Paris  Feuer von Notre-Dame: So sieht es fünf Jahre nach dem Brand aus

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 14.04.2024 21:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
April 2019: Nach dem Brand von Notre-Dame waren großen Teile des Pariser Wahrzeichens zerstört. Foto: dpa/Gigarama.ru
April 2019: Nach dem Brand von Notre-Dame waren großen Teile des Pariser Wahrzeichens zerstört. Foto: dpa/Gigarama.ru
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Als vor fünf Jahren die berühmte Pariser Kirche Notre-Dame brannte, versprach Präsident Emmanuel Macron, die Kathedrale bis 2024 wieder aufzubauen. Vielen erschien das unvorstellbar. Wie sieht es jetzt auf Frankreichs berühmtester Baustelle aus? Und kann Macron sein Versprechen halten?

Was haben Sie am Abend des 15. April 2019 gemacht? In Paris und weit darüber hinaus können sehr viele Menschen diese Frage beantworten. Sie erinnern sich genau an den Moment, in dem sie erfuhren, dass etwas Unvorstellbares eingetreten war: Die Kathedrale Notre-Dame brannte. Lichterloh. Manche, die sich an jenem Frühlingsabend gerade im Stadtzentrum befanden, näherten sich an, um ungläubig mit anzusehen, wie die Flammen und dunklen Rauchschwaden von dem Monument aus in den Himmel stiegen.

Etliche fingen spontan an zu beten und Kirchenlieder zu singen. Wieder andere verfolgten die Feuerkatastrophe aus der Ferne mit und bangten um das Meisterwerk der Gotik, das seit mehr als acht Jahrhunderten an der Seine steht, Kriege und die Französische Revolution überdauert hatte, so als könne ihm nichts etwas anhaben. Doch das war ein Trugschluss.

Die Ursache für das Drama ist weiterhin unbekannt. Die Ermittler gehen von einem Unfall, beispielsweise einem Kurzschluss, aus. Die Feuerwehr brauchte fast die ganze Nacht, um den Brand in den Griff zu bekommen. Am nächsten Abend versuchte Präsident Emmanuel Macron bei einer im Fernsehen ausgestrahlten Videoaufzeichnung, Mut zu machen, indem er betonte, die Franzosen seien seit jeher „ein Volk der Erbauer“. Deshalb würden sie Notre-Dame in nur fünf Jahren wieder errichten. Und zwar „noch schöner als zuvor“.

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Damals erntete Macron viel Skepsis. Doch es scheint derzeit so, als wenn Macron Wort halten wird, trotz Problemen wie der gefährlich hohen Bleibelastung für die Arbeiter, und trotz der Corona-Pandemie, welche die Baustelle mehrmals zum Stillstand brachten. Die offizielle Wiedereröffnung ist auf den 8. Dezember 2024 angesetzt. Noch stehen hohe Kräne und Gerüste um das Pariser Wahrzeichen, doch bis zu Beginn der Olympischen Spiele Ende Juli soll Notre-Dame bereits wieder das gewohnte äußere Erscheinungsbild haben.

Nachdem der charakteristische Vierungsturm in die Tiefe gestürzt war und einen Teil des Dachs mit sich gerissen hatte, wurde ein neuer Spitzturm geschaffen. Inzwischen ist er wieder platziert, mitsamt einem neuen vergoldeten Kupferhahn, in dessen Inneren die Namen aller am Wiederaufbau beteiligten Personen stehen – es sind fast 2000. Der Original-Hahn, der aus den Trümmern gerettet wurde, soll im zukünftigen Notre-Dame-Museum zu sehen sein, zusammen mit der Dornenkrone von Jesus Christus, einem Heiligen Nagel sowie einem Splitter des Heiligen Kreuzes.

Für das rasante Voranschreiten der Baustelle zolle sie dem Chefarchitekten Philippe Villeneuve großen Respekt, sagt die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner gegenüber unserer Redaktion. „Er musste erst einmal die entsprechende Logistik aufbauen und stellte unter einem enormen Zeitdruck die Organisation sicher, während nebenbei Forschungsarbeiten liefen.“ Sie selbst saß an jenem Abend vor fünf Jahren erschüttert vor dem Fernsehapparat in Köln und blickte auf die Bilder der brennenden Kathedrale. „Ich dachte, mein Herz bleibt stehen.“ Alle, die bis dahin geglaubt hatten, altes Eichenholz brenne schwer, wurden auf tragische Weise eines Besseren belehrt.

