Abitur 2024 Einbruch in Goslar führt zu Abbruch in Aurich
Nachdem die Abi-Aufgaben in Goslar offen auf dem Schulhof lagen, musste landesweit das Politik-Abitur gestoppt werden. Das hatte auch in Aurich Auswirkungen.
Aurich/Hannover - Landesweit mussten am Donnerstagmorgen die Abiturklausuren im Fach Politik-Wirtschaft abgebrochen werden. Denn die Aufgaben waren vorher bekannt geworden. Grund war ein Einbruch in den Tresor eines Gymnasiums in Goslar, wie Britta Lüers, Sprecherin des Kultusministeriums, bestätigte. Der Inhalt des Tresors mitsamt der Prüfungsaufgaben sei über den Schulhof verteilt worden. Rund 400 Schulen seien daraufhin gebeten worden, die Aufgaben nicht zu verwenden beziehungsweise wieder einzusammeln, sofern einige der Schulen den entsprechenden Hinweis per E- Mail zu spät wahrgenommen hätten.
Die Schulleitungen in ganz Niedersachsen haben um 7.33 Uhr am Donnerstagmorgen eine E-Mail aus Hannover erhalten. Darin wurden sie angewiesen, die Politik-Klausuren zunächst abzubrechen. Einer der Adressaten war Ralf Jansing, stellvertretender Schulleiter des Auricher Gymnasiums Ulricianum. Gerade noch rechtzeitig habe er die Mail gesehen, sagt Jansing auf Anfrage unserer Redaktion. Die Abiturienten hätten noch nicht begonnen gehabt, die Aufgaben zu bearbeiten. „Wir haben rechtzeitig alles gestoppt.“
Lehrer beruhigten Abiturienten
Danach begann eine für Schüler wie Lehrkräfte zermürbende Wartezeit. Denn in Hannover mussten Ersatzaufgaben auf dem Server zur Verfügung gestellt werden. Download-Versuche um 8.30 Uhr und um 9 Uhr scheiterten laut Jansing. Erst um 9.20 Uhr habe man die Aufgaben herunterladen können. Unmittelbar danach hätten die 24 im Ulricianum betroffenen Abiturienten dann beginnen können, die Klausuren zu schreiben.
Es seien auch alle angetreten, so Jansing. Die Lehrkräfte hätten versucht, die Schüler zu beruhigen. So habe die Schule unter anderem für Verpflegung gesorgt, weil die Schüler nun ja länger als geplant in den Klausuren sitzen würden. „Es ist absolut keine normale Situation“, sagt Jansing. Hätte der Download am Ende nicht geklappt, hätte man irgendwann komplett abbrechen müssen. Das aber hätte dann zu neuen Problemen geführt. Denn in dem Fall hätte man für die Politik-Klausur einen neuen Termin finden müssen. „Der Prüfungskalender ist aber schon sehr voll.“ Er sei gespannt, ob die zuständige Schulbehörde auf die Verzögerungen bei der Klausur in irgendeiner Form reagieren wird. Möglich wäre es, wie in vergangenen Jahren im Fach Mathematik geschehen, die Noten für alle Schüler heraufzusetzen.
Stopp kam rechtzeitig vor Klausur-Beginn
Auch am Ulrichsgymnasium Norden sind alle 106 betroffenen Schüler zur Klausur angetreten, sagte Schulleiter Wolfgang Grätz unserer Zeitung. Informiert wurde Grätz sogar noch vor der offiziellen E-Mail des Ministeriums von Ralf Jansing, wie er erzählte. Nachdem es 2017 bereits einen ähnlichen Fall gegeben habe, ärgerte sich Grätz über die langen Wartezeiten bis zum Download der Ersatzaufgaben. Seiner Meinung nach hätte die Behörde von damals lernen können. Grundsätzlich hielt Grätz es aber für richtig, die Original-Klausur zu stoppen. Denn in Norden gab es den Verdacht, dass einige Schüler die Aufgaben bereits kannten – auch wenn sich das nicht beweisen ließe, so Grätz. „Von erwachsenen Menschen, die Abitur schreiben, kann man auch erwarten, dass sie mit einer zweistündigen Verschiebung klarkommen“, sagte Grätz. Die Situation sei natürlich nicht schön, aber auch kein Drama gewesen. So sahen es anscheinend auch die Schüler in Norden, die am Donnerstag noch bis 15.10 Uhr an ihrer Klausur schrieben.
Zu spät hätte der neue Termin auch nicht sein dürfen. Denn Politik gehört zu den korrekturintensiven Fächern, in denen die Schüler viel schreiben. Abiturklausuren werden aber nicht nur von einem Lehrer korrigiert. Außerdem endet dieses Schuljahr relativ früh, die Sommerferien beginnen schon am Sonnabend, 22. Juni. Der offizielle Nachschreibtermin für Politik, an dem alle Schüler antreten müssen, die beim ersten Termin verhindert waren, findet landesweit am 30. Mai statt.
Landesschülerrat kritisiert Krisenmanagement
Jansing ist froh darüber, dass er die E-Mail, die ausschließlich an die Schulleitungen geht, rechtzeitig gesehen hat. Er könne sich vorstellen, dass an anderen Schulen die Abiturienten bereits mit der Bearbeitung der Aufgaben begonnen hätten, ehe der Abbruch erfolgt sei. Das sei dann noch eine zusätzliche psychische Belastung für die Schüler.
Laut Lüers konnten die Abiturienten am Donnerstag wählen, ob sie schreiben wollten oder lieber die Klausur am 8. Mai nachschreiben wollten. An dem Tag werden zusätzlich die Chemie-Klausuren geschrieben. Dem Ministerium sei daran gelegen, dass alle ein faires Abitur haben, so die Sprecherin des Kultusministeriums.
Der Landesschülerrat Niedersachsen kritisierte, es habe beim Neustart der Prüfungen erhebliche Verzögerungen gegeben. Der Aufgaben-Download habe zu lange gedauert, Schüler hätten lange warten müssen, die Kommunikation habe schlecht funktioniert, kritisierte die Schülervertretung. Die Situation habe zu enormen Stress bei den Abiturienten geführt.
Aus dem Kultusministerium heißt es dagegen, es sei schnell reagiert worden. Neue Aufgaben hätten für Nachschreibtermine bereits vorgelegen. Die geleakten Aufgaben seien von der Schule in Goslar ordnungsgemäß verwahrt worden. Der Schule sei kein Vorwurf zu machen, so die Sprecherin des Kultusministeriums. Eines ist laut Ralf Jansing aber sicher: „Diesen Abiturtag werden die Abiturienten ihr ganzes Leben lang nicht vergessen.“