Osnabrück Morgenröte der Moderne: Als die Kunst des Impressionismus erfunden wurde
Bilder für das befreite Leben: Vor 150 Jahren erfanden Maler wie Claude Monet den Impressionismus. Damals ein Schock, heute der größte Kunstcoup aller Zeiten - eine Pariser Zeitreise.
Riesige Fensterflächen, ein Giebel wie eine Tempelfront: Das Haus Nummer 35 am Pariser Boulevard des Capucines wirkt noch heute wie ein Palast aus Glas. Die transparente Dachhaube bekrönt das Mehretagenhaus: ein riesiges Atelier. Am 15. April 1874 eröffnen hier 31 Künstler eine Ausstellung mit Bildern, die zunächst kaum jemand sehen will. Claude Monet, Auguste Renoir oder Camille Pissarro sind junge Männer, die sich mit ihrer Kunst durchschlagen. Was sie nicht wissen können: Der Tag ihrer Vernissage geht in die Kunstgeschichte ein – als Geburtsstunde der Impressionisten.
„Der berühmte Fotograf Nadar hatte den jungen Malern sein Atelier für ihre Ausstellung geöffnet. Bis vor wenigen Jahren konnte man den verblichenen Schriftzug Nadar hoch oben an der Fassade sogar noch lesen“, erzählt Gerhard Finckh. Als Direktor des Von-der-Heydt-Museums in Wuppertal holte er die Stars der Impressionisten zwischen 2009 und 2017 nach Deutschland, zeigte vor allem Monet, Renoir, Pissarro und Alfred Sisley, die Fab Four dieser Stilrichtung.
Für den Kunstexperten Finckh steht fest: „Der Impressionismus ist die erfolgreichste Kunstrichtung aller Zeiten“. Der junge Claude Monet verkauft seine Bilder voller Stolz für 1000 Francs das Stück. Am 14. Mai 2019 erzielt eines seiner Werke bei Sotheby´s in New York 111 Millionen Dollar. Der Potsdamer Kunststifter Hasso Plattner erwirbt das Kunstwerk, das sich zuvor im Besitz von Paul Allen befindet. Der gründete gemeinsam mit Bill Gates den Digitalkonzern Microsoft.
Wer heute achtlos über den Boulevard des Capucines und am Haus Nummer 35 vorübereilt, den zieht es mitten in einem Quartier der Luxusmarken eher zu den Galeries Lafayette, zu Tommy Hilfiger oder Lacoste als zur Kunst. Die Impressionisten sind trotzdem allgegenwärtig. Einst angefeindet, heute hofiert: Die Grande Nation richtet der Künstlergruppe zum 150. Geburtstag ihrer ersten Ausstellung ein Fest aus.
Das Glanzlicht auf einem Feuerwerk der Präsentationen: Unter dem Titel „Paris 1874: Inventer l’impressionisme“ (Paris 1874: Die Erfindung des Impressionismus) zeigt das Pariser Musée d´Orsay bis zum 14. Juli über 130 Werke. Einige von ihnen waren auch in der Ausstellung von 1874 zu sehen. Die Ikone der Ikonen: das berühmte Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ von Claude Monet.
Die Morgensonne als roter Ball, darunter zerlaufende rote Schlieren, die Lichtreflexe auf dem Wasser wiedergeben – Claude Monets auf den ersten Blick unscheinbare Szene aus dem Hafen von Le Havre bringt die Revolution der Impressionisten auf den knallroten Punkt. Der Kunstkritiker Louis Leroy greift den Bildtitel auf, nennt die Gruppe, deren Bilder er da zum ersten Mal entgeistert sieht: Impressionisten. Das Wort wirkt wie ein Witz. Heute ist es ein globales Markenzeichen.
„Die Impressionisten malen, was sie sehen oder was sie zu sehen meinen. Sie reagieren auf eine neue Welt des Lichts und der Geschwindigkeit“, bringt Gerhard Finckh das Erfolgsgeheimnis der Impressionisten heute auf die Kurzformel. Auf ihren Bildern flirrt die Welt, ob als Laub an schlanken Birken bei Claude Monet oder als endloser Strom der Menschen und Kutschen auf den Pariser Boulevards bei Camille Pissarro.
Die Impressionisten malen für ein neues Bürgertum, das in der Metropole sein Geld verdient, sich auf dem Land oder am Meer zerstreuen will. Leicht und gefällig kommt diese Kunst daher, eine Kunst für ein postheroisches Zeitalter, in dem Eisenbahn und Fotografie den beschleunigten Takt vorgeben.
Als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts geht Paris durch den Feuerofen der Revolten und Revolutionen. Mitte des 19. Jahrhunderts gräbt Baron Haussmann die Struktur der Stadt um, etabliert jenes Achsennetz der Boulevards, das Paris ebenso in die Zukunft katapultiert wie die Weltausstellung von 1867. Dann die Nackenschläge: Der Krieg gegen das Deutsche Reich geht 1871 verloren, die Pariser Kommune zwingt die Kapitale in zermürbenden Bürgerkrieg. Kaiser Napoleon III. tritt ab.
Die Impressionisten kommen rechtzeitig zum Start der Dritten Republik. Frankreich erlebt seine Gründerzeit – und startet in das rauschende Fest der Belle Époque. „Mit den Impressionisten wird das moderne Leben bildwürdig“, ordnet Gerhard Finckh die Bewegung der Impressionisten ein, die statt starrer Helden das lebendige Leben malen. Sie sind nicht die ersten Künstler, die sich dem starren Geschmackskanon der Akademie widersetzen. „Schon 1863 kam es im Salon der Zurückgewiesenen zu einem ersten großen Aufstand der jungen Kunst“, erzählt Finckh.
Unter den Künstlern, die ab dem 15. April 1874 ihre Bilder zeigen, ist Berthe Morisot als Frau übrigens ziemlich allein auf weiter, weil ausschließlich männlicher Flur. Der Katalog verzeichnet sie als „Mademoiselle Morisot“. Das dürre Bilderverzeichnis von einst findet sich jetzt als Faksimile im Katalog der aktuellen Pariser Prachtschau.
Die zeigt nicht nur Ikonen des Impressionismus wie Monets Sonnenaufgang oder Renoirs „Moulin de la Galette“. Mit dem Headset geht es auch zu einem „Abend mit den Impressionisten“ auf Zeitreise. Einmal Claude Monet persönlich begegnen – wer möchte das nicht?
Heute ein Vergnügen, damals ein Schock: Vor 150 Jahren kamen die vor Farben nur so sprühenden Bilder der Impressionisten beim Publikum weniger gut an. „Die Bilder hingen auf Augenhöhe in größeren Abständen an den Wänden. Das Publikum empfand das als radikale Neuerung“, wirft Gerhard Finckh den Blick zurück. Radikal auch, wie sich die Künstler organisierten – als Kooperative, deren Statuten Camille Pissarro der Bäckerinnung von Rouen abgeschaut haben soll.
Insgesamt acht Mal finden die Impressionisten bis 1888 zu Gruppenausstellungen zusammen. Dann ist Schluss. Schon die zweite Schau 1876 richtet der Galerist Paul Durand-Ruel aus. Er geht die Sache der Amateure professionell an. Alles, was folgt, ist die Geschichte eines Welterfolgs der Kunst, der kaum eine Parallele kennt. Im Haus Nummer 35 am Boulevard des Capucines in Paris entzünden die Künstler das Licht des Impressionismus. Den Strahl dieses Leuchtfeuers einer neuen Zeit sehen wir noch immer – auch nach 150 Jahren.