler Heiko Butscher den Job an. Klaus Toppmöller und Peter Neururer können weiter Golf spielen. Apropos Toppmöller: so heißt der nächste seltsame Wackelkandidat der Bundesligatrainer, Vorname Dino, seines Zeichens Sohn des Sprücheklopfers aus der Eifel. Dass Dino wirklich mit Klaus Toppmöller verwandt ist, bezweifeln bei Eintracht Frankfurt immer mehr Fans, die sich noch an die rauschhaften Tage vor 30 Jahren erinnern können, als die Hessen „Fußball 2000“ spielten, mit Ballkünstlern wie Uwe Bein, Maurizio Gaudino, Jay-Jay Okocha oder Tony Yeboah. Titel gewannen sie zwar nicht, aber sie starben wenigstens in Schönheit. Dass unter dem Sohn ein genauso attraktiver Fußball gespielt werden wird wie einst unter Papa Klaus, war für viele ausgemachte Sache.
Doch Fußball ist weder Mathematik noch Teil der Vererbungslehre. Die Eintracht von 2024 hat wenig von 1994, obwohl sie sich in denselben Tabellenregionen aufhält. Seit Wochen hält sie Platz 6, Europa ist wieder ganz nah, doch mehr ist nicht drin – und in Frankfurt wollen sie mittlerweile mehr. Vor allem Spektakel. Die Erfolge der vergangenen sechs Jahre mit Pokalsiegen auf nationaler und internationaler Ebene haben die Erwartungen mit den Wolkenkratzern der Frankfurter Skyline wachsen lassen. Manager Markus Krösche spricht vom „Fluch der guten Tat“, denn die junge, umformierte Mannschaft kann sie zu selten bedienen.
Dabei ist Eintracht en vogue in Frankfurt, das Stadion immer voll. Es wurde nun extra um 8000 Plätze erweitert – weil die Leute weiterhin sehen wollen, was in der Glasner- und Hütter-Ära Programm war – Spektakel! Stattdessen bekommen sie torarme Unentschieden in Serie, also ist der junge Trainer der Buhmann am Main. Keine Entwicklung wird ihm vorgehalten, alles sei „grau in grau“. Manche namhaften Vereine würden sich die Sorgen der Eintracht noch heute per Expresslieferung zustellen lassen, ich will hier aber keine Namen nennen, außer vielleicht HSV, Schalke, Hertha BSC, Nürnberg… - oder VfL Bochum. Lassen wir uns überraschen, wer als Nächstes den Blick für die Realitäten fahren lässt. Das Frühjahr beginnt ja gerade erst.