Debatte in der Region  Gendern – Fortschritt oder Sprachverfall?

Henrike Gerdes
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Von Henrike Gerdes
| 16.04.2024 09:07 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Aufkleber mit der Aufschrift *INNEN ist in der Stuttgarter Innenstadt zu sehen. Foto: Marijan Murat/dpa
Ein Aufkleber mit der Aufschrift *INNEN ist in der Stuttgarter Innenstadt zu sehen. Foto: Marijan Murat/dpa
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Die Diskussionen rund ums Gendern sind kontrovers. Wir haben eine Befürworterin und Kritiker zu Wort kommen lassen.

Ostfriesland/Oldenburg - Die Genderdebatte erhitzt die Gemüter. Die einen erkennen im Gendern einen wichtigen Schritt für mehr Gleichberechtigung. Andere hingegen sehen in den Veränderungen eine unnötige Verkomplizierung unserer Sprache. Das zeigen Kommentare von Facebook-Nutzern nach Veröffentlichung eines Berichts dieser Zeitung zum Thema.

Wir haben mit der Deutschlehrerin Dr. Christiane Henkes aus Oldenburg darüber gesprochen. Sie ist eine Genderbefürworterin und gendert aktiv mit Sternchen und Gap.

Formen des Genderns

Paarform: Leser und Leserin. Es werden Männer und Frauen angesprochen

Binnenzeichen, wie der Genderstern: Leser*innen. Es werden alle Geschlechter eingeschlossen.

Gendergap: Eine Pause beim Sprechen, die bei Binnenzeichen wie dem Genderstern gemacht wird

Neutrale Formulierung: Lesende – es werden alle Geschlechter angesprochen. Diese Form beschreibt rein grammatikalisch einen Zustand.

Es folgen einige Aussagen von Facebook-Nutzern, zu denen Henkes Stellung nimmt.

„Ich als Frau fühle mich auch angesprochen, wenn in einem Brief Liebe Mitbürger steht. Ich brauche kein * oder -innen“ (Facebook-Nutzerin Jessica)

Die Formulierung „Liebe Mitbürger“ erwecke den Anschein, dass nur Männer gemeint seien, weil in der männlichen Form gesprochen wird. Wenn mit „Liebe Mitbürger“ trotzdem jedes Geschlecht mitgemeint werden soll, handelt es sich um das sogenannte generische Maskulinum. „Dass jemand sich mit der Verwendung des generischen Maskulinums angesprochen fühlt, ist vollkommen okay“, sagt Henkes.

Das Problem, das sie sieht: das generische Maskulinum ist „nicht neutral“. Eine psychologische Untersuchung, die 2022 durch die Technische Universität Darmstadt und die Julius-Maximilians-Universität in Würzburg veröffentlicht wurde, bestätigt das. Demnach werden bei Nutzung des männlichen Genus auch Bilder von Männern in unseren Köpfen erzeugt. Demnach schließen diese Bilder andere Menschen, die sich nicht dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen, aus.

„Für eine absolute Minderheit wird eine Sprache verändert und alle machen mit?!“ (Facebook-Nutzerin Britta)

Menschen, die sich außerhalb unseres Mann-Frau-Schemas definieren, sind in der Minderheit. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts „YouGov“ aus dem Jahr 2021 identifizieren sich in Deutschland sieben Prozent als Teil der LGBTQ+ Community. Dieser Teil der Gesellschaft fühlt sich außerhalb des heterosexuellen Schemas zugehörig und wird auch als „queer“ bezeichnet. Deutschlehrerin Henkes wünscht sich eine Sprache, die alle Menschen gleichermaßen anspricht: „Wenn man tatsächlich versucht, geschlechterneutral oder geschlechtersensibel zu sprechen – das mag jetzt ein bisschen utopisch klingen – könnte vielleicht irgendwann die Zuweisung zu einem biologischen Geschlecht gar keine Rolle mehr spielen. Ich möchte möglichst alle Menschen abbilden. Dann wähle ich doch eine Formulierung, die sich nicht festlegt“, erklärt sie.

„Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen einem Studenten (als generisches Maskulinum) und einem Studierenden!“ (Facebook-Nutzer Roland)

Die Genderform, auf die sich dieser Facebook-User bezieht, ist die neutrale Formulierung. Das Problem: Wenn mit dem sogenannten Partizip gegendert wird, wird grammatikalisch eine Tätigkeit beschrieben und keine Person per se. Hier sieht Henkes eine Chance. In der Vergangenheit gab es eine Diskussion darüber, „dass Studierende und Student nicht dasselbe ist. Ist es auch nicht. Aber wer sagt denn, dass das Wort Studierende nicht seine Bedeutung verändert? Dass es von der Tätigkeit weg zur Funktion geht und nicht mehr an das Wort Studierende die Annahme geknüpft ist, dass eine Person das auch aktiv tut?“

„Eine Sprache muss sich entwickeln und nicht festgelegt werden“ (Facebook-Nutzer Paul)

Der in der Sprachwissenschaft verbreiteten Annahme, dass Sprache sich von unten verändere und nicht von oben vorgegeben werden solle, stimmt Deutschlehrerin Henkes zu. So sei es auch beim Gendern. Unsere Sprache sei einem stetigen Wandel unterlegen, genau wie unsere Gesellschaft. Laut Henkes ist Sprache „etwas, das sich wahnsinnig verändert. Manche Veränderungen sind ein bisschen schmerzhafter, werden deutlicher wahrgenommen. Andere laufen nebenbei und die spüren wir gar nicht.“

In dem Zusammenhang nennt sie als Beispiel die Sprachveränderungen durch die Frauenbewegung in den 1970er Jahren. Seither wird die weibliche Form stärker in die Sprache einbezogen. Henkes: „Sprache ist so, wie sie ist. Aber das heißt, ja nicht, dass sie so bleiben muss“. Die Hochschule Emden-Leer beispielsweise stellt in ihrem Leitfaden für gendersensible Sprache Tipps und Varianten zusammen, wie mit veränderter Ansprache mehr Menschen mitgemeint werden können. Henkes macht deutlich, dass sie es falsch fände, jemandem vorzuschreiben, wie er oder sie reden müsse.

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