Der Dachstuhl, zu großen Teilen bestehend aus Eichen aus dem 13. Jahrhundert, wurde komplett vom Feuer vernichtet. „Trotzdem ist die Kirche sogar noch relativ gut davongekommen“, sagt die Fachfrau. „Der Dachstuhl ist zwar verbrannt, aber nur drei Gewölbe sind eingestürzt und das große Glück war, dass es in den Monaten danach keinen Sturm in Paris gab, der das Gebäude in dieser heiklen Phase der Instabilität noch zum Einsturz hätte bringen können.“

Schock-Werner kennt das Wiederaufbau-Projekt gut, denn die Bundesregierung beauftragte sie mit der Koordination der Hilfen aus Deutschland. Zum einen stellte die Universität Bamberg digitale Daten zur Verfügung: Mitarbeiter der Hochschule hatte 2015 bei einem Studienprojekt die Querhäuser gescannt. Zum anderen war hierzulande eine Summe von rund 700.000 Euro zusammengekommen. Die frühere Kölner Dombaumeisterin wollte sie nicht einfach überweisen, sondern einem konkreten Projekt widmen und hatte die Idee, bei der Restaurierung einiger Kirchenfenster zu helfen.

Dafür wurde in der an den Kölner Dombauhütte angeschlossenen Werkstätte eigens eine Glasrestauratorin, die Elsässerin Élodie Schneider, eingestellt. „Nun können wir sagen, die ersten vier Fenster rechts, nämlich im Obergarten auf der Südseite, wurden von uns gereinigt“, sagt Schock-Werner stolz. Das sei nicht zuletzt ein „schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft“.

Entscheidend für den schnellen Wiederaufbau sei gewesen, dass Präsident Macron diesen zum nationalen Projekt erkoren hatte und Spenden aus der ganzen Welt, vor allem vonseiten großer französischer Konzerne, eingingen. „Jedenfalls litt das Projekt nicht unter Sparmaßnahmen“, so die 76-Jährige. Sie sei mehrmals auf der Baustelle gewesen, wo teils rund 500 Leute gleichzeitig arbeiteten. Die Gerüste wurden in riesigen Einheiten aufgebaut, der neue Dachstuhl kam vorgefertigt mit Schiffen: „Es gab größtmögliche Effizienz.“ Allerdings könne die Kathedrale im Dezember zwar wieder betreten werden, aber die Restaurierung werde noch nicht komplett abgeschlossen sein. „Fertig“ sei ein relativer Begriff.

Tomas van Houtryve war am Abend des 15. April 2019 alleine mit seinen beiden Kindern zu Hause in Paris und hatte wenig Zeit, sich ums Weltgeschehen zu scheren. Durch aufgewühlte Nachrichten von Freunden aus der ganzen Welt erfuhr der belgisch-amerikanische Fotograf dennoch schnell von dem Brand. „Ich war geschockt. Notre-Dame gehörte immer selbstverständlich zum Stadtbild von Paris.“ Vom Fenster eines Freundes aus, der gegenüber der Kathedrale wohnt, machte er kurz darauf erste Aufnahmen, bis ihn die Zeitschrift „National Geographic“ 2020 mit einer Foto-Reportage über den Wiederaufbau beauftragte.

Mit einer Ausnahmegenehmigung bekam er Zutritt und konnte so seine Foto-Reportage umsetzen. Die beschädigte Kathedrale zu betreten, nach oben zu blicken, diese Weite und zugleich Leere festzustellen, das sei sehr beeindruckend gewesen, sagt van Houtryve.

Seine Aufnahmen erschienen nicht nur in dem US-Magazin, das ihn beauftragt hatte, sondern werden derzeit in einer Ausstellung auf dem Vorplatz von Notre-Dame gezeigt. Die Schau illustriert zum einen die Wiederaufbauarbeiten, mit überraschenden Ansichten von den gigantischen Gerüsten, dem klaffenden Loch an der Stelle des Dachstuhls oder von oben auf das Monument, das versorgt wird wie ein verwundeter Patient.

Daneben machte van Houtryve auch Schwarz-Weiß-Bilder von den beteiligten Arbeitern – Dachdeckern, Maurern, Restaurateuren. „Jeweils die Besten ihrer Zunft wurden aus ganz Frankreich geholt und es war spürbar, dass Notre-Dame die Baustelle ihres Lebens ist“, so der Fotograf.

„Ihre Expertise, ihre Passion und die Qualität ihrer Arbeit zu sehen, das gab Zuversicht.“ Denn alle teilten dasselbe Ziel – so wie bereits jene, die 1163 mit dem Bau der Kathedrale begannen, der 182 Jahre dauerte. „Die Menschen damals wussten, dass weder sie selbst noch ihre Kinder und vielleicht nicht einmal ihre Enkel das Gebäude fertig sehen würden. Diese Arbeit über mehrere Generationen hinweg zeigt, dass wir etwas erschaffen können, das größer ist als wir selbst“, betont Tomas van Houtryve. Genau das gelinge heute erneut mit diesem so ambitionierten Wiederaufbau in einer Zeit, in der es der Welt an guten Nachrichten fehlt.

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